Darum gehts
- Treibstoffversorgung nur bis Ende Mai gesichert, Engpässe ab Juni möglich
- Pflichtlager sichern Treibstoffe für 4,5 Monate, Flugpetrol für 3 Monate
- Grosse regionale Unterschiede und wachsender Tanktourismus
Trotz anhaltender Blockade an der Strasse von Hormus bleibt die Versorgung der Schweiz mit Treibstoffen gesichert – zumindest vorerst. «Bis Ende Mai ist die Situation voraussichtlich unkritisch», sagt Matthias Hübscher (48), Leiter des Tankstellennetzes von Volenergy. Bleibt der wichtige Handelsweg jedoch auch in den kommenden Wochen geschlossen, «könnte es ab Juni zu ersten Engpässen kommen», so Hübscher.
Das Aargauer Energieunternehmen Volenergy unterhält in der Schweiz eigene Brennstofflager, betreibt über 700 Tankstellen – darunter Marken wie Ruedi Rüssel oder BP – und ist zudem im Handel mit fossilen sowie alternativen Brenn- und Treibstoffen tätig. Im Rahmen der wirtschaftlichen Landesversorgung ist das Unternehmen verpflichtet, Pflichtlagerbestände zu halten, die nur im Krisenfall angezapft werden dürfen.
Diese Pflichtlager werden in der Schweiz von der Carbura Tanklager AG verwaltet und kontrolliert – im Auftrag des Bundesamts für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL). In der Schweiz sind Brenn- und Treibstoffe für Notlagen rund viereinhalb Monate lang gesichert, beim Flugpetrol für drei Monate. In einer diese Woche veröffentlichten Mitteilung hält das BWL fest, dass im Mai 2026 mit reduzierten Lieferungen nach Europa zu rechnen sei. Für den Fall eines Versorgungsengpasses seien entsprechende «Massnahmen vorbereitet». Der Bund könne «falls nötig Pflichtlager freigeben».
Eine Freigabe bedeutet allerdings nicht, dass die Lager innerhalb von viereinhalb Monaten bis auf den letzten Tropfen aufgebraucht sein werden. Selbst wenn die Strasse von Hormus auch über den Sommer hinaus geschlossen bliebe, würden weiterhin fossile Energieträger in die Schweiz geliefert, wenn auch in geringerem Umfang. Spätestens dann müsste man sich überlegen, wie man die Ausfälle der bisherigen Lieferanten kompensieren könnte oder wie der Konsum von Brennstoffen eingeschränkt werden soll, so Hübscher.
Die letzte Erdölraffinerie der Schweiz
In Cressier NE zwischen Bieler- und Neuenburgersee steht die letzte Erdölraffinerie der Schweiz. Der Rohstoff gelangt über eine 500 Kilometer lange Pipeline aus Frankreich ins Land: Es wird von Marseille ins Neuenburger Dorf gepumpt, wo es zu Fertigprodukten verarbeitet wird. Das meiste Rohöl stammt inzwischen aus den USA und aus Afrika, kaum mehr aus der Golfregion. An den Häfen in Basel ist es anders: Dort entladen die Rheinschiffe Heiz- und Treibstoffe, die aus riesigen Raffinerien von Rotterdam (Niederlande), Amsterdam oder Karlsruhe (D) kommen. Die EU-Staaten bezogen vor dem Krieg rund 13 Prozent ihres Rohöls aus der Golfregion.
Laut Matthias Hübscher von Volenergy bleibt das Verhalten der Menschen der grösste Unsicherheitsfaktor in Krisensituationen. Wichtig sei, dass keine Panik aufkomme und plötzlich lange Staus an Tankstellen entstehen, sagt Hübscher. «Das ist ein Szenario, das wir unbedingt verhindern müssen, das aber auch sehr unwahrscheinlich ist. Denn wir haben aktuell keine Versorgungskrise, sondern eine Preiskrise.»
