Machtnetz von Sabrina Soussan
Diese Französin prägt Spuhlers Stadler Rail

Mit ihrer Berufung in den Stadler-VR fährt Sabrina Soussan in einen Hotspot der hiesigen Industrie ein. Das ist das Machtnetz der Wahlschweizerin.
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Sabrina Soussan bringt internationale Expertise aus Frankreich, Deutschland und den USA zum Schweizer Rollmaterialhersteller.
Foto: PR

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von Marc Kowalsky
Bilanz

Als Kind wünschte sie sich zu Weihnachten statt Puppen einen Kran, der Vater musste sie durch die Gegend fahren, um mit ihr Baustellen anzuschauen: «Garçon manqué», einen verfehlten Jungen, nennt man im Französischen diese Art von Mädchen. Sabrina Soussan blieb ihrer Neigung zeitlebens treu, hat immer nur in Männerberufen gearbeitet – und dabei schnell gelernt, dass man dabei «als Frau mehr arbeiten und mehr beweisen muss, um als kompetent anerkannt zu werden», wie sie es einst ausdrückte.

Das ist ihr gelungen: Soussan erarbeitete sich Führungspositionen in der Schweiz, Deutschland, Frankreich und den USA, operativ wie im Board, und das in verschiedenen Industrien – eine eher seltene Kombination. Entsprechend breit und international ist die 57-Jährige vernetzt. Mit der Berufung in den Verwaltungsrat der Stadler Rail Anfang Mai findet Soussan nun auch in der Schweiz Anerkennung, jenem Land, das sie vor zehn Jahren – damals arbeitete sie noch in Deutschland – ihrem Ehemann zuliebe als Wahlheimat auserkoren hat. Stadler-Patron Peter Spuhler kennt sie seit mehr als zehn Jahren, Gerüchte, wonach sie damals bereits im Gespräch war als CEO für Stadler Rail, dementiert sie stets. Jetzt ist sie eine Teppichetage höher beim Rollmaterialhersteller angekommen.

Artikel aus der «Bilanz»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Bilanz» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du unter bilanz.ch.

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Die Karriere

Nach dem Studium von Luft- und Raumfahrttechnik arbeitete Soussan 15 Jahre in der Automobilbranche in Frankreich und Deutschland. 2008 wechselte sie zu Siemens Building Technologies in Zug unter Johannes Milde, ihr damaliger Förderer und heutige Siemens-CEO Roland Busch holte sie dann nach Deutschland zur Zugsparte Siemens Mobility. Nach zwei Jahren wurde sie Co-Chefin zusammen mit ihrem Kollegen Michael Peter. Bei einem Konsortium in Berlin gab es erste Kontakte zu Peter Spuhler. Als Siemens Mobility mit Alstom fusionieren wollte, verhandelte Soussan – letztendlich vergebens – 18 Monate lang mit EU-Kommissarin Margrethe Vestager.

Soussan war bei Staatsbesuchen mit Emmanuel Macron oft dabei.
Foto: AFP

Weil sie CEO einer börsenkotierten Firma werden wollte, wechselte sie 2021 zu Dormakaba unter VR-Präsident Riet Cadonau. Sie arbeitete eine neue Strategie, neue Prozesse und neue Strukturen aus, kam aber nicht zurecht mit der langsamen Entscheidungsfindung im Board und der kurzen Leine von Cadonau, der vorher selber zehn Jahre CEO gewesen war. Nach nur acht Monaten schmiss sie hin. Daraufhin stürzte der Aktienkurs um 13,5 Prozent ab. 2022 wechselte sie nach Paris zum Wasserversorger Suez, der nach seiner Aufteilung in Scherben lag. Bei fast jedem Staatsbesuch begleitete sie Staatspräsident Emmanuel Macron ins Ausland, diskutierte auch mit Wolodimir Selenski. Wirtschaftsminister Bruno Le Maire schlug sie für den Verdienstorden Chevalier de l’Ordre du Mérite vor. Nach drei Jahren und gelungener Sanierung hatte sie genug vom Operativen und vom Pendeln, seither konzentriert sie sich auf ihre VR-Karriere.

