Beobachter: Martin Scheringer, wieso sind PFAS gefährlich?
Martin Scheringer: PFAS bauen sich in der Natur nicht ab und gelangen über Trinkwasser und Lebensmittel ins Blut der Menschen. Dort reichern sie sich an und können unter anderem zu Leberschäden, Nierenkrebs und Hodenkrebs führen. PFAS können auch die Immunantwort auf Impfungen oder die Schilddrüsenfunktion schwächen. Sie können den Fettstoffwechsel stören und bei Männern die Spermienzahl sinken lassen.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
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Sind PFAS gefährlicher als andere Chemikalien wie zum Beispiel Pestizide?
Sie sind anders gefährlich. Pestizide sind akut giftig, schliesslich sollen sie schnell und stark gegen Schädlinge wirken. Selbst wenn man Pestizide in kleinen Mengen verschluckt, kann ein Mensch daran sterben. Zum Beispiel Zyanid, das den Sauerstofftransport blockiert. Bei PFAS ist es genau nicht so. Wenn man ein wenig davon verschluckt, wird erst einmal gar nichts passieren. Aber der Stoff bleibt lange im Körper, bindet sich an Proteine, sammelt sich in der Leber an und im Blut. Und löst dann über lange Zeit die erwähnten chronischen Krankheiten aus. Das sind lauter Dinge, die eher subtil sind und nur langsam eskalieren. Zudem wirken sie auch nicht bei allen Menschen gleich. Das ist wie beim Rauchen oder beim Alkohol, da wird auch nicht jeder krank. Eine Zyanidkapsel wirkt hingegen bei jedem gleich.
Martin Scheringer (61) ist ein deutsch-schweizerischer Chemiker und international bekannt für seine PFAS-Expertise. Er ist an der ETH Zürich Privatdozent für Umweltchemie, Professor für Umweltchemie an der Masaryk-Universität im tschechischen Brünn sowie Mitgründer und Vorstandsvorsitzender des International Panel on Chemical Pollution (IPCP), das sich mit Umweltverschmutzung durch Chemikalien befasst.
Martin Scheringer (61) ist ein deutsch-schweizerischer Chemiker und international bekannt für seine PFAS-Expertise. Er ist an der ETH Zürich Privatdozent für Umweltchemie, Professor für Umweltchemie an der Masaryk-Universität im tschechischen Brünn sowie Mitgründer und Vorstandsvorsitzender des International Panel on Chemical Pollution (IPCP), das sich mit Umweltverschmutzung durch Chemikalien befasst.
In der Schweiz sind bisher nur eine Handvoll der über 10’000 PFAS-Stoffe verboten. Wieso?
Ein Verbot muss begründet sein, deshalb braucht es viele toxikologische Tests. Man benötigt Zeit, Geld und auch Tiere für Versuche. PFOS und PFOA, die beiden zuerst verbotenen Stoffe, hat man am intensivsten untersucht.
Sind die anderen PFAS denn weniger gefährlich?
Nein. Beziehungsweise, es kommt darauf an, wie ähnlich sie PFOA und PFOS sind. Bei diesen Stoffen wissen wir, wie sie wirken. Der Stoff PFNA, der lediglich ein Kohlenstoffatom mehr aufweist als PFOA, wird sehr ähnlich wirken. Hier konnte man beim Verbot vom bereits vorhandenen Wissen über PFOA profitieren. Das heisst im Umkehrschluss aber nicht, dass alle anderen PFAS ungiftig sind, weil sie noch nicht genügend getestet worden sind. Das wäre absurd. Es ist viel eher so, dass sie, wenn sie PFOA und PFOS ähnlich sind, auch ähnlich giftig sind und sich ähnlich verhalten. Man muss nicht bei jedem Stoff bei null anfangen.
- PFAS: Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (engl. Per- and polyfluoroalkyl substances). Eine Gruppe von mehr als 10’000 industriell hergestellten Chemikalien, die nur schwer abbaubar sind. Zu ihnen gehören unter anderem:
- PFOA: Perfluoroctansäure (engl. Perfluorooctanoic acid), in der Schweiz seit 2021 verboten.
- PFOS: Perfluoroctansulfonsäure (engl. Perfluorooctanesulfonic acid), in der Schweiz seit 2011 verboten.
- PFNA: Perfluornonansäure (engl. Perfluorononanoic acid), in der Schweiz seit kurzem verboten.
- PFAS: Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (engl. Per- and polyfluoroalkyl substances). Eine Gruppe von mehr als 10’000 industriell hergestellten Chemikalien, die nur schwer abbaubar sind. Zu ihnen gehören unter anderem:
- PFOA: Perfluoroctansäure (engl. Perfluorooctanoic acid), in der Schweiz seit 2021 verboten.
- PFOS: Perfluoroctansulfonsäure (engl. Perfluorooctanesulfonic acid), in der Schweiz seit 2011 verboten.
- PFNA: Perfluornonansäure (engl. Perfluorononanoic acid), in der Schweiz seit kurzem verboten.
Versucht man in der EU deshalb auch, die ganze Stoffklasse – mit Ausnahmen – zu verbieten?
Ja, genau. Diese Bemühung, PFAS generell zu verbieten, wird stark davon angetrieben, dass alle diese Chemikalien hinsichtlich einer ganz zentralen Eigenschaft ähnlich sind. Nämlich in ihrer Persistenz, ihrer Stabilität in der Umwelt, die sie zu Ewigkeitschemikalien macht.
Wieso ist die geplante PFAS-Beschränkung so umstritten?
Weil es um sehr viele verschiedene Stoffe und Anwendungen geht. Und die typische Sichtweise bei der Risikobewertung von Chemikalien ist, dass jeder Stoff ein Einzelfall ist und einzeln beurteilt werden muss. Das war das Paradigma der letzten 60, 70 Jahre. Angesichts der Vielzahl der PFAS ist das jedoch unrealistisch. Natürlich gibt es zwischen den einzelnen PFAS Unterschiede, aber ihnen allen ist die extreme Persistenz gemeinsam.
Eilt es mit diesem Verbot? Kommt es auf ein paar Jahre mehr oder weniger an?
Eigentlich schon, weil alle PFAS, die in die Umwelt gelangen, nicht abgebaut werden, sondern eben dortbleiben. Und je länger das weiterläuft, desto schlimmer wird das Problem. Andererseits muss man auch sehen, was bei einem so komplexen Verbotsverfahren realistisch ist. PFAS haben unsere ganze Lebenswelt durchdrungen. Sie wieder loszuwerden, ist ein Riesenakt. Und unsere Gesellschaft ist nun einmal so, dass sie den technischen Materialien und dem wirtschaftlichen Wohlergehen der Firmen ein grosses Gewicht beimisst. Deshalb braucht es Zeit, um ein generelles Verbot vernünftig abzustützen und zu begründen. Insofern verstehe ich, dass es lange dauert und man PFAS nicht einfach auf die Schnelle verbieten kann.
- European Chemicals Agency (ECHA): Per- and polyfluoroalkyl substances (PFAS)
- International Panel on Chemical Pollution: IPCP Board, Martin Scheringer
- European Chemicals Agency (ECHA): Per- and polyfluoroalkyl substances (PFAS)
- International Panel on Chemical Pollution: IPCP Board, Martin Scheringer