Darum gehts
- Trotz Spitzengewinn baut Raiffeisen 180 Stellen ab
- CEO Gabriel Brenna steht wegen Jobabbau und Führungsstil in der Kritik
- Fragen werfen Ausbau des Chefbüros und private Immo-Deals auf
Raiffeisen-Banken geht es blendend, der Gewinn klettert im ersten Halbjahr auf 660 Millionen Franken – der zweithöchste je registrierte Halbjahresgewinn. Das sogenannte Kosten-Ertrag-Verhältnis, das die Effizienz von Banken misst, verbesserte sich auf 56,8 Prozent. Das bedeutet: Von jedem eingenommenen Franken bleiben 43 Rappen als Vorsteuergewinn in der Kasse. Eine Marge, von der andere Branchen nur träumen können.
Für Raiffeisen-Chef Gabriel Brenna (52) ist das zu wenig effizient. «Wir sind zu komplex und schwerfällig geworden», sagte er im Blick-Interview. Deshalb hat er letzte Woche einen Stellenabbau von 180 Jobs angekündigt. Bis zu 70 Mitarbeitende werden den blauen Brief erhalten. Der Schnitt erfolgt nicht mit dem Skalpell, sondern mit dem Rasenmäher – «querbeet» sollen die Jobs verschwinden.
Ein Jobabbau ohne Not ist eine klare Botschaft an jeden einzelnen Bankangestellten: Selbst wenn es gut läuft, kannst du nicht sicher sein, ob du deinen Job behalten kannst. Damit stiftet Brenna maximale Verunsicherung in der Belegschaft. In der Zentralgenossenschaft Raiffeisen Schweiz sind 2300 Personen beschäftigt, die meisten am Hauptsitz in St. Gallen und beim Flughafen in Kloten. Rechnet man die selbständigen regionalen Genossenschaften dazu, sind es insgesamt 13'000 Stellen.
Doch nicht nur intern stösst Brenna die Mitarbeitenden vor den Kopf, auch von aussen kommt Kritik. In ungewohnt scharfen Worten verurteilt der Bankpersonalverband den Abbau. Das sei schlechter Stil, sagte Präsident Michael von Felten zu CH Media. Er befürchtet, dass «diese ruppige Art die neue Kultur bei Raiffeisen» werde.
Mit diesem Gegenwind dürften Gabriel Brenna und seine Berater nicht gerechnet haben. Man kann sich fragen, was sie sich mit der Massenentlassung gedacht haben. 180 Stellen entsprechen bei einer Belegschaft von 2300 weniger als acht Prozent, auf Gruppenstufe nur 1,5 Prozent. Das gleiche Resultat hätte man auch sanfter erzielen können. Indem man Stellen nicht ersetzt oder Anreize für Frühpensionierungen schafft und sogenannte Low Performer konsequent aus der Organisation herausmanagt, um es in neudeutscher Managersprache zu sagen.
Möglicherweise ging es Gabriel Brenna auch darum, ein Zeichen gegenüber den 208 Genossenschaften zu setzen. Diese beargwöhnen die Kostenentwicklung in der Zentrale seit vielen Jahren. Dass die Massenentlassung mehr symbolischen Charakter haben dürfte, zeigt ein Blick zurück: Im Jahr 2019 kündigte die Zentrale den Abbau von 200 Jobs an – kurz darauf gingen die Stellen wieder hoch. Das wird dieses Mal nicht anders sein.
Geschäftsleitung wird zum Männerklub
Irritationen löst auch der Umbau der Geschäftsleitung der Bank aus. Mit Helen Fricker (58) musste eine langjährige Managerin über die Klinge springen. Sie war das Bindeglied für die regionalen Banken und vertrat deren Anliegen in der Geschäftsleitung mit Verve. Diesen Job übernimmt nun ein ehemaliger CS-Banker und Boston-Consulting-Berater. Die Geschäftsleitung der zweitgrössten Bank der Schweiz ist zum reinen Männerklub geworden.
Mit Frickers Ausscheiden schwindet auch die bankfachliche Erfahrung im Topgremium. Brenna selbst ist erst seit 14 Jahren im Bankgeschäft und verfügt über einen schmalen Praxisrucksack. Er war viele Jahre mit seinem Physikstudium beschäftigt. Nach der Promotion an der ETH stieg er 2004 bei McKinsey als Berater ein. Ohne vorher bei einer Bank gearbeitet zu haben, wechselte er 2012 direkt in die Geschäftsleitung der Liechtensteinischen Landesbank (LLB). Vor fünf Jahren wurde er deren CEO. Seine Bilanz ist durchzogen.
Der Hauruck-Stellenabbau bewirkt immerhin, dass Gabriel Brenna nun bekannt ist. Bankintern hingegen hat er bereits seine Spuren hinterlassen. Als Erstes vergrösserte er sein Chefbüro am Sitz der Zentralgenossenschaft in St. Gallen. Er liess eine Wand herausbrechen und vergrösserte so das ohnehin schon üppige Büro seines Vorgängers. Ein Sprecher bestätigt dies und sagt, dass Brenna Gespräche und Sitzungen mit «mehreren Personen regelmässig direkt in seinem Büro führe, weshalb die Bürostruktur angepasst wurde».
Viel Raum für sich beansprucht der neue Raiffeisen-Chef auch in den Konzernleitungssitzungen, wie eine bestens vernetzte Quelle sagt. Brenna sei ein Manager, der kein Fan abweichender Meinungen sei und das auch andere spüren lasse. Wenn man eine andere Position einnehme, könne es passieren, dass man vor allen Geschäftsleitungsmitgliedern zurechtgewiesen werde.
Auf Effizienz getrimmt führt Brenna auch seine Agenda. In den ersten acht Monaten hat er bereits 80 regionale Genossenschaften besucht. «Sehr herzlich» sei er empfangen worden, sagt er im Blick. Die Besuche laufen dabei meist nach dem gleichen Muster ab. Ein Mitarbeiter beschreibt es so: Brenna kommt in einer Genossenschaft an, spricht 55 Minuten und hört fünf Minuten zu. Ein Fotograf, der immer dabei sei, schiesst Bilder. Nach 60 Minuten verabschiedet er sich, und bereits fünf Minuten später erscheint ein Post auf der Onlineplattform Linkedin.
Heikles Immobilienengagement
Brenna ist italienisch-schweizerischer Doppelbürger. Sein offizieller Vorname lautet Gabriele – so ist er auch im Handelsregister eingetragen. Wer ihn dort nach seinem Namen sucht, stösst auf die Pontara Capital AG, eine Immobilienfirma, die er zusammen mit einem Partner im Februar 2026 gegründet hat. Brenna ist dort als Verwaltungsrat eingetragen. Sein Geschäftspartner ist in weiteren Immobiliengesellschaften aktiv. Da Raiffeisen zu den grössten Immobilienfinanzierern der Schweiz gehört, ist dieses Engagement heikel.
Die Raiffeisen-Gruppe verfüge über Regelungen zum Umgang mit Interessenkonflikten, schreibt ein Sprecher. Die «private Immobilieninvestition» von Gabriel Brenna sei gegenüber Raiffeisen Schweiz offengelegt und genehmigt worden.