Darum gehts
Kaum werden neue Epstein-Dokumente freigegeben, beginnt im Netz die nächste Staffel eines globalen Dauerthrillers. Auf Tiktok zerlegen die User PDFs in Story-Häppchen, auf X entstehen Threads, die jedes Mail wie ein Indiz behandeln. Die Akten sind real – doch online funktionieren sie wie Rohmaterial für eine kollektive Spurensuche. Jede Seite ein Hinweis, jede Lücke ein Beweis, jede Unklarheit ein Cliffhanger.
Die jüngst veröffentlichte Menge an Dokumenten ist gigantisch: Millionen Seiten, Videos, Fotos. Für professionelle Recherchen bedeutet das vor allem Arbeit. Für Social Media: Stoff. Der Umfang selbst wird zum Problem. Denn je mehr Material vorhanden ist, desto leichter lassen sich einzelne Fragmente isolieren und neu zusammensetzen. Grosse, unstrukturierte Datensätze sind ideale Projektionsflächen für bestätigende Lesarten: Wer eine Theorie sucht, findet in der Materialflut fast immer etwas, was wie ein Anfang wirkt – ein Anfang, der sich in jede Richtung weiterdenken lässt.
Tatsächlich enthalten die Dokumente reale Anknüpfungspunkte. Kontakte zu einflussreichen Personen. Widersprüche in Abläufen. Fragmente von Kommunikation. Offene Fragen zu Reisen, Treffen, Partys. All das ist journalistisch relevant. Doch im Netz verschiebt sich die Perspektive: Aus Hinweisen werden Gewissheiten, aus Unklarheiten werden Beweise. Der Sprung von «könnte» zu «ist» geschieht in Sekunden. Genau diese Mischung aus echten Fakten und offenen Stellen macht den Fall so anschlussfähig für immer neue Erzählungen.
Die Rückkehr der alten Mythen
Ein Klassiker erlebt gerade wieder Hochkonjunktur: die These, Jeffrey Epstein lebe noch. Widersprüche in Gefängnisprotokollen, fehlende Minuten in Kameraaufnahmen oder ein viral gehendes Foto eines Doppelgängers reichen, um eine alternative Geschichte zu bauen. Offizielle Dokumente halten fest, dass Epstein 2019 durch Suizid starb. Auf Tiktok und Instagram wird aktuell gar behauptet, dass sein E-Mail-Account nach 2019 noch aktiv war – Beweise werden keine geliefert.
Parallel dazu haben sich die Narrative radikalisiert. In einigen Ecken des Netzes kursieren extreme Behauptungen über angebliche Rituale, Kannibalismus oder andere groteske Praktiken. Beispielsweise wird behauptet, dass an den Epstein-Partys die Innereien von Kindern gegessen worden seien. Belege dafür fehlen.
Diese Geschichten entstehen selten aus dem Nichts. Meist beginnen sie mit einem Fragment: ein missverstandener Begriff in einem Mail, eine falsch interpretierte Überweisung, ein aus dem Kontext gerissenes Zitat. Daraus wird ein Clip, dann ein Thread, dann ein Podcast. Am Ende steht eine scheinbar geschlossene Geschichte. In der nötigen Detailtiefe lassen sich solche Behauptungen durch die Akten nicht belegen. Doch der Weg von der Andeutung zur Gewissheit ist im digitalen Raum kurz.
Warum es gerade jetzt wieder eskaliert
Warum finden diese Erzählungen gerade jetzt wieder so viel Resonanz? Zum einen, weil neue Dokumente Aufmerksamkeit garantieren. Jede neue Akte wirkt wie eine Fortsetzung. Zum anderen, weil der Fall Epstein einen Nerv trifft. Ein extrem reicher Täter, vernetzt mit Politik, Wirtschaft und Prominenz, der lange unbehelligt blieb – das bestätigt verbreitete Intuitionen über Macht und Straflosigkeit. Der reale Skandal ist so erschütternd, dass er als glaubwürdiger Anker für grössere Erzählungen dient. Wenn Machtmissbrauch real ist, so die Logik vieler Nutzer, dann könnte auch das noch Grössere wahr sein.
Hinzu kommen die Eigenheiten der Plattformen. Tiktok belohnt Dramatisierung, X belohnt Zuspitzung, Podcasts belohnen Spannung. User inszenieren sich als Ermittler, Communitys lesen gemeinsam «zwischen den Zeilen». Der Fall wird zu einer Art interaktivem True-Crime-Universum, in dem jede neue Seite Material für die nächste Theorie liefert. Aufmerksamkeit wird zur Währung – und extreme Behauptungen bringen die meiste.