Zehntausende protestieren im Iran gegen Gottesstaat
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Regime unter Druck:Zehntausende protestieren im Iran gegen Gottesstaat

Moscheen in Brand, Internet-Blackout
Im Iran entlädt sich die Wut gegen die Religiösen

Die Proteste im Iran eskalieren: In Städten gehen Zehntausende auf die Strasse, Moscheen brennen. Aus Wut über Inflation und Armut ist binnen Tagen die grösste regimekritische Bewegung seit Jahren entstanden – gefordert wird der Sturz des Gottesstaates.
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Eine brennende Moschee in Irans Hauptstadt Teheran – Menschen erheben sich gegen das islamische Regime.
Foto: Screenshot X

Darum gehts

  • Proteste im Iran eskalieren, fordern Sturz der Islamischen Republik.
  • Über 50 Banken und 30 Moscheen wurden in Brand gesetzt.
  • Internet blockiert seit Freitag, Spitäler mit Verletzten überfüllt.
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Daniel KestenholzRedaktor Nachtdienst

Im Iran eskalieren die landesweiten Proteste weiter. In den Millionenstädten Teheran und Maschhad kam es den zweiten Tag in Folge zu schweren Strassendemonstrationen. Aus Protesten gegen Inflation, Währungsverfall und Armut ist binnen Tagen die grösste regimekritische Bewegung seit Jahren geworden – mit offenen Forderungen nach dem Sturz der Islamischen Republik. Der Volksaufstand fordert das Ende des Gottesstaates.

In sozialen Netzwerken kursieren Videos von Menschenmassen an zentralen Plätzen, brennenden Gebäuden und chaotischen Szenen. Bilder zeigen, wie mutige Demonstranten die Flagge mit Löwe und Sonne schwenken, die bis 1979 die Nationalflagge des Iran war. 

Ein Arzt aus Teheran sagte dem US-Magazin «Time», sechs Krankenhäuser in der iranischen Hauptstadt hätten zusammen mehr als 200 Todesfälle unter Demonstranten verzeichnet – die meisten seien demnach «durch scharfe Munition» getötet worden. Unabhängig bestätigen lassen sich diese Zahlen jedoch nicht.

Mehr als 50 Banken und staatliche Einrichtungen seien angezündet worden, berichtete der Bürgermeister von Teheran, Alireza Zakani (59). «Mehr als 30 Moscheen gingen in Flammen auf», sagte er laut der iranischen Nachrichtenagentur Mehr. Ein Video zeigt, wie eine Menschenmenge vor einer Teheraner Moschee in Flammen «Iran, Iran!» skandiert.

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Boom vor der Revolution

Vor der Islamischen Revolution 1979 war Iran unter Schah Mohammad Reza Pahlavi (1919-1980) eine säkulare Monarchie mit westlich orientierter Modernisierung. Das vormalige Persien erlebte durch Öleinnahmen einen Wirtschaftsboom. Frauen genossen weitgehende Freiheiten ohne Kopftuchpflicht, Teheran galt als kosmopolitische Metropole mit Kinos, Universitäten und westlicher Popkultur.

Die «Weisse Revolution» ab 1963 brachte Landreformen, Frauenwahlrecht und Industrialisierung, doch autoritäre Herrschaft, Korruption und die brutale Geheimpolizei Savak lösten wachsende Unzufriedenheit aus. Es kam zur Revolution – fast ein halbes Jahrhundert später könnte sich jetzt die Konterrevolution anbahnen.

Blackout

Die jetzige Protestwelle hatte am 28. Dezember begonnen. Am Mittwoch weiteten sich die Proteste dramatisch aus und scheinen gezielt gegen die religiöse Führung gerichtet. Am Freitag kappten die Behörden das Internet landesweit. Die Bevölkerung ist weitgehend vom Rest der Welt abgeschnitten. Nur noch vereinzelt dringen Bilder nach aussen, das tatsächliche Ausmass der Proteste bleibt unklar.

Übereinstimmenden Berichten von Augenzeugen zufolge sind Spitäler in Teheran und grossen Städten überfüllt mit Verletzten der Proteste. Es ist von bislang Dutzenden Todesopfern die Rede. Auf Hauptverkehrsachsen sind schwer bewaffnete Spezialeinheiten mit Kalaschnikows postiert.

Die Regierung bezeichnet die Demonstrierenden als «Randalierer» und «vom Ausland gesteuerte Terroristen». Revolutionsführer Ayatollah Ali Chamenei (86) kündigte an, das Regime werde «nicht zurückweichen», sprach von einer vom Ausland gesteuerten Verschwörung und drohte mit kompromissloser Härte. Währenddessen riefen Demonstranten auf den Strassen «Tod dem Chamenei» und «Freiheit, Freiheit».

Flucht Chameneis?

International wächst der Druck. US-Präsident Donald Trump (79) droht dem Regime offen: Sollte erneut massenhaft auf friedliche Demonstrierende geschossen werden, werde Iran «sehr hart getroffen – dort, wo es wehtut». Gefragt, ob Chamenei wohl nach Russland fliehen könnte, sagte Trump, dieser sehe sich «nach einem Ort um, an den er gehen kann». Trump weiter: «Mir scheint, dass die Bevölkerung die Kontrolle über bestimmte Städte übernimmt. Das hätte vor wenigen Wochen niemand für möglich gehalten.»

Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu (76) spricht von einem möglichen historischen Moment, in dem die Bevölkerung im Iran «ihr Schicksal selbst in die Hand» nehmen könnte. Die USA und auch Israel vermeiden zunächst die öffentliche Forderung nach einem Regimewechsel in Teheran. Behauptungen von Irans Aussenminister, wonach Washington die Proteste anheize, wies das US-Aussenministerium als «Fake News» zurück: «Diese Aussage ist ein unaufrichtiger Versuch, von den ernsten Herausforderungen abzulenken, denen sich das iranische Regime im Inland gegenübersieht.»

Deutschland, Frankreich und Grossbritannien riefen die iranische Staatsführung zum Gewaltverzicht auf. «Wir sind zutiefst besorgt über Berichte von Gewalt durch iranische Sicherheitskräfte und verurteilen die Tötung von Demonstranten auf das Schärfste», heisst es in einer gemeinsamen Erklärung von Bundeskanzler Friedrich Merz (70), Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (48) und dem britischen Premierminister Keir Starmer (63).

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