Unbezahlte Überstunden, Drohungen und Stress
Putzfrau packt über miese Arbeitsbedingungen in 4-Sterne-Hotel aus

Die Spanierin Vanessa Roncaglione putzte pro Woche 70 Stunden in einem Zürcher Businesshotel – und sollte Ende Monat nur 40 davon bezahlt bekommen. Sie ist kein Einzelfall. Die verantwortliche Firma Stampfli AG weist die Vorwürfe zurück.
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«Ich habe früh gelernt, meine Rechte zu kennen und diese auch einzufordern», sagt die 39-jährige Vanessa Roncaglione.
Foto: Christian Schnur

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Lukas Lippert
Beobachter

Vanessa Roncaglione posiert, als hätte sie nie etwas anderes getan. Anfangs schüchtern, lächelt sie dann frech in die Kamera, verschränkt die Arme vor der Brust.

«Ich habe früh gelernt, meine Rechte zu kennen und diese auch einzufordern», sagt die 39-Jährige im Juni bei einem Milchkaffee im «Vollenweider» beim Bahnhof Winterthur. In Argentinien aufgewachsen, arbeitete sie dort als Sekretärin in einem Medizinzentrum, bevor sie nach Spanien auswanderte – wie viele ihrer Landsfrauen.

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Im März war sie in die Schweiz gekommen. Eine Freundin hatte ihr über Facebook Kontakte vermittelt. Ihr Mann und die beiden Kinder – sie sind 16 und 20 Jahre alt – blieben in Málaga zurück. Roncaglione sollte das Abenteuer zunächst allein wagen.

Knapp zwei Monate lang putzte sie neben zwei anderen Jobs die Zimmer des Viersternehotels Courtyard by Marriott in Zürich-Oerlikon. Rund 200 Franken kostet hier die Nacht.

Die Hotelmarke gehört zum Marriott-Konzern, betrieben wird das Haus aber im Franchisemodell von der Schweizer SV Group. Für die Zimmerreinigung hat diese wiederum ein Subunternehmen beauftragt: die Stampfli AG. Das Unternehmen mit Sitz in Solothurn beschäftigt laut eigenen Angaben rund 2500 Mitarbeitende und zählt zu den grössten Reinigungsfirmen der Schweiz.

Vorwurf der Schattenbuchhaltung

Obwohl laut Vertrag im Stundenlohn angestellt, berichtet Roncaglione von festen Zeitvorgaben pro Zimmer – unabhängig vom tatsächlichen Arbeitsaufwand. «Die Zeit reichte nie. Man rannte nur.» Der offiziellen Zeiterfassung von Stampfli misstraute sie von Anfang an und führte selbst Buch. Täglich notierte sie, wann sie begann und aufhörte – und fotografierte die Zuteilungsblätter. Das Ergebnis: In den ersten zwei Wochen arbeitete sie 70 Stunden, erhielt aber nur 40 bezahlt.

Sie habe noch nie so schlechte Arbeitsbedingungen wie in der Schweiz erlebt, sagt die 39-Jährige.
Foto: Christian Schnur

Roncaglione wirft dem Unternehmen vor, eine «Schattenbuchhaltung» geführt zu haben, also Stempelzeiten nachträglich gekürzt oder gar nicht erfasst zu haben. Gesetzliche Pausen seien ihr zudem automatisch vom Lohn abgezogen worden, obwohl der hohe Arbeitsdruck diese kaum zuliess. «Die einzigen Pausen, die ich machen konnte, waren, eine Banane zwischen zwei Zimmern zu essen.»

Sie berichtet ausserdem, dass gezielt Druck auf ausländische Angestellte ausgeübt werde, die für ihren Aufenthaltsstatus auf den Job angewiesen sind. Viele stammten wie sie aus Südamerika oder aus der Dominikanischen Republik. «Die Chefs wissen ganz genau, bei wem sie Druck ausüben können», sagt sie. Ihren Kolleginnen sei gedroht worden: «Wenn ihr nicht spurt, rufen wir das Migrationsamt an.»

Ähnliche Vorwürfe aus dem Hotel Bergwelt in Grindelwald

Vanessa Roncaglione ist kein Einzelfall. Der Beobachter weiss von weiteren Angestellten, die im selben Zürcher Viersternehotel arbeiten und die gleichen Vorwürfe erheben. Auch der Gewerkschaft Unia liegen Dokumente vor, die die Firma Stampfli betreffen und eine ähnliche Praxis zeigen. Sie stammen von Angestellten im Berner Oberland, die das Hotel Bergwelt in Grindelwald putzten. Das gewerkschaftsinterne Arbeitspapier liegt dem «Beobachter» vor. 

