Nestlé-Boss sagt schon wieder «Sorry»
Philipp Navratil kämpft um den Ruf des Lebensmittelgiganten

Er steht vor seiner ersten Bewährungsprobe: Der Skandal um verseuchte Babymilch wird Nestlé-Chef Philipp Navratil noch eine Weile beschäftigen. Doch fürs Erste scheint die Schadensbegrenzung gelungen zu sein.
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Nestlé-Chef Philipp Navratil kämpft um den Ruf seiner Firma.
Foto: Keystone

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Nestlé-Chef Philipp Navratil entschuldigt sich für Babymilch-Skandal mit Cereulid
  • Rückrufe kosteten Nestlé rund 200 Millionen Umsatz in über 60 Ländern
  • Aktie erholt sich nach Kursverlusten, Skandal bremst 2026 Wachstum
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Christian KolbeRedaktor Wirtschaft

Noch nie hat sich ein neuer CEO so schnell entschuldigen müssen wie Philipp Navratil (49). Im September kommt der Nestlé-Chef vorzeitig ins Amt, weil sein Vorgänger Laurent Freixe (63) über eine Affäre am Arbeitsplatz stolperte. Viereinhalb Monate später, Mitte Januar, muss Navratil sich seiner Verantwortung stellen, wendet sich via Video an die Öffentlichkeit: «Ich möchte mich aufrichtig bei Eltern und Betreuern für all die Sorgen und Verunsicherung entschuldigen, die sie erfahren haben.» 

Der Skandal um vergiftete Babymilch steuert auf seinen Höhepunkt zu. Die zahlreichen Rückrufe von potenziell mit Cereulid verseuchten Produkten verunsichern Eltern und Konsumenten in über 60 Ländern weltweit. Betroffen sind nicht nur der weltgrösste Lebensmittelhersteller Nestlé, sondern auch andere Produzenten wie Danone, Hochdorf oder Lactalis. 

Den Aktionären ist die Entschuldigung offenbar noch zu wenig, in den Tagen danach stürzt die Nestlé-Aktie weiter ab, findet erst gegen Ende Januar den Boden. Seither geht es wieder bergauf. Auch am Donnerstag – nach Bekanntgabe der Jahreszahlen und dem Ausblick auf den Konzernumbau – geht es mit den Titeln weiter nach oben. Die Kursverluste wegen des Babymilch-Skandals sind fürs Erste ausgebügelt. 

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Skandal kostet Wachstum

Das mag auch daran liegen, dass sich Navratil nochmals vor der versammelten Analysten- und Journalistengemeinde bei all den verunsicherten Eltern entschuldigt. Und es sich abzeichnet, dass die finanziellen Folgen im Moment nicht so gravierend sind wie angenommen.

Bislang haben die Rückrufe des mit dem Bakteriengift Cereulid verseuchten Babymilch-Pulvers Navratils Konzern rund 200 Millionen Franken an Umsatz gekostet. Die Folgen des Skandals dürften Nestlé aber auch im laufenden Jahr noch Millionen kosten. 

Eine Einschätzung, die Aktienanalyst Patrik Schwendimann (55) von der Zürcher Kantonalbank teilt: «Erst sah es nach einem Shitstorm für Nestlé aus. Doch inzwischen ist klar: Die gesamte Branche ist betroffen. Der Schaden bei einem Skandal ist immer dann besonders gross, wenn nur ein Unternehmen betroffen ist.»

In Europa sind auch Hauptkonkurrenten von Nestlé stark betroffen. Weil die Konkurrenz viel zögerlicher auf das Problem reagiert hat, sagt Schwendimann: «Stand heute würde ich eher wieder den Produkten von Nestlé vertrauen.» 

Nestlé schmeisst Lieferanten raus

Denn Nestlé selbst wird Ende November 2025 beim Test einer neuen Produktionslinie auf das Problem mit dem Bakteriengift aufmerksam. Vorher hatte Cereulid niemand auf dem Radar – weder in der Branche noch bei den Behörden. Der Konzern stellt fest, dass die Verseuchung der Babymilch von einem beigemischten Spezialöl eines chinesischen Zulieferers stammt. Von diesem habe man sich inzwischen getrennt, so Nestlé. 

«Wir haben sehr schnell reagiert, die Behörden und Branchenverbände noch über die Feiertage informiert.» Und schiebt nach: «Ich bin wirklich stolz, wie schnell wir gehandelt haben – im Gegensatz zu anderen», so der Nestlé-Chef. Eine Spitze gegen Konkurrentin Danone im Kampf um den Ruf seines Unternehmens. 

Die Reputationsexpertin hat der Nestlé-Chef mit seinen Auftritten überzeugt: «Navratil steht hin und versteckt sich nicht», sagt Susanne Mueller Zantop (59). «Er macht einen guten Job, arbeitet hart und fasst heisse Eisen an.» 

Nicht der erste Skandal

Was Nestlé aber nicht wegdiskutieren kann: Beim Thema Babymilch ist der Konzern vorbelastet. «Es gibt Skandale, die bleiben ewig an einem Unternehmen haften. Das ist bei Nestlé und der Babymilch der Fall», erklärt Mueller Zantop.

Zur Erinnerung: In den 1970er-Jahren wird Nestlé von NGOs vorgeworfen, für den Tod von Tausenden Babys in Entwicklungsländern mitverantwortlich zu sein. Denn der Konzern habe Mütter dazu verleitet, von Muttermilch auf Babymilchpulver umzusteigen. Und dabei ausser Acht gelassen, dass das Milchpulver oftmals mit unsauberem, nicht abgekochtem Wasser angerichtet wurde. Erst als Nestlé Verbesserungen verspricht, enden die jahrelangen Boykott-Aufrufe.

Noch ist der jüngste Babymilch-Skandal für Nestlé nicht ausgestanden, die Folgen dürften aber weniger gravierend sein als im letzten Jahrhundert: «Ich bin optimistisch, dass die Konsumenten wieder zurückkommen, auch weil wir viel in die hohe Qualität unserer Prozesse investieren», beruhigt Navratil die Konsumenten und Investoren.

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