Der iranische Politologe M. R. (47) lebt in Dubai und beobachtet das Geschehen im Auftrag der Regierung eines europäischen Landes. Zudem berät er europäische Unternehmen und besitzt einen europäischen Pass. Während einer Reise durch den Iran sprach er mit Jugendlichen, Generälen sowie mit Menschen in Städten und Dörfern. Da er regelmässig in den Iran reist, möchte er anonym bleiben.
Sie sind am Donnerstag nach einer dreiwöchigen Reise durch den Iran zurück nach Dubai gekommen…
…ja, auf dem letzten Flug. Emirates setzte die Flüge zwischenzeitlich aus. Jetzt kann man von Dubai aus den Iran wieder erreichen. Ein Bekannter von mir ist am Samstag nach Teheran geflogen.
Auf X sind viele Videos zu sehen, die auf den Strassen einen starken Widerstand gegen das Regime zeigen. Geben diese Videos ein realistisches Bild wieder?
Ja, der Widerstand gegen das Regime ist tatsächlich stark. Täglich nimmt er zu. Als ich vor drei Wochen ankam, fielen mir die verschmutzte Luft und das verseuchte Wasser auf. Als würde das Regime versuchen, die Menschen damit zu schwächen. Trotzdem gehen sie auf die Strasse. Alle haben genug von Führer Ayatollah Chamenei – sogar Leute im Regime.
Also auch die militärische Führung?
Ein General hat mir in Teheran gesagt: «Unser Fehler war es, dass wir den Schah nicht durch einen General, sondern einen Mullah ersetzt haben.»
Welche Menschen sind auf der Strasse? Junge? Gebildete? Arbeiter?
Eine Mischung aus allem. Arme, die sich nur noch Brot leisten können und in den letzten Jahren kaum Fleisch gegessen haben. Dazu Studenten und Arbeiter. Die Mittelschicht gibt es nicht mehr. Wir haben nur noch die Reichen und die Unterschicht.
Wie grossflächig ist der Widerstand?
Früher fanden die Demonstrationen nur in grossen Städten statt. Jetzt sieht man sie sogar in meiner kleinen Stadt im Norden des Iran. Die Menschen haben dort Gebäude in Brand gesteckt.
Westliche Medien berichten, es handele sich um einen wirtschaftlichen Aufstand.
Es geht längst nicht mehr nur um hungernde Menschen. Sicher, dieses Regime hat die Wirtschaft zerstört. Sie haben die Kontrolle über die Inflation verloren. Alles bricht gerade zusammen. Die Menschen haben erkannt, dass sie sterben werden, wenn sie nicht aufstehen. Sie sagen buchstäblich: Das Regime bringt uns um – durch Hunger, durch schlechte Luft, durch verseuchtes Wasser.
Wie aggressiv reagiert die Polizei?
Als ich unlängst auf dem Basar von Teheran war, habe ich überall gut ausgerüstete Bereitschaftspolizei gesehen. Sie sprechen nicht mit Teheraner Akzent, sondern mit kurdischem oder einem anderen. Man sieht, dass sie sie aus verschiedenen Orten hergebracht haben.
Das Regime holt sie aus kleinen Städten nach Teheran?
Sie versetzen Polizisten vom Norden nach Teheran oder von Teheran in den Süden. Würden sie Leute aus denselben Städten einsetzen, hätten sie vielleicht Empathie und würden nicht so hart durchgreifen.
Was sind die Forderungen der Demonstranten?
Etwas ist neu: Die Mehrheit sagt jetzt, wir wollen den Schah zurück. Wir wollen das Pahlavi-System, die Monarchie zurück. Sie wollen keinen Islam mehr. Ich habe im ganzen Land mehr als tausend Menschen befragt: «Sehen Sie sich als Muslim oder Nicht-Muslim?» 91 Prozent gaben an, Atheisten zu sein. Nur 9 Prozent sagten, sie seien Muslime. Im Iran herrscht Säkularismus, anders als im Irak, in der Türkei oder in Syrien.
Der Sohn des Schahs lebt seit über 40 Jahren in den USA. Spielt er wirklich eine Rolle im Iran?
Früher haben die Protestierenden nie gesagt, dass sie den Schah zurückhaben wollen. Früher wollten sie Reformisten. Aber jetzt sehen sie die Reformisten und die Konservativen als gleich an – als «Good Cop, Bad Cop»-Politik. Sie verstehen, dass beide zusammenarbeiten, um das Regime aufrechtzuerhalten.
Wissen die jungen Menschen, die den Schah nie erlebt haben, überhaupt, dass es einen Sohn in den USA gibt?
