Geschäft mit Ewigkeitschemikalien
So vergiftet die Schweizer Industrie das Land mit PFAS

Trotz drohendem Verbot und Klagerisiken setzen Schweizer Firmen auf die Ewigkeitschemikalien. Der Beobachter hat hinter die Kulissen der Schweizer PFAS-Industrie geschaut.
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Gefahr für Mensch und Tier: PFAS bergen ein hohes Gesundheitsrisiko. Einige von ihnen können nachweislich zu Krebs führen.
Foto: imago/Arnulf Hettrich

«Ich bin im Moment eine Art Wanderprediger und tingle vom Gemüsebauern bis zum Versicherungsverband», sagt Dominique Werner und lacht. Wir sitzen an einem kleinen, runden Tisch im Büro von Scienceindustries, dem Verband der Chemie- und Pharmaindustrie, in Zürich-Unterstrass und reden über Granulate, Fluorgase, chemische Synthesen. Die Stoffgruppe, um die es dabei eigentlich geht, sind die PFAS – auch bekannt als Ewigkeitschemikalien.

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Wenn in der Schweiz in den letzten Jahren über PFAS diskutiert wurde, ging es meist darum, ob Bauern in St. Gallen weiterhin ihr PFAS-belastetes Fleisch verkaufen können. Oder um Fischfangverbote für Hecht und Egli aus dem Zugersee. Um Böden, die für viele Milliarden Franken saniert werden müssen. Oder um ungeklärte Haftungsfragen.

Schweizer Firmen setzen auf PFAS

Was dabei gern vergessen geht: Während die Schweiz über die Konsequenzen der PFAS-Kontaminationen der vergangenen Jahrzehnte debattiert, arbeitet die heimische Industrie nach wie vor fast ungebremst mit den problematischen Stoffen. Salopp gesagt: Während man hinten mit Aufräumen beschäftigt ist, wirft man vorn weiter mit Gift um sich.

Was sind PFAS?

Die Abkürzung PFAS steht für mehrere Tausend verschiedene per- und polyfluorierte Alkylverbindungen. Es sind Chemikalien mit ausserordentlichen Eigenschaften. Sie sind extrem stabil und hitzebeständig und wasser-, schmutz- und fettabweisend. Weil dies fast kein anderer Stoff gleichzeitig bietet, sind PFAS so beliebt.

Aber die Stoffe haben eine Schattenseite: Sie sind praktisch unzerstörbar – daher der Begriff Ewigkeitschemikalien. Man muss sie auf über 1000 Grad erhitzen, um die chemische Bindung zwischen Fluor- und Kohlenstoff zu brechen. Und weil sie so stabil sind, bauen sie sich in der Natur nicht ab. Sie reichern sich in der Umwelt, in Böden und Gewässern an. Über Trinkwasser und Nahrungsmittel finden PFAS schliesslich ihren Weg ins menschliche Blut und werden im Körper zum Gesundheitsrisiko. Sie sind nicht akut giftig, sondern chronisch, das heisst, sie werden erst langfristig zum Problem. PFAS können zu verminderter Wirksamkeit von Impfstoffen führen und negative Auswirkungen auf Leber, Cholesterinwerte oder das Geburtsgewicht haben. Die Internationale Agentur für Krebsforschung stuft PFOA als «krebserregend für den Menschen» und PFOS als «möglicherweise krebserregend» ein. Die Europäische Chemikalienagentur stufte den PFAS-Stoff Trifluoressigsäure (TFA) kürzlich als «besonders schädlich» ein. Demnach kann er die Fruchtbarkeit verringern und das Kind im Mutterleib schädigen.

PFAS wurden nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt. Seit den 1970er-Jahren werden sie im grossen Stil produziert, und spätestens seit dann wissen die Chemiekonzerne auch, wie gefährlich PFAS sind. Öffentlich bekannt wurde das aber erst nach der Jahrtausendwende, als US-Anwalt Robert Bilott aufdeckte, wie das Chemieunternehmen DuPont einen ganzen Landkreis in West Virginia verseucht hatte. Seither sind die Chemiekonzerne mit einer Serie von millionenschweren Schadenersatzklagen konfrontiert, auch in Europa. Mittlerweile weiss man durch Messungen, dass es weltweit kein Blut mehr gibt ohne PFAS drin.

Die Abkürzung PFAS steht für mehrere Tausend verschiedene per- und polyfluorierte Alkylverbindungen. Es sind Chemikalien mit ausserordentlichen Eigenschaften. Sie sind extrem stabil und hitzebeständig und wasser-, schmutz- und fettabweisend. Weil dies fast kein anderer Stoff gleichzeitig bietet, sind PFAS so beliebt.

