Stille Strippenzieherin
Sie ist die wohl mächtigste Frau der Schweizer Wirtschaft

Geraldine Matchett ist Verwaltungsrätin von Top-Unternehmen wie ABB, Nestlé und Swiss Re. Doch bekannt ist die 54-Jährige kaum – sie gilt als stille Strippenzieherin.
Kommentieren
ESG-Expertin Geraldine Matchett vereint Führungsstärke mit einem globalen Netzwerk – und bleibt dabei bemerkenswert unbekannt.
Foto: Diverse

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
Die Zusammenfassung von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast.
War diese Zusammenfassung hilfreich?
Externe Inhalte
Möchtest du diesen und weitere externe Beiträge (z.B. Instagram, X und anderen Plattformen) sehen? Wenn du zustimmst, können Cookies gesetzt und Daten an externe Anbieter übermittelt werden. Dies ermöglicht die Anzeige externer Inhalte sowie von personalisierter Werbung. Deine Entscheidung gilt für die gesamte App und ist jederzeit in den Einstellungen widerrufbar.
sdf_4.jpeg
Anne-Barbara Luft
Bilanz

Sie ist die wohl einflussreichste Frau der Schweizer Wirtschaft, aber der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt: Geraldine Matchett. Die 54-Jährige sitzt unter anderem in den Verwaltungsräten von ABB, Nestlé und Swiss Re und ist damit eine besonders machtvolle Figur in Schweizer Boards. Zudem ist sie Stiftungsrätin der Westschweizer Elite-Hochschule IMD. Sie engagiert sich seit Beginn ihrer Karriere für Nachhaltigkeit – schon lange bevor ESG-Themen in der Businesswelt in Mode kamen – und hat ein imposantes Netzwerk in der internationalen Finanzwelt über Mandate bei einem Bostoner Thinktank und der «Green House Gas Protocol»-Initiative.

Angesichts der Anzahl dieser anspruchsvollen und prestigeträchtigen Ämter, die Matchett innehat, besteht immerhin das Risiko von Overboarding. Man sagt über Matchett, sie habe «starke Führungsqualitäten» und «Durchsetzungsvermögen». Das Rampenlicht sucht sie aber nicht, sie zieht lieber im Hintergrund die Strippen. Dabei war bereits ihre Karriere auf operativer Ebene sehr spannend. Als Co-CEO des niederländischen Chemiekonzerns DSM war Matchett vor vier Jahren massgeblich an der Fusion mit Firmenich beteiligt. Ihren ersten Karrieresprung hatte sie beim Warenprüfkonzern SGS gemacht, wo sie schon mit Anfang 30 Chefcontrollerin wurde.

Artikel aus der «Bilanz»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Bilanz» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du unter bilanz.ch.

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Bilanz» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du unter bilanz.ch.

Die Board-Connection

Mit Posten in den Verwaltungsräten von drei SMI-Firmen hat Geraldine Matchett in der Schweizer Wirtschaft ein weites und vielfältiges Netzwerk. Bereits seit 2018 engagiert sie sich im Board of Directors des Industriekonzerns ABB. Dort ist sie Mitglied des Governance- und Nominierungsausschusses. Mit VR-Präsident Peter Voser und Johan Forssell, dem ehemaligen CEO der schwedischen Finanzholding und ABB-Grossaktionärin Investor AB, steht sie in diesem Komitee in engem Austausch über Corporate-Governance-Fragen sowie bei der Personalselektion für VR und Geschäftsleitung.

Seit knapp zwei Jahren hat Matchett zudem einen Sitz im Aufsichtsgremium von Nestlé und ist somit in regelmässigem Dialog mit Verwaltungsratspräsident Pablo Isla. Als ehemalige CFO und Wirtschaftsprüferin überrascht es nicht, dass sie bei Nestlé den Prüfungsausschuss unterstützt – an ihrer Seite: Apple-CFO Luca Maestri und Rainer Blair, CEO des US-Biotech-Konzerns Danaher. Im Verwaltungsrat des Rückversicherers Swiss Re übernimmt Matchett seit 2024 gleich zwei Aufgaben: Sie sitzt im Risikoausschuss – unter anderem zusammen mit der BCG-Senior-Adviser Pia Tischhauser. Zudem bringt sich die ESG-Expertin im Ausschuss für Unternehmensführung, Nominierungen und Nachhaltigkeit ein, dessen Vorsitz VR-Präsident Jacques de Vaucleroy hat. Dort sind ihre Mitstreiter Karen Gavan, die ehemalige Chefin des kanadischen Versicherers Economical Insurance, der ehemalige CS-Mann Joachim Oechslin sowie Jörg Reinhardt, vormals VR-Präsident von Novartis.

Peter Voser, Johan Forssell, Pablo Isla, Pia Tischhauser (v.l.).
Foto: Markus Senn, Samuel Schalch, PR / BILANZ-Montage

Die Familie

Geraldine Matchett besitzt die Staatsbürgerschaften der Schweiz, Frankreichs und Grossbritanniens. Sie wurde in der Schweiz geboren. Ihr Heimatort ist das historische Städtchen Saint-Prex am Genfersee. Später zog sie mit ihrer Familie nach Fontainebleau, südlich von Paris. Dort arbeitete ihr Vater an der Eliteuniversität Insead. Ihre Karriere führte Matchett nach England und in die Niederlande. Heute lebt sie am Jurasüdhang im Kanton Waadt, weniger als eine Stunde von Genf entfernt. Viele Skigebiete sind ganz in der Nähe, was der passionierten Skifahrerin sehr gefallen dürfte.

