Schluss mit Lädele?
Nagelstudios, Barbershops und Gastronomie verdrängen immer mehr Einkaufsläden aus Innenstädten

Die Gastro- und Dienstleistungsbranche blüht in Schweizer Innenstädten. Das Nachsehen haben Bücher-, Kleider- und Spezialläden, die zunehmend verschwinden. Eine Studie beleuchtet den Wandel in Genf und Zürich.
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Kleiderläden verschwinden: Liquidation eines Modegeschäfts in der Winterthurer Marktgasse.
Foto: Ulrich Rotzinger

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Schweizer Innenstädte im Wandel: Food und Dienstleistungen boomen
  • Dafür massiv weniger Kleiderläden in grösseren Städten
  • Marktanteil Onlinehandel steigt und liegt bei 18 Prozent

Unsere Einkaufsstrassen erleben ein Beben. Der Ausverkauf in Schweizer Innenstädten nimmt Fahrt auf! Der reine Warenverkauf hat ausgedient – besonders Kleiderläden verschwinden zunehmend aus den Fussgängerzonen. Sie müssen für noch mehr Gastronomie und Dienstleister Platz machen.

Laut einer nun veröffentlichten Analyse des Immobilienberaters Wüest Partner wirkt sich dieser Wandel besonders drastisch auf das Bild der Innenstädte aus, wie wir es bislang kannten. So verschwanden in der Zürcher Altstadt in den letzten zehn Jahren 110 Kleiderläden – das ist ein massiver Rückgang von 30 Prozent. Stattdessen boomen Gastronomiebetriebe und Coiffeur- und Kosmetiksalons sowie neu auch Barbershops. Vergleichbare Entwicklungen sind laut der Studie in allen grösseren Städten der Schweiz zu beobachten.

«Wir sehen diesen Trend in der Stadt Luzern ebenfalls», sagt Alfred Landolt (66), Präsident der City-Vereinigung Luzern. Ein Grund dafür sind die hohen Mieten: «Kosmetikstudios, Nagelstudios und Salons können sich auf relativ kleinen Flächen gut und bezahlbar platzieren», weiss Landolt. Sie brauchen keine teuren Lagerflächen – so sei die Miete noch bezahlbar.

Kleidergeschäfte verschwinden

In Winterthur ZH und St. Gallen ergibt sich ein ähnliches Bild, wie ein Augenschein von Blick zeigt. Räumungsverkäufe von Modegeschäften und Buchläden sowie leere Schaufenster in der Haupteinkaufsstrasse. Dafür hat es mehrere Barbershops und Schönheitssalons.

Einige Gebäude mit Verkaufsläden im Erdgeschoss werden in der Winterthurer Marktgasse derzeit umgebaut und saniert. Wer später dort einzieht, ist unklar. Auffallend auch: Die deutsche Kosmetik- und Drogeriekette Müller hat in der Marktgasse die Ladenflächen vom Einrichtungsladen Depot übernommen und dort einen zusätzlichen zweiten Laden eröffnet. Mehr vom Gleichen – ein Einheitsbrei.

In der Genfer Innenstadt verschwanden laut Wüest Partner in den letzten zehn Jahren rund 80 Bekleidungsgeschäfte, während über 80 weitere Psychotherapie- und Physiotherapiepraxen, fast 30 neue Lebensmittelläden und 60 Gastronomiebetriebe eröffneten.

Den Gastroboom beobachtet Landolt auch in Luzern. Die Menschen wollen der Anonymität des Internets entkommen, sagt er: «Sie suchen die Begegnung mit Freunden.» Dabei werde vor allem in Restaurants, Fast-Food-Ketten, Bars, Cafés oder in Spezialitätengeschäften konsumiert und flaniert. «Es entspricht auch dem Zeitgeist von heute – sich treffen, trinken, essen, sich austauschen.»

Onlinehandel verdoppelt sich

Laut der Untersuchung haben die klassischen Verkaufsflächen in den vergangenen Jahren massiv eingebüsst. Trotz eines Anstiegs des privaten Konsums um über 22 Prozent seit 2010 wuchs der Umsatz des stationären Handels lediglich um 4 Prozent.

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Besonders betroffen ist der Non-Food-Bereich, wo die Anzahl der Geschäfte in den letzten zehn Jahren um 10 Prozent zurückging. Gleichzeitig hat sich der Onlinehandel im Non-Food-Sektor in den letzten sechs Jahren verdoppelt, mit einem Marktanteil von mittlerweile 18 Prozent. Klamotten und Schuhe sind einer der wichtigsten Pfeiler des Internetshoppings – in den Einkaufspassagen hat es für sie immer weniger Platz.

Die Schönheitsindustrie boomt

Der Dienstleistungssektor geht als Gewinner in den Innenstädten hervor: Die Zahl der Psycho- und Physiotherapiepraxen stieg zwischen 2013 und 2023 schweizweit um 54 Prozent, Fitnesszentren um 25 Prozent, Coiffeur- und Kosmetiksalons um 22 Prozent und Kinderbetreuungsstätten um 40 Prozent.

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Der klassische Laden verliert laut der Studie zunehmend seine Rolle als rein funktionaler Verkaufsort. Dafür sind Verkaufsstellen, die als Showrooms und Abholpunkte dienen, immer gefragter. Das Möbelhaus Ikea machts vor – mit Showrooms in den Innenstädten von Zürich, Bern und Winterthur.

Während ältere Generationen weiterhin Wert auf persönliche Beratung legen, suchen jüngere Zielgruppen vermehrt nach Erlebnis, Atmosphäre und Identität. Das wirkt sich direkt auf die Innenstädte aus. Sie entwickeln sich weg von reinen Einkaufsstrassen hin zu sozialen Erlebnislandschaften.

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