Darum gehts
Weisser Kittel, Stethoskop und Kugelschreiber. Ausgestattet mit den Merkmalen eines Arztes, blickt ein Mann einfühlsam in die Kamera. «Viele meiner Hashimoto-Patienten in der Schweiz kämpfen mit Symptomen, die sie sich nicht erklären können», sagt er. Wer trotz der Medikamente erschöpft, aufgebläht oder gereizt sei, behandle das falsche Problem. Die Lösung, so suggeriert er im Video auf Instagram: das Nahrungsergänzungsmittel Wandelkraft der Schweizer Marke Revitera.
Der Werbe- und Heilsversprechen im Zusammenhang mit Wandelkraft sind viele – sie reichen von Entgiftung über Gewichtsverlust bis hin zur Bildung neuer Leberzellen. Doch das besagte Instagram-Video hat einen Haken: Der vertrauenswürdig anmutende Arzt ist kein Mediziner. Der Darsteller schlüpft in anderem Kontext auch mal in die Rolle eines Handwerkers oder eines Gastronomen. Dies zeigen Recherchen des investigativen Recherche-Teams Reflekt und des «Beobachters».
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
Werbung mit unbelegten Aussagen
Tausendfach fluten Instagram und Facebook ihre Social-Media-Kanäle in der Schweiz mit diesen Anzeigen. Rund 30 Varianten lassen sich über die Werbebibliothek des Meta-Konzerns nachweisen, der die beiden Plattformen betreibt. Alle verlinken auf Revitera und arbeiten mit problematischen Versprechen.
Dass die Werbung bei vielen Hashimoto-Erkrankten verfangen dürfte, hat einen medizinischen Grund. Bei der Immunerkrankung arbeitet die Schilddrüse auf Sparflamme. Um den Hormonmangel auszugleichen, müssen Betroffene meist lebenslang L-Thyroxin schlucken. Dennoch leidet rund ein Viertel von ihnen unter Beschwerden wie chronischer Müdigkeit. Darauf zielt die Kampagne ab.
«Viele konnten ihre L-Thyroxin-Dosis schrittweise reduzieren», heisst es in der Werbung. Trotz des Zusatzes «in Absprache mit dem Arzt» ist die Botschaft klar: Wer das Präparat einnimmt, braucht womöglich weniger von seinem Medikament. Ergänzt wird das durch unbelegte Angaben wie: «Klinische Beobachtungen zeigen: 87 Prozent spüren eine deutliche Verbesserung ihres Energielevels innerhalb von vier Wochen.» Verwiesen wird lediglich auf Grundlagenforschung zu einzelnen Inhaltsstoffen.
Laut Roman Trepp, leitendem Arzt der Endokrinologie am Berner Inselspital, seien solche Verweise häufig nicht ganz falsch, aber es würden unzulässige Schlüsse gezogen: «Man kann nicht von Zellkultur- oder Tierstudien auf therapeutische Konsequenzen beim Menschen schliessen.» Der potenzielle Nutzen von Präparaten wie Wandelkraft sei seiner Einschätzung nach «mit hoher Wahrscheinlichkeit gleich null». Er erkläre Patientinnen und Patienten oft proaktiv, dass sie keine Nahrungsergänzungsmittel benötigten. Das Schädigungspotenzial der Supplemente sei aber meist gering – abgesehen vom Geldbeutel.
