«Ich kann nicht leugnen, dass die Frau, die ich traf, mich berührt hat»
Journalistin erinnert sich an Interview mit Christa Pike

Vor 20 Jahren interviewte die Journalistin Helen Roberts die verurteilte Mörderin Christa Pike in Tennessees Todestrakt. Nun erinnert sie sich an die Begegnung zurück.
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Pike wurde in den 90er zum Tode verurteilt.
Foto: keystone-sda.ch
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Natalie ZumkellerRedaktorin News

Christa Pike, die jüngste Frau, die je in den USA zum Tode verurteilt wurde, überlebte am Mittwoch zwei tödliche Injektionen und befindet sich seither in kritischem Zustand. Die 50-Jährige war seit 1996 in der Todeszelle, nachdem sie für den brutalen Mord an der 19-jährigen Colleen Slemmer verurteilt wurde.

Helen Roberts, eine britische Journalistin, die Pike 2006 interviewte, ist von der jüngsten Entwicklung tief erschüttert. «Ich kann nicht fassen, was passiert ist», sagte sie der BBC. «Die Ironie, dass der Staat versucht, sie zu töten, um sie dann im Spital zu retten, ist unfassbar.»

«Ging ohne Vorurteile in das Gespräch»

Vor 20 Jahren traf Roberts, damals in ihren Zwanzigern, die damals 30-jährige Pike im Hochsicherheitsgefängnis für Frauen in Nashville, Tennessee. Als Redaktorin eines Frauenmagazins wollte sie mehr über die Person erfahren, die hinter dem Verbrechen stand. «Ich ging ohne Vorurteile in das Gespräch, erwartete aber eine sehr brutale, ehrliche Frau zu treffen», erinnerte sich Roberts. Stattdessen begegnete sie einer «ganz normalen Frau, die warmherzig wirkte und lachen konnte».

Pike wurde 1996 verurteilt, weil sie zusammen mit ihrem damaligen Freund Tadaryl Shipp Slemmer gefoltert und ermordet hatte. Die junge Frau hatte Slemmer beschuldigt, sich an ihren Freund herangemacht zu haben. Laut Zeugen prahlte Pike vor und nach der Tat mit dem Mord und zeigte ein Stück von Slemmers Schädel. Während Pike die Todesstrafe erhielt, wurde Shipp, der damals erst 17 Jahre alt war, 1997 zu lebenslanger Haft verurteilt.

Im Interview mit Roberts sprach Pike ohne Zögern über den Mord. «Es gab keine Emotionen», erklärte Roberts. Pike habe die Tat als eine Art «ausserkörperliches Erlebnis» beschrieben. Sie habe behauptet, in jener Nacht den Verstand verloren zu haben. Später gab sie an, dass sie tief bereue, was sie getan habe, aber sie sei sich bewusst, dass Worte den Schaden nicht wiedergutmachen könnten.

23 Stunden täglich eingesperrt

Pike wuchs in ärmlichen Verhältnissen in Beckley, West Virginia, auf. Ihre Eltern waren Alkoholiker und vernachlässigten sie. Sie erzählte Roberts von ihrer schwierigen Kindheit, geprägt von Vernachlässigung, Misshandlung und sexuellen Übergriffen sowohl durch einen Nachbarn als auch einen Fremden. Sie sei von Schule zu Schule gezogen, bevor sie mit 18 Jahren dem Knoxville Job Corps beitrat, um eine Ausbildung zur Krankenschwester zu beginnen.

Doch diese Hoffnung auf einen Neuanfang endete tragisch. Während ihres elfjährigen Aufenthalts in der Todeszelle zum Zeitpunkt des Interviews war Pike 23 Stunden am Tag eingesperrt, isoliert von anderen Gefangenen. Trotzdem fand sie Trost in Büchern, Fernsehen und im Briefwechsel mit Aussenstehenden.

Dankkarte mit Schmetterlingen

Nach dem Interview schickte sie Roberts eine handgemalte violette Karte in Form eines Schmetterlings. Darin bedankte sie sich: «Danke, dass Sie nett waren, danke, dass Sie mich wie eine Frau behandelt haben.»

Trotz des brutalen Verbrechens, das Pike begangen hat, bleibt Roberts’ Begegnung mit der Frau unvergessen. «Ich kann nicht leugnen, dass die Frau, die ich traf, mich berührt hat», sagte sie. «Ich wollte Christa Pike als Mensch kennenlernen, ihre Geschichte verstehen. Sie selbst sagte, dass sie in der Nacht des Mordes nicht mehr sie selbst war. Ihr Leben hätte anders verlaufen können, wenn sie rechtzeitig Hilfe bekommen hätte.»

«Ich denke, sie weiss, dass sie ihr Leben verschwendet hat»

Pikes geplante Hinrichtung war von einem internationalen Aufschrei begleitet. Laut BBC hatten auch Experten der Vereinten Nationen dazu aufgerufen, die Hinrichtung zu stoppen, und ihre Anwälte verwiesen in einem 226-seitigen Gnadengesuch auf die Folgen von Pikes traumatischer Kindheit und ihren psychischen Problemen. Doch das Gnadengesuch wurde abgelehnt.

Am Tag der geplanten Hinrichtung weigerte sich Pike, ihre letzte Mahlzeit einzunehmen. «Den ganzen Tag über konnte ich an nichts anderes denken als an sie», sagte Roberts. Die Nachricht, dass Pike die Injektionen überlebt hatte, sei wie ein Schock gewesen. «Es ist absolut barbarisch, was ihr widerfahren ist», sagte die Journalistin und fügte hinzu: «Ich denke, sie weiss, dass sie ihr Leben verschwendet hat, und ich glaube, sie weiss, dass sie Gutes hätte tun können – aber sie hat es nicht getan.»

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