Aber die Stoffe haben eine Schattenseite: Sie sind praktisch unzerstörbar – daher der Begriff Ewigkeitschemikalien. Man muss sie auf über 1000 Grad erhitzen, um die chemische Bindung zwischen Fluor- und Kohlenstoff zu brechen. Und weil sie so stabil sind, bauen sie sich in der Natur nicht ab. Sie reichern sich in der Umwelt, in Böden und Gewässern an. Über Trinkwasser und Nahrungsmittel finden PFAS schliesslich ihren Weg ins menschliche Blut und werden im Körper zum Gesundheitsrisiko. Sie sind nicht akut giftig, sondern chronisch, das heisst, sie werden erst langfristig zum Problem. PFAS können zu verminderter Wirksamkeit von Impfstoffen führen und negative Auswirkungen auf Leber, Cholesterinwerte oder das Geburtsgewicht haben. Die Internationale Agentur für Krebsforschung stuft PFOA als «krebserregend für den Menschen» und PFOS als «möglicherweise krebserregend» ein. Die Europäische Chemikalienagentur stufte den PFAS-Stoff Trifluoressigsäure (TFA) kürzlich als «besonders schädlich» ein. Demnach kann er die Fruchtbarkeit verringern und das Kind im Mutterleib schädigen.

PFAS wurden nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt. Seit den 1970er-Jahren werden sie im grossen Stil produziert, und spätestens seit dann wissen die Chemiekonzerne auch, wie gefährlich PFAS sind. Öffentlich bekannt wurde das aber erst nach der Jahrtausendwende, als US-Anwalt Robert Bilott aufdeckte, wie das Chemieunternehmen DuPont einen ganzen Landkreis in West Virginia verseucht hatte. Seither sind die Chemiekonzerne mit einer Serie von millionenschweren Schadenersatzklagen konfrontiert, auch in Europa. Mittlerweile weiss man durch Messungen, dass es weltweit kein Blut mehr gibt ohne PFAS drin.

In der EU versucht man gerade, die rund 10’000 PFAS als Stoffklasse integral zu verbieten – mit Ausnahmen für Anwendungen, bei denen es noch keine Alternativen gibt. Obwohl dabei auch lange Übergangsfristen bis zu zwölf Jahren vorgesehen sind, tobt momentan ein epischer Kampf der Lobbyisten. Denn es geht eben nicht nur um die Gesundheit der Bevölkerung, sondern auch um sehr viele verschiedene Wirtschaftszweige, um sehr viele Arbeitsplätze – und nicht zuletzt auch um sehr viel Geld.

Scienceindustries hat sich in der Vernehmlassung gegen die geplante PFAS-Beschränkung innerhalb der EU ausgesprochen. Doch um für alle Fälle gerüstet zu sein, versucht Chemikalienrechtsexperte Dominique Werner gerade, sich einen Überblick zu verschaffen.

«Meine grosse Sorge ist, dass zu viele Branchen gar nicht wissen, wo sie überall PFAS einsetzen und wie exponiert sie sind, wenn dann nach einem allfälligen Verbot plötzlich Produktionsmittel nicht mehr vorhanden sind oder wenn es um Schadenersatz geht», sagt Werner. Tatsächlich stuft die Wirtschaftsprüfungsfirma Ernst & Young PFAS als erhebliches Haftungsrisiko ein – und zieht Parallelen zur Asbestproblematik. Was früher als unbedenklich gegolten habe, könne sich zu einem «ernst zu nehmenden rechtlichen und wirtschaftlichen Risiko entwickeln».

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Meine grosse Sorge ist, dass zu viele Branchen gar nicht wissen, wo sie überall PFAS einsetzen.
Dominique Werner, Chemikalienrechtsexperte bei Scienceindustries
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«Ich bin oft bei Unternehmen, wo die Firmenleitung denkt, dass sie das Thema nicht betrifft. Weil PFAS in Materialien und Produkten meist nicht explizit ausgewiesen sind», sagt Werner. Dabei haben sich die problematischen Stoffe mittlerweile in alle möglichen Anwendungsbereiche eingeschlichen. Zum Beispiel stolperte Werner kürzlich eher zufällig darüber, dass PFAS auch beim Abfüllen von Mineralwasser eine Rolle spielen. Und zwar stecken sie in Dichtungen und Pumpenbeschichtungen, damit auf der gleichen Produktionslinie nacheinander verschiedene Geschmacksrichtungen abgefüllt werden können, ohne dass sie sich verschleppen und die Holunderschorle plötzlich auch nach Cassissirup schmeckt.