Dort galten demnach Vorgaben von 12 bis 13 Minuten pro Zimmer für zwei Angestellte. Wurde diese Zeit überschritten, blendete das digitale Zeiterfassungssystem die Meldung ein: «Sie hatten zu lange. Diese Zeit wird nicht berechnet.» Den Reinigungskräften fehlten dadurch im Schnitt zwei Arbeitsstunden pro Tag.

«Diese Zeitvorgaben reichen nie und nimmer aus», sagt Giuseppe Reo, Leiter der Unia Berner Oberland. «Die Zimmer waren teilweise in schwer verdrecktem Zustand, was den Reinigungsaufwand erheblich erhöhte.»

Für Reo ist das Vorgehen von Stampfli «Lohndumping par excellence». Mit diesem «ausbeuterischen System» könne die Firma auch tiefere Preise anbieten und Mitbewerber ausstechen, so der Unia-Regionalleiter. «Die Firma spart auf Kosten der Reinigungskräfte.»

Stampfli ist in Rechtsstreit verwickelt

Die Stampfli AG ist deshalb in einen Rechtsstreit verwickelt. Mitarbeitende wandten sich über die Unia an die Zentrale Paritätische Kommission (ZPK), die den Gesamtarbeitsvertrag in der Reinigungsbranche durchsetzt. Vor dem Regionalgericht Oberland in Thun läuft zudem ein zivilrechtliches Verfahren. Die Unia äussert sich zum laufenden Fall nicht weiter. Stampfli spricht von Vorwürfen, die nur auf «Gerüchten» basierten.

Stampfli ist nicht das einzige Reinigungsunternehmen, das sich mit Vorwürfen dieser Art konfrontiert sieht. Verstösse gegen die Lohnbestimmungen scheinen in dieser Branche eher die Regel als die Ausnahme zu sein – trotz Gesamtarbeitsvertrag. Gemäss dem letzten Jahresbericht der ZPK verstiessen über die Hälfte aller 341 kontrollierten Betriebe gegen Lohnbestimmungen, Arbeits- oder Ruhezeiten.

Immerhin für Vanessa Roncaglione endete die Zeit bei Stampfli mit einem kleinen Happy End. Nachdem sie ihre Buchführung der Personalabteilung vorlegte und mit rechtlichen Schritten drohte, wurden ihr die fehlenden Stunden nachgezahlt.

Dennoch hat sie der Schweiz mittlerweile den Rücken gekehrt und lebt wieder in Spanien bei ihrer Familie. «Man hat dieses Bild von der perfekten Schweiz, in der alles korrekt abläuft», sagt sie kurz vor ihrer Abreise. Doch noch nie habe sie so schlechte Arbeitsbedingungen erlebt.

Stampfli weist Vorwürfe zurück

Die Stampfli AG schreibt dazu in ihrer schriftlichen Stellungnahme, dass es nicht ungewöhnlich sei, dass es bei unregelmässigen Pensen zu nachträglichen Differenzmeldungen bei der Lohnabrechnung komme. Im Fall von Frau Roncaglione zeige die Korrektur lediglich, dass die Personalabteilung erreichbar sei und Meldungen überprüfe.

Auch sonst weist das Unternehmen sämtliche Vorwürfe zurück. Man habe «keine Kenntnis» von Drohungen gegenüber Mitarbeitenden. Sollten solche Aussagen gefallen sein, hätten diese «selbstverständlich personalrechtliche Konsequenzen». Auch würden die Angestellten strikt nach Stunden- oder Monatslohn bezahlt und nicht pro Reinigungsobjekt. Auch die gesetzlichen Pausen- und Ruhezeiten würden eingehalten. Es liege in der Pflicht der Vorgesetzten, dies vor Ort zu kontrollieren. Dass Pausen wegen hoher Arbeitslast ausfielen, sei der Firma nicht bekannt. Neben Roncaglione fordere einzig eine weitere Mitarbeiterin aktuell eine Nachzahlung. Die Prüfung dazu würde noch laufen.

Die SV Group, die das Hotel in Zürich betreibt, schreibt, die Vorwürfe gegenüber Stampfli seien ihr bislang nicht bekannt gewesen. Man nehme diese aber «sehr ernst» und habe die Firma dazu befragt und aufgefordert, die Vorwürfe «lückenlos aufzuklären».

Auch dem Hotel Bergwelt in Grindelwald waren die Vorwürfe vor der Anfrage des «Beobachters» nicht bekannt. Man nehme die Sache aber ernst und stehe dazu im Austausch mit Stampfli, schreibt das Management.

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