Darum gehts
Jetzt sind sie da, die Epstein-Files: Mehr als drei Millionen Seiten neue Dokumente (darunter 180'000 Fotos und 2000 Videos) hat das US-Justizministerium am Freitag veröffentlicht. Würde man die gesamten Epstein-Files auf A4-Seiten aufeinander beigen, wären sie zweimal so hoch wie der Eiffelturm. «Das ist alles, was wir haben», versprach der stellvertretende Justizminister Todd Blanche (51).
Bis sich die Öffentlichkeit einen Überblick über die schiere Menge an neuen Daten verschafft hat, dürfte es noch Tage dauern. Jetzt schon ist klar: Prinz Andrew (65) und Bill Gates (70) haben derzeit unruhige Nächte. Donald Trump (79) kommt – trotzt mehr als 1000 Erwähnungen in den Files – glimpflich davon. Doch ausgesessen ist die Sache für ihn damit nicht.
Laut einer CNN-Umfrage glaubten Anfang Jahr zwei Drittel aller Amerikaner fest daran, dass die US-Justizbehörden die wirklich heissen «Beweise» unter Verschluss halten und mächtige Männer wie Donald Trump weiterhin schützen. Das hat sich nach den jüngsten Veröffentlichungen nicht geändert. «Sie sollen die ganzen Dokumente veröffentlichen, nicht nur jene, die ihnen in den Kram passen», sagt Winny Schrader (44), Hotelbetreiberin im Hinterland von Minneapolis, am Samstagabend zu Blick. Ihre Skepsis steht stellvertretend für viele Amerikaner.
Kaum jemand glaubt dem Justizministerium
Auch bei den grossen Anti-ICE- und Anti-Trump-Protesten in Minneapolis dieses Wochenende war der Spruch «Veröffentlicht die Dokumente» prominent auf den Plakaten der Demonstranten zu sehen. Wohlgemerkt: Nachdem das Justizministerium genau das gemacht hatte und Todd Blanche versprochen hat, dass sein Amt keine weiteren Dokumente besitze.
Das Misstrauen gegenüber den Transparenzbemühungen seiner Regierung hat sich Donald Trump selbst zuzuschreiben. Nicht erst seit seinem letzten Wahlkampf vermischt der 47. US-Präsident Fakt und Fiktion nach Belieben.
Eines der eindrücklichsten Beispiele für die Verwirrtaktik der Trump-Regierung lieferte Vizepräsident J. D. Vance (41). Er verbreitete im Herbst 2024 die Mär, lateinamerikanische Migranten würden in Springfield, Ohio, Katzen und Hunde stehlen und verspeisen. Die Story wird von rechten Radiosendern noch heute als Beleg für die Migrationsmissstände im Land rauf und runter gespielt. Angesprochen auf die nachweisliche Falschinformation sagte Vance: «Wenn ich eine Geschichte erfinden muss, damit die Öffentlichkeit dem Thema endlich Aufmerksamkeit schenkt, dann werde ich das tun.»
«Glaub nicht alles, was du denkst»
George Orwell schrieb in seinem Roman 1984 davon, wie die Regierung ihrem Volk verschreibe, nicht mehr zu glauben, was sie mit ihren Augen sehen und mit ihren Ohren hören. Amerika ist 2026 genau da angelangt. Wer sich mit Fakten zufriedengibt, ist selbst schuld. Die Epstein-Files sind veröffentlicht? Dann veröffentlicht jetzt die Epstein-Files!
Amerika betreibt das misstrauische Infragestellen offizieller Angaben und Daten als gefährlichen Zeitvertreib. Doch ohne Einigung auf ein paar grundlegende Fakten verliert jede Diskussion an Bedeutung, verkommt jedes Streitgespräch zu einem Austausch von inhaltsleeren Lautäusserungen.
Dabei beschränkt sich das Misstrauen nicht einmal mehr auf das, was andere sagen oder Offizielle vermelden. Das Misstrauen führt zu einer Art mentaler Selbstverstümmelung, auch bezüglich allem, was im eigenen Kopf vorgeht. «Glaub nicht alles, was du denkst!», las dieser Reporter am Wochenende auf einem Aufkleber an einem Auto, das sich den Weg durch eine frischverschneite Quartierstrasse von Minneapolis bahnte. Nichts als ein ironischer Kommentar? Womöglich.
Klar bleibt: Amerika begibt sich auf gefährlich rutschiges Gelände – nicht nur wegen des aktuellen Schneefalls in weiten Teilen des Landes.