Die Preiskrise lässt sich tagtäglich an den Zapfsäulen ablesen. Die Marktpreise schlagen unmittelbar durch – selbst dann, wenn in den Vorratstanks noch günstig eingekaufte Bestände gelagert sind. Tankstellen bewerten ihre Lager nach dem Wiederbeschaffungswert. Das bedeutet: Der Preis richtet sich danach, was es zum jeweiligen Zeitpunkt kostet, die entsprechende Menge neu zu beschaffen.
Die Turbulenzen haben regional teilweise zu enormen Unterschieden geführt. In Herrliberg ZH etwa kostete ein Liter Bleifrei diese Woche bei einer Avia-Tankstelle 1.999 Franken. Bei der Tankstelle Etzelpark in Pfäffikon SZ lag der Preis bei 1.729 Franken. Für eine Tankfüllung von 50 Litern macht das 14 Franken Unterschied. Betrieben wird die Etzelpark-Tankstelle von Michael Knobel (45), dem Benzin-Rebell der Schweiz, wie ihn Blick schon nannte. Der Tankstellen-Discounter sagt, dass er weniger auf die Konkurrenz schaue, sondern seine Preise von unten nach oben kalkuliere. Das heisst, er nimmt den Einstandspreis, rechnet die staatlichen Abgaben dazu und schlägt seine Marge obendrauf.
«Das ergibt den Preis, den man an der Zapfsäule sieht», sagt Knobel, der in der Deutschschweiz neun Tankstellen betreibt. Von Branchenkollegen mag er beargwöhnt werden, doch bisher wurde er immer mit «Most» beliefert – auch in angespannten Zeiten. Wie die meisten unabhängigen Tankstellenbetreiber kauft Knobel seinen Sprit bei Schweizer Händlern ein und ist damit auf deren Goodwill angewiesen.
Die Krise am Golf hat dazu geführt, dass die Konsumenten wieder verstärkt auf Preise schauen. Autofahrer vergleichen gezielter und fahren teilweise längere Strecken, um günstiger zu tanken. «Manche Leute machen sowieso gerne einen Ausflug mit dem Auto, warum nicht zu einer Tankstelle?», sagt Knobel.
Deutscher Tankrabatt
Besonders in Grenzregionen kommt es häufig zu starken Preisschwankungen. Das beeinflusst den Tanktourismus, der je nach Preisniveau die Richtung wechselt. Zu Beginn des Konflikts fuhren viele deutsche Autofahrer in die Schweiz zum Tanken. Jetzt könnte sich die Situation jedoch erneut drehen: Seit Freitag gewährt die deutsche Regierung einen Steuerrabatt auf Benzin. Der Preis könnte damit um rund 20 Cent pro Liter sinken.
Selbst wirtschaftsliberale Politiker unterstützen den umstrittenen Schritt. Deutschlands früherer Finanzminister Christian Lindner (47) sprach sich diese Woche am Finance Forum in Liechtenstein trotz hoher Staatsverschuldung für den Rabatt aus. In seiner neuen Rolle als Chef eines grossen deutschen Autohändlers und bekennender Porsche-911er-Fan überrascht er damit allerdings wenig. In der Schweiz wäre eine vergleichbare Massnahme kaum vorstellbar. Hohe Preise setzen Anreize zum Sparen – was die Nachfrage und damit den Preis dämpft. Das wird durch staatliche Eingriffe wie Steuerrabatte ausser Kraft gesetzt.
Allerdings, ganz ungerechtfertigt ist die Senkung in Deutschland auch wieder nicht. Im Nachbarland ist die Steuer auf Treibstoffe an den Preis gekoppelt. Steigt der Preis für das raffinierte Produkt, erhöhen sich auch die Steuern – der Preis an der Zapfsäule steigt damit überproportional. In der Schweiz hingegen wird die Mineralölsteuer mengenbasiert erhoben. Aktuell beträgt sie 76,82 Rappen pro Liter, plus einen Zuschlag. Lediglich die Mehrwertsteuer variiert mit dem Preisniveau.