Die Karriere

Matchett studiert an den Universitäten in Reading und Cambridge Geografie und nachhaltige Entwicklung. Sie arbeitet für kurze Zeit als Trainee bei Thames Water, bevor sie in die Schweiz zurückkehrt und bei KPMG die Ausbildung zur Wirtschaftsprüferin ablegt. Die nächste Station ist Deloitte in Genf. Mit 32 Jahren folgt eine wichtige Entscheidung, die den Weg für ihre weitere Karriere ebnet: Sergio Marchionne holt Matchett als Group Finance Controller zum Genfer Warenprüfkonzern SGS.

Marchionne hat damals die Ämter des CEO und des CFO in Personalunion inne. Sechs Jahre später steigt Matchett – die einmal über sich selbst sagte: «Ja, ich bin ehrgeizig» – zur Finanzchefin von SGS auf. Sie wird als erste Frau als CFO des Jahres ausgezeichnet, ist bei Analysten und Investoren hoch geschätzt. CEO Chris Kirk wird einer ihrer wichtigsten Sparringspartner.

2014 verlässt sie SGS überraschend, um die Stelle des CFO beim niederländischen Chemiekonzern Royal DSM unter Feike Sijbesma anzutreten. In der Konzernleitung von DSM arbeitet sie eng mit Dimitri de Vreeze zusammen, mit dem sie 2020 Co-CEO wird. Nach dem Zusammenschluss mit dem Genfer Aromen- und Riechstoffhersteller Firmenich verlässt Matchett DSM-Firmenich und fokussiert sich seither auf ihre zahlreichen Posten in Verwaltungs- und Stiftungsräten.

Sergio Marchionne, Chris Kirk, Feike Sijbesma, Dimitri de Vreeze (v.l.).
Foto: AFP, Peter Strelitzki, PR / BILANZ-Montage

Die Gegenspieler

Geraldine Matchett war seit gut zwei Jahren zusammen mit Dimitri de Vreeze Co-CEO von DSM, als der niederländische Chemiekonzern die Fusion mit der Aromen- und Duftstofffirma Firmenich bekannt gab. Was als Merger of Equals verkauft wurde, glich eher einer Übernahme des Schweizer Familienunternehmens. Für Firmenich-Chef Gilbert Ghostine gab es bei DSM-Firmenich keinen Posten mehr – de Vreeze und Matchett übernahmen das CEO-Amt. Eines der Ziele der Fusion war es, dem ewigen Gegenspieler Givaudan den Rang abzulaufen. Givaudan-Chef Gilles Andrier nahm es gelassen. «Diese Fusion hat keinerlei Auswirkungen auf uns», betonte er damals im Gespräch mit BILANZ. Wirklich glücklich dürfte er aber nicht gewesen sein.

Gilbert Ghostine (l.), Gilles Andrier.
Foto: Remy Steiner, PR / BILANZ-Montage

Die Mitstreiter

Geraldine Matchett engagierte sich seit Beginn ihrer Karriere für Umwelt, Soziales und nachhaltige Unternehmensführung. Eine ihrer Herzensaufgaben ist daher die Leitung des Lenkungsausschusses der «Green House Gas Protocol»-Initiative, die einheitliche Methoden für Unternehmen, Regierungen und NGOs bereitstellt, um Emissionen transparent zu erfassen und zu reduzieren. Dort hat sie prominente Mitstreiter wie Kathleen McGinty, ehemalige Chairwoman des White House Council on Environmental Quality unter Präsident Clinton, und Ovais Sarmad, der eine Schlüsselrolle bei der Umsetzung des Pariser Abkommens spielte.

Auch an der Business School IMD in Lausanne sind Nachhaltigkeit sowie Vielfalt, Gerechtigkeit und Inklusion Kernthemen. Matchett ist dort seit 2020 im Stiftungsrat. Zusammen mit IMD-Präsident David Bach sowie einer langen Liste von Schweizer Wirtschaftsgrössen wie Margarita Louis-Dreyfus, Christoph Aeschlimann, Boris Collardi und Philipp Navratil hat sie ein Auge auf die strategische Ausrichtung und die Finanzen der renommierten Business School. Sie zählt zudem zum Team hochrangiger strategischer Berater des Bostoner Thinktanks FCLTGlobal (Focusing Capital on the Long Term) mit Finanzgrössen wie Larry Fink, Lynn Forester de Rothschild und Peter Harrison.

Kathleen McGinty, Ovais Sarmad, David Bach, Margarita Louis-Dreyfus (v.l.).
Foto: PR, Vera Hartmann für BILANZ / BILANZ-Montage
Was sagst du dazu?
Liebe Leserin, Lieber Leser
Der Kommentarbereich von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast. Noch kein Blick+-Abo? Finde unsere Angebote hier:
Hast du bereits ein Abo?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen