Darum gehts
Die grösste Stadt der Schweiz steckt in einer historischen Wohnungskrise. Am 14. Juni stimmen die Zürcherinnen und Zürcher über drei kantonale Wohnungsinitiativen und eine neue städtische Verordnung ab, die Einkommensmillionären erlauben soll, in preisgünstigen Wohnungen zu bleiben.
Filippo Leutenegger fällt seit Jahren als prominenter Kritiker der städtischen Wohnpolitik auf. Dies, obwohl er selbst langjähriges Mitglied der Stadtregierung war. Er schied Ende Mai aus dem Amt aus, präsidiert aber noch immer die kantonale FDP und wurde öffentlich als möglicher Zürcher Ständeratskandidat für die nächsten Wahlen genannt.
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Kürzlich ärgerte ihn etwa der SRF-Dokfilm «Wo-wo-Wohnungsnot – Das Zürcher Monopoly». Die vorgeschlagene Lösung, eine Verstaatlichung des Bodens, sei einseitig dargestellt worden, ohne Gegenstimmen, sagte Leutenegger der «NZZ». «SRF muss diese Reportage unverzüglich aus dem Online-Angebot löschen», forderte er. Der ehemalige Chefredaktor des Schweizer Fernsehens reichte Beschwerde ein. Allerdings ohne Erfolg.
Die SRG-Ombudsstelle stufte den Film als problemlos ein. Ende 2024 protestierte Leutenegger öffentlich gegen den Abbau von 40 Parkplätzen in seinem Wohnquartier Zürich-Hirslanden. Die blauen Zonen an der Hammerstrasse sollen einer Begegnungszone weichen. Gemeinsam mit anderen Anwohnern legte er Einsprache ein, «als Privatperson und betroffener Anwohner», wie er dem «Tages-Anzeiger» sagte.
Grundstücke im Wert von rund 30 Millionen Franken
Was im Artikel jedoch nicht steht: Leutenegger ist nicht nur Anwohner, sondern auch Eigentümer mehrerer angrenzender Liegenschaften mit 24 Wohnungen. Und das ist nur ein Teil seines Portfolios. Insgesamt gehören Leutenegger in Zürich 39 Wohnungen, wie Recherchen des Beobachters zeigen. Sie bringen ihm monatlich rund 80’000 Franken ein, wenn man den ortsüblichen Mietzins von privaten Bestandesliegenschaften, den die Stadt veröffentlicht, als Grundlage nimmt.
Allein der Boden, den er in Zürich besitzt, war letztes Jahr rund 30 Millionen Franken wert. Diese Berechnung basiert auf offiziellen Daten der Stadt, die real bezahlte Medianpreise für Grundstücke im jeweiligen Quartier im vergangenen Jahr abbildet. Leuteneggers Grundstücke befinden sich an guter Lage, die Immobilien sind in tadellosem Zustand – der Wert dürfte also konservativ sein. Zu seinem Portfolio kommen auch noch ein Einfamilienhaus im Tessin, eines in Rom, ein Mehrfamilienhaus in Frauenfeld, eine Wohnung in Berlin und zwei in Davos.
Plötzlich wird in Zürich über Grundeigentum diskutiert
Leutenegger verdient mit diesen Liegenschaften Geld wie jeder andere Investor auch. Transparent ausweisen musste er das jedoch nicht, weil die Schweizer Politik diese Blackbox erlaubt: Während im Ausland Abgeordnete sämtliche Nebeneinkünfte deklarieren müssen, bleibt der Immobilienbesitz von Schweizer Politikern meist reine Privatsache. Wählerinnen und Wähler müssen darauf vertrauen, dass sie private Interessen und öffentliches Amt sauber trennen – überprüfen können sie es nicht.
Es ist darum auch eher selten, dass in der Schweiz über Eigentumsverhältnisse berichtet wird, auch bei prominenten Politikern. Das änderte sich kürzlich – zumindest für die Stadt Zürich – mit einer Recherche des WAV-Kollektivs und des Stadtmagazins Tsüri.ch, die auch international für Schlagzeilen sorgte.
Die Journalisten konnten sämtliche Daten des Zürcher Grundbuchs auswerten und erstmals enthüllen, wem die Stadt gehört. Neben bekannten Akteuren wie etwa der Versicherung Swiss Life überraschte der grösste private Immobilienbesitzer Zürichs: Es ist der deutsch-schweizerische Milliardär Henning Conle, der als diskreter Unterstützer der AfD gilt.
Immobilien in Firma gesteckt
Leutenegger selbst taucht offiziell nicht mehr in den Zürcher Grundbüchern auf. 2021 hat er begonnen, sämtliche seiner Liegenschaften auf die Firma Neue-Ideen.ch AG zu überschreiben. Die Handänderungen endeten 2025. Das dient seiner Nachlassregelung: Drei seiner fünf Kinder sitzen seit Sommer 2025 im Verwaltungsrat der Firma, die beiden älteren traten bereits Ende 2020 ein. Der 73-jährige Leutenegger behält jedoch die Kontrolle. Er besitzt als Einziger ein Einzelzeichnungsrecht.
Der ehemalige SRF-Mann hatte ein gutes Gespür für den richtigen Zeitpunkt, um in Immobilien zu investieren. Für seine Liegenschaften an der Forchstrasse zahlte er vor über 20 Jahren rund 3,5 Millionen Franken. Damals waren die Häuser in schlechtem Zustand. Weitere 1,8 Millionen Franken investierte er in die Sanierung, um sie «wieder einigermassen in Schuss zu bringen», wie er damals gegenüber der «SonntagsZeitung» sagte. Heute sind allein die Grundstücke laut Preisdaten der Stadt rund 20 Millionen Franken wert.
Leutenegger weist Kritik zurück
Leutenegger kommentiert diese Zahlen nicht. Er betont aber, dass die blossen Bruttowerte wenig über die tatsächlichen wirtschaftlichen Verhältnisse aussagten. «Die Immobilien sind grossmehrheitlich durch Hypotheken und Darlehen finanziert. Entsprechend handelt es sich bei den Vermögenswerten kaum um eigenes, verfügbares Kapital. Es verbleiben knapp 10 Prozent Eigenkapital.»
Die jährliche Rendite der Gesellschaft liege nach Zinsen sowie Unterhalts- und Renovationskosten bei weniger als 1 Prozent. Von steigenden Preisen bei Immobilien habe er bisher in keiner Weise profitiert. Wertsteigerungen auf dem Papier änderten daran nichts, sagt Leutenegger: «Solange die Liegenschaften – wie im Fall unserer Familiengesellschaft – langfristig gehalten und nicht veräussert werden, entsteht daraus weder frei verfügbares Kapital noch ein realisierter persönlicher Gewinn.» Die Wohnungen würden zudem «bewusst zu massvollen Konditionen vermietet, um vor allem Familien mit Kindern Wohnungen anzubieten».
Zur Kritik, er habe bei seinen öffentlichen Äusserungen seinen Immobilienbesitz verschwiegen, sagt er, dass seine politischen Überzeugungen in der Wohn- und Verkehrspolitik auf «sachlichen und politischen Erwägungen zum Wohle der Stadt Zürich» basieren. Er habe «immer offen deklariert», dass er Liegenschaften besitze. Bezüglich Parkplatzabbau habe er sein Recht als direkt betroffener Anwohner wahrgenommen.