Editorial über Sex, Macht und Eliten
Was uns Epstein wirklich verrät

Die Enthüllungen der US-Justiz bedienen unsere Neugierde – und zertrümmern das glatt polierte Image der Weltenlenker.
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Sexualstraftäter und Investmenbanker Jeffrey Epstein (1953–2019).
Foto: keystone-sda.ch
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Reza RafiChefredaktor SonntagsBlick

Das Phantom ist wieder da: Sechseinhalb Jahre nach seinem Tod beherrscht Jeffrey Epstein noch einmal die Schlagzeilen. Der verurteilte Sexualstraftäter hatte ein Geflecht aus persönlichen Beziehungen aufgebaut, das bis in die Spitzen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Elite reichte. 

Am Freitag veröffentlichte die US-Regierung dreieinhalb Millionen weitere Akten, und das Publikum ergötzt sich an «juicy details» – einem Foto von Prinz Andrew, der über einer jungen Frau am Boden kauert, einer angeblichen Geschlechtskrankheit von Bill Gates, die er sich bei einer Russin geholt haben soll (was er bestreitet), einem Mail von Elon Musk, der sich bei Epstein nach der «wildesten Party» auf seiner Privatinsel Little Saint James erkundigte, einer Verabredung mit US-Handelsminister Howard Lutnick zum Lunch auf dem berüchtigten Eiland. 

Die juristische Relevanz der Enthüllungen bleibt im Dunkeln. Aufschlussreich indessen erscheint die Fallhöhe zwischen dem öffentlichen Bild dieser Leistungsträger und den menschlichen Untiefen, auf die die neue Ladung Mails, Fotos und Videos schliessen lässt. Der Microsoft-Gründer und der Tesla-Chef sind nicht bloss vermögende Unternehmer. Bei ihnen handelt es sich um die Cäsaren unserer Zeit – Überfiguren, die mitprägen, wie die Menschheit kommuniziert und denkt. 

Epsteins Zauber – die Hypnose in der Hose

Umso rätselhafter erscheint Epstein, die Hauptfigur des Skandals: Wie, um Himmels willen, brachte ein Investmentbanker Typen vom Kaliber eines Bill Clinton oder Gates dazu, sich per «Lolita Express» in ein riskantes Labyrinth aus Altherrenerotik und glatt poliertem Chauvinismus fliegen zu lassen? Für die Befriedigung ihrer Lüste stehen solchen Ausnahmefiguren diskretere Angebote zur Verfügung. Epsteins Zauber – die Hypnose in der Hose – liess die Halbgötter des Kapitals offenbar zu naiven Normalsterblichen schrumpfen, zu blossen Triebwesen im freudschen Sinn. 

Bis zum Zeitalter der Aufklärung frönten Herrscher – von den Kaisern des alten Rom bis zu den Königen des Barocks – ungeniert irdischen Genüssen, während ihre Völker darbten. Erst das Ende der Monarchie zwang die Mächtigen in eine öffentliche Vorbildrolle. Das Phantom Epstein offenbart nun: Sie ist vielfach nur Fassade.

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