Behörden stochern im Trüben

Die Situation ist ernst, weil PFAS ein hohes Gesundheitsrisiko bergen und einige von ihnen nachweislich zu Krebs führen können. Doch über welche Wege und in welchem Ausmass sie nach wie vor in die Umwelt gelangen, darüber herrscht noch immer grosses Rätselraten.

Das Bundesamt für Umwelt hat bislang nicht systematisch untersucht, welche Teile der Schweizer Industrie mit PFAS arbeiten und wie gross die Mengen sind. Im Moment bereitet das Amt ein umfassendes Forschungsprojekt dazu vor. Ergebnisse gibt es allerdings frühestens 2028.

In der Schweiz selber werden keine PFAS hergestellt, sondern lediglich die in ausländischen Chemiefabriken synthetisierten Stoffe weiterverarbeitet. Heisst: Die heimische Industrie muss PFAS importieren. In welchem Ausmass sie dies tut, lässt sich auch nach zahlreichen Telefonaten und E-Mails mit diversen Bundesämtern nicht beantworten. Beim Zoll hat man keinen Überblick, weil die Stoffe nicht deklariert werden müssen. Eine Zolltarifnummer gibt es nur für PFOS, eine der bereits verbotenen Substanzen dieser Stoffgruppe.

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Die Schweizer Industrie stellt keine PFAS her – alles wird importiert.
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Die Menge verwendeter PFAS in der Schweiz kennt man im Grunde nur bei Pestiziden, weil die Verkäufe dort registriert werden und man für deren Zulassung die enthaltenen Wirkstoffe offenlegen muss. Letztes Jahr waren demnach 108 Pflanzenschutzmittel bewilligt und 121 weitere Parallelimportprodukte zugelassen, die Wirkstoffe enthalten, die zu den PFAS gehören oder sich potenziell zu TFA, der kleinsten aller PFAS, abbauen können. Im Jahr 2023 wurden gemäss Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen 170 Tonnen solcher Pflanzenschutzmittel für die Landwirtschaft verkauft, was 35 Tonnen PFAS-haltigem Wirkstoff entspricht.

Mindestens 780 Tonnen PFAS

Ausgerechnet eine simple Excel-Liste ermöglicht nun einen ungewöhnlich tiefen Einblick in die Welt der Schweizer PFAS-Industrie.

Zur Excel-Tabelle und zum EU-Verfahren

2023 reichten die Behörden von Dänemark, Deutschland, den Niederlanden, Norwegen und Schweden in der EU einen Vorschlag für eine PFAS-Beschränkung ein. Er zielt darauf ab, die PFAS-Emissionen in die Umwelt zu reduzieren und Produkte und Prozesse für Menschen sicherer zu machen. Bereits damals fand eine öffentliche Konsultation statt. Im Frühling 2026 publizierte der Ausschuss für sozioökonomische Analyse der EU-Chemikalienbehörde seinen Entwurf. Interessierte konnten erneut ihren Kommentar einreichen.

Das ist für die Schweiz relevant, weil der Bundesrat bestätigt hat, dass die Schweiz die Übernahme einer solchen PFAS-Beschränkung, sobald sie in der EU beschlossen ist, auch für die Schweiz prüfen wird.

2023 reichten die Behörden von Dänemark, Deutschland, den Niederlanden, Norwegen und Schweden in der EU einen Vorschlag für eine PFAS-Beschränkung ein. Er zielt darauf ab, die PFAS-Emissionen in die Umwelt zu reduzieren und Produkte und Prozesse für Menschen sicherer zu machen. Bereits damals fand eine öffentliche Konsultation statt. Im Frühling 2026 publizierte der Ausschuss für sozioökonomische Analyse der EU-Chemikalienbehörde seinen Entwurf. Interessierte konnten erneut ihren Kommentar einreichen.

Das ist für die Schweiz relevant, weil der Bundesrat bestätigt hat, dass die Schweiz die Übernahme einer solchen PFAS-Beschränkung, sobald sie in der EU beschlossen ist, auch für die Schweiz prüfen wird.

