Darum gehts
- Traditionsbeiz Löwen Saland ZH steht für 898'000 Franken zum Verkauf
- Haus von 1860 unter Denkmalschutz, dringend sanierungsbedürftig
- Grundstück umfasst 762 Quadratmeter, inklusive ausbaubarer Scheune
Das Restaurant Löwen in Saland ZH ist eine Beiz, wie es sie schweizweit nur noch wenige gibt. Wer die Gaststube betritt, fühlt sich in die 50er-Jahre zurückversetzt. Ein Tresen aus Holz mit einer alten Kasse dominiert den Raum, auf den Tischen stehen Pommes-Chips, Salznüssli und Biberli. Mitten im Lokal thront der Stammtisch mit Aschenbecher für die Stumpen der Gäste, in der Ecke trällert eine Jukebox. Mit Twint bezahlen? Fehlanzeige.
Doch dieses Idyll mit Baujahr 1860 ist gefährdet. Der Löwen ist auf der Immobilienplattform Homegate für 898'000 Franken zum Verkauf ausgeschrieben. «Zum Umbauen! Wohnhaus mit Restaurant», steht über der Annonce. Zur Liegenschaft gehört ein 762 Quadratmeter grosses Grundstück mit einer Scheune, die ausgebaut werden kann. «Ein geschichtsträchtiges Objekt mit Potenzial», wie die Maklerin Remax schreibt.
Grosser Sanierungsbedarf
Dass seine Beiz verkauft wird, macht Hansruedi Schiesser (85) traurig, wie er dem «Zürcher Oberländer» sagt. Seit 47 Jahren zapft er im Löwen Bier, kocht für seine Gäste. Der Pächter führt den Betrieb allein, kocht nur noch auf Vorbestellung. «Ich muss schon auf meine Gesundheit schauen», sagt er. Was passiert, wenn der Löwen verkauft wird? Seine Augen werden feucht. «Das kann sich noch etwas hinziehen, wer weiss, was mit mir bis dahin noch alles passiert», sagt er.
Bis ein Kaufvertrag unterzeichnet ist, könnte es tatsächlich noch etwas dauern. Denn das Haus steht unter Denkmalschutz, das Dach ist sanierungsbedürftig. «Erst kürzlich hatten wir wieder ein Leck im Dach», sagt Hansruedi Schiesser zur Zeitung. Der Löwen ist für die Zürcher Oberländer Gemeinde Saland Treffpunkt, Wohnzimmer und Veranstaltungsort zugleich. Im ersten Stock gibts einen Saal mit Bühne. Früher konnte man in den Gästezimmern ob der Gaststube auch übernachten. In Zimmern mit fliessend Wasser, wie sie früher gang und gäbe waren.
«Atmosphäre soll weiterleben»
Schiessers Wunsch für die Zukunft? «Dass dieses Haus sanft renoviert wird, so dass die Atmosphäre weiterlebt», sagt er. Ob sich eine Beiz hier noch lohnt, weiss er selbst nicht. Viele würden auch auf dem Land nicht mehr ins Restaurant gehen. Und die, die noch kommen, konsumierten weniger. «Ich werde ja vom Bund finanziert – über meine Rente», sagt er dem «Zürcher Oberländer». Und spricht seine AHV an.
Vor Jahrzehnten war noch der Teufel los im traditionsreichen Lokal. Der Löwen steht nämlich nur einen Steinwurf von der Weberei Grünthal entfernt. Sie war im 19. Jahrhundert eine der grössten Arbeitgeberinnen der Region. Hunderte Arbeiter gingen in der Fabrik ein und aus – und verbrachten den Feierabend im Löwen. Vor allem an Tagen, an denen die Arbeiter den Zahltag bekommen hatten, ging es hoch zu und her in der Dorfbeiz.
Seinen letzten grossen Auftritt hatte der Löwen vor gut zehn Jahren in der grossen SRF-Doku «Anno 1914 – Die Fabrik». Rund zwanzig Protagonisten und fünf Schauspieler wurden dafür ausgewählt. Sie lebten und arbeiteten im Mai 2014 während gut zwei Wochen wie unsere Vorfahren vor hundert Jahren – und kehrten im «Löwen» ein. 2021 wurde die Fabrik verkauft. Investoren wollen 300 Wohnungen bauen, die Städter aus Zürich und Winterthur ZH anlocken sollen. Spätestens dann ist die Traditionsbeiz so richtig aus der Zeit gefallen.