Ich war von den jungen Iranern beeindruckt. Diese Generation Z, etwa 18 bis 22 Jahre alt, diese Kinder haben ein grösseres globales Bewusstsein als Menschen in meinem Alter. Die jungen Leute haben sich damit beschäftigt, was Reza Schah nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Iran gemacht hat und was sein Sohn Mohammed Reza Schah getan hat. Sie vergleichen es mit dem aktuellen Regime. Und sie sehen, dass die Mullahs nichts getan haben. Sie gaben das Geld dafür aus, den Terror zu finanzieren und die Ideologie des schiitischen Islam zu exportieren.
2018 und 2022 wurden die Aufstände in Iran brutal niedergeschlagen. Kommt es dieses Mal anders?
Viele Bereitschaftspolizisten wollen nicht mehr hart durchgreifen, weil sie das Gefühl haben, dass dieses Regime am Ende ist. Wenn sie anfangen, hart durchzugreifen, könnten später Strafverfolgungsbehörden gegen sie vorgehen.
Auf was hoffen die Iraner jetzt?
Die Iraner hoffen auf US-Präsident Donald Trump. Er hat mit der Verhaftung des venezolanischen Diktators Nicolás Maduro gezeigt, wozu er imstande ist. Auch wenn Europa ihn nicht mag: Die Menschen im Iran lieben Trump. Trump ist der Retter. Sie nennen ihn «Onkel Trump», sie nennen ihn Jesus, sie nennen ihn Mahdi – das ist in der schiitischen Religion jemand, der die Ankunft Jesu vorbereitet.
Trump hat gesagt, wenn das Regime anfängt, Menschen zu töten, wird er eingreifen. Was bedeutet das?
Es geht um «Responsibility to Protect» – die Verantwortung zu schützen. Es gibt einen Artikel der Vereinten Nationen, der vor 21 Jahren verabschiedet wurde und 2011 gegen den libyschen Diktator Gaddafi angewendet wurde. Was Trump gesagt hat, bedeutet: Wir werden uns einmischen, wenn Sie dem iranischen Volk etwas antun.
Welches Interesse haben die USA denn im Iran?
Sie wollen, dass der Iran das Polen im Nahen Osten wird. Polen ist für die USA in Europa zum wichtigen Verbündeten geworden.
Wie kann der Iran den USA als strategischer Partner dienen?
Die USA verfolgen im Iran vier Ziele: erstens die Sicherheit Israels. Die USA brauchen einen Verbündeten, damit niemand in der Region mehr die Sicherheit Israels bedrohen kann. Zweitens Energiesicherheit. Iran hat vermutlich mehr Gasfelder als Russland. Der Iran könnte ein zuverlässigerer Gaslieferant für Europa sein als Russland. Drittens die Isolierung Chinas. Wenn die USA den Iran als strategischen Verbündeten gewinnen, können sie China geografisch isolieren. Viertens die Bestrafung Russlands. Wenn Russland den Iran verliert, verliert es seinen wichtigsten Verbündeten – und somit Zugang zu einem warmen Meer.
Auch Israel unterstützt den Widerstand gegen das iranische Regime.
Das iranische Volk muss das Gefühl haben, dass Amerika hinter ihm steht. Israel reicht nicht aus, weil es ein kleines Land ist. Im 12-Tage-Krieg letzten Sommer sind die Menschen nicht auf die Strasse gegangen, weil sie dachten, Israel stünde hinter ihnen. Trump sagte damals: «Beendet den Krieg, tötet Chamenei nicht.» Aber jetzt sagt Trump: «Ich werde dich verfolgen, Chamenei. Ich werde das Regime verfolgen.» Die Menschen wissen seit Venezuela, dass er zu seinem Wort steht. Deshalb fühlen sie sich stark unterstützt.
Wird das Regime also fallen?
Ein Regimewechsel ohne die Beteiligung der USA und Israels ist schwierig. Das Regime kann noch überleben, wenn die Menschen nur 20 Tage demonstrieren. Sie haben genug Geld und Gold. Viele Regime-Anhänger haben ihre Familien bereits nach Dubai geschickt. Was teuer ist.
Ohne Zutun der USA fällt das Regime nicht?
Genau. Trump sagt: Wenn ihr Menschen tötet, werden wir kommen und euch vernichten. Jetzt töten die Iraner Menschen. Es ist möglich, dass wir in den nächsten Tagen gezielte Militärschläge sehen. Nach allem, was Trump mit Maduro gemacht hat, verstehen die Menschen, dass Amerika hinter ihnen steht – und das gibt ihnen Energie.
Und nach einem allfälligen Sturz des Regimes: Wer hat Einfluss?
Die Iraner hassen die Briten und die Franzosen, weil sie Chameini eingesetzt haben. Sie mögen die Deutschen, die Skandinavier, die Schweiz und Österreich. Wenn es um Investitionen im zukünftigen Iran geht, sind deutschsprachige Länder und die Skandinavier besonders willkommen. China ist nicht willkommen, Russland ist nicht willkommen, Frankreich ist nicht willkommen, Grossbritannien ist nicht willkommen. Amerika ist willkommen wegen Trump.
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