Und zwar konnte die Öffentlichkeit im laufenden Verfahren rund um eine mögliche EU-Beschränkung den Entwurf des Ausschusses für sozioökonomische Analyse der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) kommentieren. Alle 3511 Kommentare wurden in dieser Excel-Liste publiziert. Darunter auch diejenigen von rund 40 Firmen und Wirtschaftsverbänden aus der Schweiz. Sie alle argumentierten, wieso just ihre PFAS-Anwendung unabdingbar ist und deshalb von einer möglichen Einschränkung ausgenommen werden müsse – darunter gewichtige Verbände wie Swissmem und Scienceindustries, aber auch der Verband der Uhrenindustrie und der Verband der Lack- und Farbenindustrie. Zudem äusserten sich Firmen, die elektronische Komponenten, Dichtungen, Pumpen, Schmierstoffe, Gummiprodukte, Messinstrumente, Kompressoren, Metallbeschichtungen oder Teile für die Medizinaltechnik herstellen – allesamt mit Hilfe von PFAS.

Etwa zehn Firmen und Verbände geben sogar an, mit welchen Mengen sie arbeiten. Nämlich insgesamt 780 Tonnen pro Jahr. Weil es sich dabei nur um die Spitze des Eisbergs handelt, lässt sich nur ansatzweise erahnen, wie viele Tonnen PFAS nach wie vor in der Schweiz jedes Jahr in Umlauf gelangen.

«Es gibt nichts Vergleichbares»

Für einige Firmen, die sich in der EU-Vernehmlassung gegen eine PFAS-Beschränkung engagieren, geht es um die Existenz. Zum Beispiel für ein Schweizer Industrieunternehmen in der Nordwestschweiz. Es produziert Nischenprodukte für die Infrastrukturbranche, die überall auf der Welt eingesetzt werden.

Es war die einzige Firma, die mit dem Beobachter über ihre Arbeit mit PFAS reden wollte und uns vor Ort empfangen hat. Angefragt wurden von uns viele von denen, die sich in der EU-Vernehmlassung geäussert hatten. Doch als wir der Firma vor der Publikation die Zitate vorlegten, zog sie alles zurück und wollte auch nicht mehr namentlich genannt werden. Das ist symptomatisch für die ganze Debatte: Niemand will öffentlich mit PFAS in Verbindung gebracht werden, obwohl die meisten dieser Stoffe nicht illegal sind und – darüber hat der Beobachter mehrfach berichtet – in zahlreichen Alltagsgütern und Industrieanwendungen vorkommen. Die Firma hat sich freiwillig in einer öffentlich zugänglichen Vernehmlassung geäussert. Dennoch verzichtet der Beobachter aus Kulanz auf die Namensnennung. Viel wichtiger erscheint uns der reale Einblick in die Position eines betroffenen Unternehmens.

Im Hauptprodukt des Unternehmens kommen PFAS seit mehreren Jahrzehnten zum Einsatz, weil das Material hohe Temperaturen aushalten, elektrisch isolierend, wasserabweisend und abriebfest gleichzeitig sein muss. «In dieser Kombination gibt es noch nichts Vergleichbares», sagt der technische Leiter der Firma.

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Niemand will öffentlich mit PFAS in Verbindung gebracht werden.
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Mehrere Dutzend Tonnen PFAS werden pro Jahr im Betrieb verarbeitet, als weisses Plastik vom Produzenten in Europa angeliefert. Konkret geht es um Fluorpolymere, das sind feste PFAS in Kunststoffform, unter dem Kürzel PTFE oder auch Teflon bekannt. «Wir hängen per se nicht am PTFE. Aber wir sind ein kleines KMU mit etwas mehr als 100 Mitarbeitenden. Es ist für uns unrealistisch, selber eine Alternative zu diesem Stoff zu finden, das müssen die grossen Chemiekonzerne tun», sagt der technische Leiter. Wenn die Arbeit mit PFAS eingeschränkt wird, rechnet die Firma mit drastischen Konsequenzen. In der Vernehmlassung der EU-Chemikalienbehörde gab sie an, dass sie das etwa die Hälfte ihrer Arbeitsplätze und einen tiefen zweistelligen Millionenbetrag an Bruttogewinn kosten würde.

«Unglaubwürdige Berichte»

Trotzdem: Grosse Sorgen macht sich der technische Leiter im Moment nicht. «Mittlerweile sind wir einigermassen zuversichtlich, dass es für unsere Produkte Ausnahmen im PFAS-Verbot geben wird.» Er betont beim Besuch des Beobachters immer wieder, dass diese Fluorpolymere viel weniger schädlich seien als andere PFAS, etwa diejenigen in Löschschaum oder Skiwachs. Tatsächlich konzentriert sich das Industrie-Lobbying in der EU momentan vor allem darauf, Fluorpolymere aus dem PFAS-Verbot rauszuhalten. Also genau die Stoffe, auf die auch das oben genannte KMU angewiesen ist.

