Ausland-Reporter Samuel Schumacher über russische Atomdrohung gegen Litauen
Trump wird Europa nicht helfen – und der Krieg ist so nahe wie noch nie

Nie war die russische Bedrohung für Europa grösser als jetzt. Eine neue Warnung der CIA zeigt: Auch die Schweiz könnte Moskaus Drohnenterror theoretisch bald zu spüren bekommen. Dazu kommt eine neue Trump-Enthüllung aus Belgien, die alles noch schlimmer macht.
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Eine russische Nachrichtenagentur drohte der Hauptstadt Litauens verklausuliert mit einem Atomschlag. Der Artikel wurde inzwischen wieder gelöscht – doch die Angst bleibt.
Foto: Imago

Darum gehts

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Samuel SchumacherAusland-Reporter

Wer wissen will, was Russland als Nächstes plant, muss nur gut hinhören, was Moskau rausposaunt. Ein Beispiel: Anfang Woche publizierte die staatliche Nachrichtenagentur RIA Novosti einen Artikel, der Litauen mit einem Atombombenangriff droht. Wenig später löschte die Agentur den Artikel wieder.

Moskau rudert zurück und behauptet, das habe man alles nicht so gemeint. Passt zur Verwirrungstaktik, die Russland seit Jahr und Tag praktiziert. Doch die beschwichtigenden Töne aus dem Kreml dürfen uns nicht täuschen: Nie war die russische Gefahr für Europa grösser als jetzt. Und eine neue Enthüllung aus Brüssel macht die Lage einen ganzen Ticken unberechenbarer.

151 belegte russische Attacken – Hackerattacken, Desinformationskampagnen, versuchte Bombenattentate etwa auf ein Flugzeug am Flughafen Leipzig – haben amerikanische Geheimdienste zwischen März 2022 und März 2026 in Europa registriert: deutlich mehr als in der Zeit vor dem Ukrainekrieg. Erst Anfang Jahr tauchten 19 russische Drohnen am polnischen Himmel auf. Und kürzlich schoss ein russisches Kriegsschiff Leuchtraketen auf einen dänischen Militärhelikopter.

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Nato-Kampfflugzeuge üben im Baltikum seit längerer Zeit für einen möglichen russischen Angriff.
Foto: keystone-sda.ch

Die jüngste Provokation gegenüber Litauen passt perfekt in dieses Schema. Doch das Land lässt sich nicht so rasch aus der Ruhe bringen. Ich habe die baltische Republik mehrfach besucht, unter anderem während des Nato-Gipfels 2023. Die Litauer sind resilient wie Granit. Anti-Putin-Souvenirs gibts en masse. Spezialeinheiten patrouillieren entlang der Grenze zu Belarus. Und in der Verfassung (Artikel 139) steht, dass jedermann sein Land im Fall eines Angriffs vor dem Feind bis zuletzt verteidigen muss – auch Zivilisten. 

Die belgische Trump-Warnung

Als «hybrid» bezeichnen diplomatische Kreise die bisherigen russischen Angriffe auf Europa, weil sie keine kriegerische Attacke im klassischen Sinn darstellen. Der estnische Geheimdienstchef Kaupo Rosin (49) etwa findet, das sei eine gefährliche Verniedlichung, und fordert, dass man all diese Angriffe endlich als das bezeichne, was sie seien: russischer Staatsterror.

Selbst der amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA hat jüngst die Alarmglocken schrillen lassen und Frankreich, Italien und Spanien informiert, dass es Hinweise auf mögliche russische Drohnenangriffe auf ihre Staatsgebiete gäbe. Konkret könnte Russland versuchen, von seinen Schiffen im Mittelmeer Gerbera-Drohnen mit bis zu 600 Kilometer Reichweite abzufeuern. 

Kleiner Realitätscheck dazwischen: Ja, auch die Südschweiz (Wallis, Tessin und Graubünden) läge theoretisch in Reichweite der russischen Mittelmeerdrohnen, vor denen die CIA explizit warnt.

Beängstigend ist auch die jüngste Enthüllung aus Belgien über US-Präsident Donald Trump (80). Die Zeitung «Financial Times» hat ein internes Dokument aus dem belgischen Aussenministerium einsehen können, das ganz offen und unverblümt festhält, die Vereinigten Staaten seien kein Verbündeter mehr, solange Trump das Land regiere. In dieser Deutlichkeit hat das bislang kein offizielles Dokument festgehalten.

Belgische Diplomaten werden dazu aufgefordert, Beziehungen zu Trump-Gegnern aufzubauen, um europäische Interessen mittelfristig zu wahren. Brüssel weibelt offiziell dafür, nicht länger auf die Amerikaner zu zählen.

Das Dokument stammt von Ende 2025. Seither hat Trump nicht viel unternommen, um die belgischen Ängste zu schmälern. Neue Strafzölle, neue Angriffe auf europäische Staatslenker, ein neuer Krieg im Nahen Osten, der auch uns in Europa kräftig zu schaffen macht: Das alles unterstreicht, wie richtig die belgischen Diplomaten mit ihrer Warnung lagen.

Kriegsende in der Ukraine wäre Gefahr für Europa

Derweil lassen die USA offiziell prüfen, wie viele ihrer rund 37'000 in Europa stationierten Soldaten man aus der Alten Welt abziehen oder mindestens in andere Länder verlegen könnte. Dabei soll offenbar auch die Frage eine Rolle spielen, wie Trump-freundlich die Regierungen der betroffenen Länder zuletzt waren.

Klar ist: Mit der schwindenden amerikanischen Beistandsgarantie für Europa steigt die russische Risikobereitschaft. Wann einen Angriff wagen, wenn nicht jetzt, dürften sich die Falken im Kreml sagen. Das Tragische daran: Solange Wladimir Putins (73) Sturmtruppen in der Ukraine beschäftigt sind, bleibt das Risiko für einen russischen Angriffsversuch auf Europa klein. Sobald das langersehnte Ende des Kriegs kommt, siehts plötzlich ganz anders aus.

Russland werde ja all seine Kämpfer irgendwie beschäftigen müssen, sagte mir der lettische Präsident Edgars Rinkevics (53) kürzlich in einem Interview. «Nicht jeder Russe, der heute in der Ukraine kämpft, wird nach dem Krieg als Mechaniker, Bauer oder Gefangener ins zivile Leben zurückkehren wollen.» Das Problem lösen könnte eine weitere «militärische Spezialoperation». Wir wissen jetzt: Europa muss dann damit rechnen, allein mit dem russischen Feind klarzukommen.

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