Der Staat tötet «El Mencho» (†65) – die Narcos schlagen zurück
So mächtig sind Mexikos Drogenkartelle wirklich

«El Mencho» ist tot und Mexiko versinkt im Chaos. Brennende Autos, Strassensperren, Schiessereien: Die Kartelle wehren sich. Wie viel Macht haben die Narcos wirklich – und wer kontrolliert das Land?
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Schwer bewaffnete Soldaten sichern nach dem Zugriff das Gebiet – der Staat zeigt Stärke. Doch was danach folgt, wirft eine grössere Frage auf: Reicht militärische Macht, um die Kartelle wirklich zu brechen?
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Chiara SchlenzAusland-Redaktorin

Der mexikanische Staat feiert einen historischen Treffer. Einer der meistgesuchten Drogenbosse der Welt ist tot. Doch statt Erleichterung folgt Chaos. Brennende Lastwagen blockieren Autobahnen, Schiessereien legen Städte lahm, Touristen verstecken sich in Hotels. In Teilen Mexikos steht der Alltag still.

Der Tod von Nemesio Oseguera Cervantes (†65), genannt «El Mencho», Chef des Kartells Jalisco New Generation (CJNG), sollte ein Triumph des Staates sein. Stattdessen wird er zur Demonstration der Kartellmacht.

Ein Schlag – landesweite Reaktion

Kaum ist der Kartellchef tot, reagieren seine Netzwerke. In 20 der 32 mexikanischen Bundesstaaten kommt es zu Gewalt, mehr als 250 Strassensperren werden gemeldet. Fahrzeuge brennen, Geschäfte werden angezündet, Sicherheitskräfte greifen ein. In Guadalajara, einer Millionenstadt, bleiben die Strassen leer.

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Soldaten sichern nach dem Zugriff ein Gebiet im Westen Mexikos – der Schlag gegen einen der meistgesuchten Kartellbosse des Landes gilt als militärischer Erfolg mit ungewissen Folgen.
Foto: AP

Das Ausmass der Reaktion ist entscheidend. Sie zeigt: Kartelle können in kürzester Zeit landesweit mobilisieren. Sie können Wirtschaft, Verkehr und Alltag stören. Und sie können den Staat öffentlich vorführen. Die Botschaft der Narcos ist klar: Wer uns angreift, zahlt einen Preis. Bisher sind mindestens 74 Menschen ums Leben gekommen, darunter 25 Nationalgardisten. 

Kartelle als Gegenmacht

Das Jalisco-Kartell ist kein gewöhnlicher Drogenring. Es ist eine paramilitärisch organisierte Schattenmacht. Zehntausende Mitglieder, militärische Waffen, internationale Netzwerke. Die Organisation verdient Milliarden mit synthetischen Drogen, vor allem mit Fentanyl, das in den USA eine tödliche Epidemie antreibt.

Kartelle kontrollieren Transportwege, kassieren Schutzgelder, infiltrieren Polizei und Politik. In vielen Regionen entscheiden sie, wer Geschäfte betreiben darf – oder wer stirbt. Schätzungen des amerikanischen «Council on Foreign Relations» zufolge stehen bis zu einem Drittel des Landes unter kriminellem Einfluss. In diesen Gebieten ist der Staat nicht verschwunden. Aber er ist oft nur eine von mehreren Mächten.

Der Staat im Dauerkrieg

Seit 2006 führt Mexiko offiziell Krieg gegen die Kartelle. Soldaten patrouillieren, Bosse werden verhaftet, Strukturen zerschlagen. Doch die Strategie hat einen Nebeneffekt: Wenn ein Anführer fällt, entsteht ein Machtvakuum. Rivalen kämpfen um Territorien, Splittergruppen entstehen, Gewalt eskaliert – und das Machtvakuum wird erneut von einem Kartell gefüllt.

Die Festnahmen von Sinaloa-Boss Joaquin «El Chapo» Guzman (68) in den Jahren 1993, 2014 und 2016 lösten genau solche Machtkämpfe aus. Auch jetzt droht ein ähnliches Szenario. Der Tod von «El Mencho» könnte das Jalisco-Kartell schwächen – oder zu noch brutaleren Auseinandersetzungen führen. Das Problem: Der Staat kann Bosse töten. Aber er kann das Geschäftsmodell nicht so leicht zerstören. Solange Milliarden mit Drogen verdient werden, entstehen neue Anführer.

Druck aus den USA

Die Operation gegen «El Mencho» wurde auch mit US-Geheimdienstinformationen vorbereitet. Das zeigt, wie eng die Sicherheitsinteressen beider Länder inzwischen verflochten sind.

Die USA kämpfen mit einer Fentanyl-Krise, die jährlich zehntausende Todesopfer fordert. Ein grosser Teil der Droge kommt aus mexikanischen Laboren. Entsprechend gross ist der Druck auf Mexiko, die Kartelle zu bekämpfen. In Washington wird teilweise gar über militärische Einsätze auf mexikanischem Boden diskutiert. Mexiko wehrt sich gegen solche Forderungen. Doch der Einfluss der USA wächst – politisch und operativ.

Symbolischer Sieg, strukturelles Problem

Der Tod von «El Mencho» ist ohne Zweifel ein Erfolg für die mexikanischen Sicherheitskräfte. Ein Boss weniger, ein Kartell geschwächt. Doch die Ereignisse danach zeigen, wie kurzfristig dieser Erfolg sein könnte. Kartelle funktionieren längst wie Unternehmen mit austauschbaren Führungspersonen. Sie sind dezentral organisiert, international vernetzt und finanziell extrem stark. Fällt ein Anführer, übernimmt oft ein anderer.

Der Staat steht damit vor einem Dilemma: Greift er hart durch, riskiert er Eskalation. Greift er zu wenig durch, verliert er weiter Kontrolle.

Wer hat die Macht?

Die brennenden Strassen liefern die Antwort auf die zentrale Frage: Wie mächtig sind Mexikos Kartelle? Sie können innerhalb von Stunden landesweit Strassen blockieren, Städte lahmlegen und den Staat öffentlich herausfordern. Sie kontrollieren Territorien, Milliardenumsätze und bewaffnete Netzwerke, die auch ohne ihren obersten Anführer funktionieren.

Der Tod von «El Mencho» ist ein schwerer Schlag – aber kein Wendepunkt. Solange Geld, Waffen und Einfluss in den Händen der Kartelle bleiben, wird jeder gestürzte Boss ersetzt. Der Staat kann Kartelle treffen und mächtige Männer aus dem Spiel nehmen. Doch die Narcos können weiterhin das Land ins Wanken bringen.

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