Anonyme Websites mit KI-Redaktorin
Geschaltet werden die problematischen Anzeigen von den Firmenprofilen «Apothekenblatt» und «Warentest Schweiz». Dahinter stecken klassische Fake-Websites: austauschbarer Text, keine redaktionelle Verantwortlichkeit, keine Schweizer Adresse. Auf Apothekenblatt.ch berichtete eine Autorin namens Andrea emotional von ihrer Hashimoto-Erkrankung. Ihr Bild: KI-generiert, wie mehrere KI-Detektorprogramme bestätigen. Die vermeintliche Fachperson aus einem anderen «Apothekenblatt»-Clip entpuppt sich bei näherer Betrachtung als buchbare Darstellerin einer Modelagentur. Betrieben werden Apothekenblatt.ch und Warentest-schweiz.ch laut Impressum von der 2025 gegründeten Tropos Media LLC im US-Bundesstaat Wyoming – ein typisches Muster, um die Eigentümerschaft einer Firma zu verschleiern. Halterin beider Websites ist eine Andrea Weber mit derselben Adresse wie die Tropos Media LLC. Auf eine Anfrage über die Website reagierte bis Redaktionsschluss niemand.
Spur führt in den Thurgau
Während die Betreiber der Websites anonym bleiben, ist der Profiteur der Werbungen schnell gefunden. Vertrieben wird Wandelkraft von der Alparis GmbH mit Sitz in Bottighofen TG. Gründer und Geschäftsführer ist ein deutscher Unternehmer, Finanzanalyst und E-Commerce-Berater. Seine Firma beschreibt er als «Brand Accelerator», der mit «tiefem Verständnis für Nischenbedürfnisse» Marktlücken schliesse. Neben Revitera findet sich auf der Website der Firma keine weitere Marke. Hat hier ein E-Commerce-Spezialist die Beschwerden von Hashimoto-Erkrankten als lukrative Marktlücke erkannt?
Alparis bucht Anzeigen im «Handelsblatt», in der «Wirtschaftswoche» oder der «Welt» – korrekt gekennzeichnet, aber in ähnlichem Layout wie das redaktionelle Umfeld. Wer nach «Wandelkraft» sucht, stösst so auf scheinbar seriöse Artikel, welche die Wirkung des Präparats beteuern.
Heilanpreisungen bei Nahrungsergänzungsmitteln seien laut Lebensmittelrecht unzulässig, schreibt Livia Kunz, Leiterin Recht der Stiftung für Konsumentenschutz. «Gut möglich, dass wir uns hier im illegalen Bereich befinden.» Der Einsatz gebuchter Schauspieler als Fachpersonen betreffe das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG). «Wenn Fake-Experten und Fake-Fachportale Produkte anpreisen, handelt es sich um unlautere Werbe- und Verkaufsmethoden.»
Der Alparis-Geschäftsführer will sich auf Anfrage weder dazu äussern, ob er die Kampagne mit den Fake-Ärzten in Auftrag gegeben hat, noch in welcher Beziehung er zur Tropos Media LLC steht. Auch zu den Fragen, wie er die mutmasslich unzulässigen Heilanpreisungen rechtfertige und wie er zur vernichtenden Einschätzung des Endokrinologen stehe, schweigt er. Man prüfe die Punkte und könne zum jetzigen Zeitpunkt keine weitere Stellungnahme abgeben.
Thurgauer Kantonschemiker schweigt
Dass ein Schweizer Unternehmen solche Werbevideos monatelang ungestört schalten kann, wirft Fragen auf. Während gemäss dem Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb eine Klage erforderlich ist, um gegen diese Art von Werbung vorzugehen, wird das Lebensmittelrecht von Amtes wegen durchgesetzt. Laut Livia Kunz trägt der Hersteller im Rahmen der Selbstkontrolle die Hauptverantwortung. Die Behörden führen aber Kontrollen durch und können bei Beanstandungen Verkaufsverbote, Rückrufe oder Beschlagnahmungen veranlassen.
Auf Anfrage teilt das Kantonale Laboratorium Thurgau mit, dass Wandelkraft und Alparis der Behörde bekannt seien. Eine inhaltliche Beurteilung gegenüber Dritten nehme man nicht vor. Ob Massnahmen ergriffen werden, will der Kantonschemiker nicht sagen. Nicht einmal, ob die Angelegenheit untersucht wird.
Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit dem unabhängigen Rechercheteam Reflekt .