Darum gehts
Robert Itschner sitzt auf dem Dach einer Windturbine, seine Beine baumeln durch die Luke in den Maschinenraum. «Da drüben sieht man das Meer, wunderschön», sagt er und zeigt in die Ferne. Dann steht er auf, klinkt den Karabiner in den Sicherungshaken am Boden ein und geht einige Schritte. Das Dach des Generatorgebäudes der Turbine auf 112 Metern wippt, die Rotorblätter drehen sich träge – obwohl die Anlage für den Besuch stillgesetzt ist. «Höhenangst darf man hier nicht haben», sagt er.
Der CEO des Berner Energieunternehmens BKW ist nach Apulien, in den windreichen Süden Italiens, gereist. Vom Flughafen Neapel fährt er drei Stunden Richtung Osten. Je weiter, desto dichter stehen sie in der Landschaft: Windturbinen. Rund 4000 Anlagen drehen sich hier, 29 davon gehören zum neuen Windpark der BKW. «Wir haben das Projekt im Zeit- und Kostenrahmen geschafft, keine Selbstverständlichkeit», sagt Itschner stolz. Sechs Jahre Entwicklung, ein Jahr Bauzeit. 250 Millionen Franken Kosten. Strom für rund 140 000 Haushalte.
Kaum angekommen, steigt der CEO mit Helm und Klettergurt auf eine der Anlagen. Im Inneren des Turms fährt ein kleiner Lift nach oben, kaum Platz für zwei Personen, knapp sechs Minuten Fahrzeit. «Man darf nicht nur keine Höhenangst haben», sagt er, «auch Platzangst wäre ungünstig.»
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Der Süden dreht schneller
Die BKW ist eines der grössten Schweizer Energieunternehmen mit 12'390 Mitarbeitenden in elf Ländern. Der mehrheitlich dem Kanton Bern gehörende Konzern investiert bis 2030 rund zweieinhalb Milliarden Franken in erneuerbare Energien – ein grosser Teil davon im Ausland. «Wir würden gern mehr in der Schweiz investieren – aber oft können wir nicht», sagt Itschner.
Später, auf einem Weingut inmitten des Windparks, tritt er vor den circa 100 geladenen Gästen bei der Eröffnungsfeier auf. «Die Schweizer Regierung kann sich durchaus etwas von Italien abschauen», sagt er halb im Ernst, halb als Witz. Denn zu Hause weht ein anderer Wind.
Auf einem Hügel hoch über Tramelan im Berner Jura sollen dereinst sechs Windturbinen Strom für 5800 Haushalte erzeugen. 2015 hatte die BKW an der Gemeindeversammlung ein Ja vom Stimmvolk bekommen. Doch die Gegner bekämpften das Projekt bis vor Bundesgericht. Ende 2023 haben die obersten Richter alle Beschwerden abgewiesen. Trotzdem steht das Projekt still. «Wir sind uns Gegenwind gewohnt», sagt Itschner mit einem müden Lächeln. Ein Landwirt etwa befürchtet Kriechströme – unkontrollierte elektrische Spannungen –, die für seine Kühe gefährlich sein könnten. «Kriechströme entstehen in der Regel durch mangelhafte Erdung oder veraltete elektrische Installationen. Aber sicher nicht bei so hochmodernen Anlagen wie unseren», sagt Itschner und schüttelt den Kopf. «Einsprachen sind wichtig. Aber wenn einzelne Projekte über Jahre blockiert werden, verlieren wir unsere Handlungsfähigkeit. Das ist schon frustrierend.»
Ein Leben im Aufwind
Seit vier Jahren führt Itschner die BKW, zuvor war der Elektroingenieur fast 30 Jahre bei der ABB. «Meine Karriere war nie durchgeplant – vieles ist einfach entstanden.» Er ist zurückhaltender als seine Vorgängerin Suzanne Thoma. «Meine Aufgabe ist nicht, mich zu vermarkten, sondern die Firma.»
Itschner ist am Zürichsee, in Meilen, aufgewachsen. Sein Vater war Architekt, die Mutter Physiotherapeutin. Er machte eine Lehre als Polymechaniker. «Ich bin ein grosser Fan von Lehrausbildungen. Auch jetzt in unserem Betrieb fördere ich diese sehr.» Später studierte er in den USA. Dort lernte er seine Frau kennen. Machiko Itschner wuchs in Japan auf. Nach dem Studium suchte das Paar in Tokio Arbeit – fand aber keine. Stattdessen heuerte Itschner bei der ABB an.
Heute lebt er mit seiner Frau in Uster ZH und pendelt nach Bern. «Aber immer nur mit dem Zug. Im Auto stehe ich sonst nur im Stau.» Die drei erwachsenen Kinder sind ausgezogen.
Wandel und Widerstand
Am folgenden Tag: ein Industriegebäude in der Gemeinde Troia. Unspektakulär von aussen, hochkomplex im Innern. Hier arbeiten 60 Personen für die BKW, Robert Itschner und sein Team besuchen sie. Margarita Aleksieva, 43, Leiterin der Energieproduktion von BKW, führt durch den Raum. «Hier schlägt das Herz unseres Windparks», sagt sie. Auf vier grossen und zwölf kleineren Bildschirmen laufen Live-Daten aus ganz Europa zusammen: Windgeschwindigkeiten, Einspeisung, Netzlast, Störungen, Prognosen. Alle Anlagen werden hier überwacht und teilweise gesteuert – von Skandinavien bis Süditalien.
Was bringen die Windturbinen in Italien für die Schweiz? «Das europäische Stromsystem ist eng gekoppelt», sagt Itschner. «Wir sind mit mehr als 40 Hochspannungsleitungen verbunden. Solche Projekte stabilisieren die Versorgung – auch für die Schweiz.»
Die Schweizer Stimmbevölkerung hat 2017 die Energiestrategie 2050 angenommen. Der Bund möchte rund sieben Prozent des Stroms mit Windkraft erzeugen. Laut der ETH Zürich sind dafür etwa 760 grosse Windturbinen nötig, heute gibts erst knapp 50. «Wir brauchen Windstrom im Winter. Klar, Solarstrom ist unverzichtbar, aber die beiden Technologien ergänzen sich ideal: Solar im Sommer, Wind im Winter. Dazu Wasserkraft. Die offene Frage ist, ob wir zusätzliche Kraftwerke brauchen», sagt Robert Itschner.
Ob er den Widerstand gegen die Windkraft nachvollziehen kann? «Klar muss man sich erstmal daran gewöhnen, wenn man aus dem Fenster schaut und auf einmal ein Windrad hinten auf dem Hügel steht. Aber wir haben uns auch an Hochspannungsmasten und Skilift-Installationen in den Bergen gewöhnt. Die Technologie ist viel leiser geworden. Ich hätte gar kein Problem, neben einem Windrad zu wohnen.»