Die Familie

Soussan wurde als ältestes von vier Geschwistern in Paris geboren, die Mutter war Lehrerin, der Vater Unternehmer. Die Jugend verbrachte sie im französischen Jura. Ihren Ehemann Stephan Bauer lernte sie bei Siemens Automotive in Regensburg kennen, später leitete er acht Jahre den Bodenbelagshersteller Forbo in Baar ZG. Das Paar wohnt am Vierwaldstättersee, die 19-jährige Tochter ist kürzlich für das Studium ausgezogen. Jedes Jahr überquert Soussan den Jura auf Langlaufski im 76 Kilometer langen «La Jurassienne»-Rennen, sie fährt Velo (ist seit einer Sponsoringaktivität bei Suez sogar eng mit dem Tour-de-France-Chef Christian Prudhomme befreundet), ist den New York Marathon gelaufen und den Berglauf Gornergrat–Zermatt.

Soussans Ehemann: Stephan Bauer.
Foto: PR

Die Gegenspieler

Hauptkonkurrent für Stadler Rail auf dem Markt für Rollmaterial ist und bleibt – trotz punktueller Zusammenarbeit – Siemens, wie auch die jüngste, stark diskutierte SBB-Ausschreibung zeigt. An der Spitze der Zugsparte Mobility steht inzwischen allein Michael Peter, also jener Mann, mit dem sich Soussan dort einst den Chefposten teilte – eine neckische Konstellation. Auch die französische Alstom unter Henri Poupart-Lafarge ist ein wichtiger Konkurrent. Bei Soussans Berufung zur Dormakaba-Chefin 2021 war Jim-Heng Lee der interne Gegenkandidat – und nach ihrem Abgang ihr (glückloser Kurzzeit-)Nachfolger. Bei Suez gab es einen erbitterten Zweikampf mit dem französischen Konkurrenten Veolia unter Estelle Brachlianoff: Vor Soussans Amtsantritt kaufte Veolia einen grossen Teil der Aktivitäten von Suez in einer feindlichen Übernahme, danach duellierten sich die beiden Frauen auf dem Markt: Bei einem Milliardenauftrag der Stadt Toulouse behielt Soussan die Oberhand, ebenso beim Wettbieten um ein britisches Übernahmeziel.

Estelle Brachlianoff wurde von Soussan übertrumpft.
Foto: AFP

Die HSG-Connection

Der Austausch mit jungen Leuten ist Soussan, wie sie selber sagt, sehr wichtig. Deshalb engagiert sie sich in der St. Galler Stiftung für Internationale Studien, welche die jährliche Ausrichtung des St. Galler Symposiums an der HSG sicherstellt. Vorsitzender des Stiftungsrats ist ABB-Präsident Peter Voser, weitere Mitglieder sind Andreas Berger, CEO Swiss Re, Nestlé-Chef Philipp Navratil, Claudia Süssmuth Dyckerhoff, VR-Mitglied bei Roche und Clariant, oder Claudia Streit, die Aufsichtsratsvorsitzende des Wohnbaukonzerns Vonovia und der Deutschen Börse.

Nestlé-Chef Philipp Navratil ist in der St. Galler Stiftung für Internationale Studien vertreten.
Foto: KEYSTONE/NESTLE/WILLIAM GAMMUTO

Die Mitstreiter

Im VR von Stadler Rail trifft Soussan ausser auf Patron Peter Spuhler auf Ex-Lufthansa-Chef Christoph Franz und die frühere Bundesrätin Doris Leuthard. Als Nachfolgerin von Wolfgang Reitzle übernimmt Soussan Ende April zudem den Aufsichtsratsvorsitz beim deutschen Automobilzulieferer Continental, dort sitzt sie seit September im Board. Sie soll den Milliardenkonzern auf das Reifengeschäft fokussieren, analog dem Konkurrenten Michelin aus ihrer Heimat Frankreich. Ausserdem ist sie Mitglied im Gesellschafterausschuss des deutschen Konsumgüterherstellers Henkel (Persil, Schwarzkopf, Pattex etc.). Dort trifft Soussan auf Paul Achleitner, den früheren Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, Ex-BMW-Chef Norbert Reithofer oder Jean-François van Boxmeer, den langjährigen Chef von Heineken und heutigen Chairman von Vodafone.

Auch mit Barbara Kux, die bei Henkel im Aufsichtsrat sitzt, tauscht sie sich immer mal wieder aus. Ab 2018 sass Soussan im Board des US-Mischkonzerns ITT, 2023 wechselte sie zu Boeing als erste Europäerin überhaupt unter Steven Mollenkopf, Ex-CEO von Qualcomm. Nach zwei Jahren trat Soussan nicht mehr zur Wiederwahl an: Mit dem geopolitischen Wandel in Washington sind Europäer in einem US-Rüstungsunternehmen nicht mehr erwünscht.

Ex-Bundesrätin Doris Leuthard ist Mitglied des Stadler-VR.
Foto: Keystone
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