Darum gehts
- Verena Kuhle und Jochen Schirmann übernahmen die Terrihütte mitten in der Saison
- Trotz ihrer Vorerfahrung ziehen die beiden ein klares Fazit gegen Blitz-Übernahmen
- Diese Einschätzung teilt auch eine andere erfahrene Hüttenwartin
Mitten in der Hochsaison übernahmen Verena Kuhle und Jochen Schirmann die über 100 Jahre alte Terrihütte in der Surselva im Bündnerland. Die Chefs der zuständigen Sektion des Schweizer Alpen-Clubs (SAC) verschwinden nach der Schlüsselübergabe per Helikopter – und für die Neulinge beginnt ein Sprung ins kalte Wasser, wie in der SRF-Dokuserie «Hüttengeschichten» zu sehen ist. In dieser sorgten bereits Gäste der Motterasciohütte im Tessin mit dreisten Tränendrüsen-Absagen für Aufsehen: Allein an einem Tag gab es vier kurzfristige Absagen – angeblich wegen eines Todesfalls.
Aber zurück zur Terrihütte: Dort hatte das Team einen einzigen Tag Zeit, um sich auf 2170 m ü M. in der beliebten Hütte einzurichten. Dann rollte bereits die erste Gästewelle an. «Ich würde niemandem empfehlen, in einer laufenden Saison eine Hütte zu übernehmen», so Schirmann in der SRF-Serie.
Chaos am Start
Der Start verlangte der Architektin und dem Bauleiter, die schon fünf Sommer- und fünf Wintersaisons auf der Medelserhütte im Bündner Val Plattas verbracht hatten, alles ab. Statt sanfter Einarbeitung hiess es sofort: Kisten auspacken, Abläufe in der Küche durchblicken und die Helikopter-Lieferung mit Essen und Getränken entgegennehmen – alles gleichzeitig.
Als wäre das nicht schon extrem genug, lief auf der Hütte während des Betriebs auch noch ein Umbau. Die Handwerker übernachteten unter der Woche oben. Zu allem Übel streikte auch noch die Technik: Wegen Wassermangels und eines Defekts lief die Spülmaschine nicht richtig. Nach der Feuertaufe warnen die beiden davor, so in ein Hütten-Abenteuer zu starten. «Das ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit», betont Schirmann. Auch Kuhle doppelt nach: «Das war schon vorprogrammiert, dass das etwas viel ist am Anfang. Aber wir hatten keine andere Wahl.»
«Nur wenn es gar nicht anders geht»
Ein solcher Einstand ohne Unterstützung von aussen ist alles andere als ideal. Das bestätigt auch die erfahrene Hüttenwartin Rita Streiff (51), seit 2021 auf der Etzlihütte in den Glarner Alpen. Sie zeigt sich gegenüber Blick beeindruckt: «Als ich davon gehört habe, dachte ich nur: Hut ab! Wir würden so etwas nur machen, wenn es absolut gar nicht anders geht.»
Mitten in der Saison eine Hütte zu übernehmen, sei extrem schwierig – und mit einer Baustelle wie auf der Terrihütte erst recht. Um das überhaupt durchzustehen, brauche es enorm viel Erfahrung. «Das ist unbezahlbar. Für Neulinge wäre so etwas ein absoluter Stresstest», erklärt Streiff. Ohne ein starkes Team gehe es nicht: «Du brauchst deine Helfer, die überall für dich einspringen. Und man braucht Flexibilität. Man darf sich nicht stressen lassen – das nützt niemandem etwas.»
Auf sich alleine gestellt
Ebenfalls entscheidend: Rückhalt von oben. «Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zu unserer SAC-Sektion. Wenn das nicht stimmt, wird es extrem schwierig», betont Streiff. Das sei keineswegs selbstverständlich, von anderen Hüttenwarten höre man Gegenteiliges.
Doch selbst mit guter Rückendeckung gelte auf dem Berg vor allem eines: Eigenregie. «Bis auf ein paar Vorgaben – etwa bei den Preisen – sind wir völlig auf uns alleine gestellt. Der ganze Ablauf liegt bei uns: Wie wir arbeiten und wie wir die Gäste bewirten wollen.»