«Ja, natürlich sind Fluorpolymere als Material weniger problematisch. Sonst hätte man nie Bratpfannen damit auskleiden können», sagt PFAS-Experte und ETH-Wissenschaftler Martin Scheringer. Aber das sei nur eine Seite der Geschichte. «Das Hauptproblem ist die Herstellung von Fluorpolymeren. Und diese ist eben sehr, sehr schmutzig. Die Gebiete rund um solche Chemiewerke sind so verseucht, dass man sie mittlerweile Sacrifice-Zones nennt, also Orte, an denen man nicht mehr richtig leben kann.» In Europa gibt es sechs solche Anlagen, darunter den Chemiepark Gendorf, etwa 240 Kilometer Luftlinie von der Schweizer Grenze entfernt. «Hierzulande hat man oftmals eine opportunistische Haltung – man importiert die Fluorpolymere und kümmert sich nicht um den Rest. Damit setzt man aber auf Stoffe, deren Herstellung der lokalen Bevölkerung grosse Belastungen aufbürdet», betont Martin Scheringer.

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Das Hauptproblem ist die Herstellung von Fluorpolymeren. Und diese ist sehr, sehr schmutzig.
Martin Scheringer, PFAS-Experte und ETH-Wissenschaftler
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Der ETH-Experte sieht momentan viele Berichte, in denen behauptet werde, die Fluorpolymerindustrie sei mittlerweile viel sauberer. Einen solchen Bericht hat auch das oben genannte anonyme Industrieunternehmen dem Beobachter ausgehändigt. «Das sind bisher jedoch reine Behauptungen. 50 Jahre lang hat man überall um diese Anlagen die Umwelt massiv verschmutzt, und jetzt soll plötzlich alles besser sein? Die Industrie tut zurzeit alles, um die Fluorpolymere aus der geplanten PFAS-Beschränkung zu streichen», sagt Scheringer. Wenn ihr das gelinge, sei ein ganz grosser Teil der Bemühungen um eine PFAS-Beschränkung umsonst gewesen, und erhebliche Emissionen fänden weiterhin statt.

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Sogar verbotene Substanzen im Abwasser

Umso wichtiger, dass endlich Datengrundlagen zur industriellen Verschmutzung geschaffen werden. Das Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft des Kantons Zürich (Awel) hat deshalb kürzlich eine Messkampagne durchgeführt und Industrie- und Gewerbeabwasser untersucht – die Resultate lassen aufhorchen.

Das Awel sammelte insgesamt 40 Stichproben: von der Wäscherei über den Metallbau und das Lackierwerk bis zur Galvanikfirma. Die meisten Proben enthielten PFAS, einige sogar in sehr hoher Konzentration. Teilweise waren auch die bereits seit längerem verbotenen Substanzen PFOA und PFOS im Betriebsabwasser nachweisbar. Im entsprechenden Bericht findet sich ein bemerkenswerter Satz, der das grundlegende Problem mit PFAS offenbart: «Zwischen den gemessenen PFAS-Belastungen und den Angaben der Betriebe besteht eine deutliche Diskrepanz, da der Einsatz PFAS-haltiger Produkte oft verneint wird.» Es sei unklar, ob das mit der fehlenden Deklarationspflicht bei PFAS zu tun habe, so das Awel – also ob die Betriebe wissentlich oder unwissentlich mit PFAS arbeiten. Klar ist nur: Sie tun es.

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Zwischen den gemessenen PFAS-Belastungen und den Angaben der Betriebe besteht eine deutliche Diskrepanz.
Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft des Kantons Zürich (Awel)
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Awel-Abteilungsleiter Balthasar Thalmann hatte erwartet, dass in den Proben PFAS enthalten sein würden. «Aber dass wir auch PFOS und PFOA fanden, das hat uns dann schon etwas überrascht. Wir dachten: ‹Wie kann das sein? Die sind doch seit Jahren verboten.›» Sanktionen gab es für die Betriebe nicht. Die Messungen seien «erst ein Teil eines Lernprozesses gewesen», also keine eigentliche Kontrollkampagne, so Thalmann.

Das soll beim nächsten Mal anders sein: Im Moment bereitet das Awel gerade eine systematische, breit angelegte amtliche Kontrolle von Betriebsabwasser vor. Eine grosse Herausforderung für den Vollzug ist aber: Die gesetzlichen Grundlagen fehlen – es gibt bis anhin gar keine Grenzwerte für die Einleitung PFAS-haltiger Abwässer in die Kanalisation.

Solche Untersuchungen sind dringend nötig, sagt PFAS-Experte Martin Scheringer: «Wir brauchen endlich einen besseren Überblick, damit wir wissen, woran wir eigentlich sind in diesem PFAS-Chaos.»

Quellen
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