Darum gehts
- Vergiftete Babymilch sorgt weltweit für Rückrufe und Sorgen in Schweiz
- 20 Verdachtsfälle in der Schweiz, zwei Proben mit Cereulid belastet
- Rückrufe in über 60 Ländern, 3 Todesfälle in Frankreich untersucht
Die Affäre um vergiftete Babymilch zieht immer weitere Kreise. Eltern auf der ganzen Welt sind in grosser Sorge. Auch in der Schweiz. Unzählige Milchpulverprodukte mussten zurückgerufen werden. Mittendrin im Sturm: der Schweizer Nahrungsmittelmulti Nestlé. Doch auch andere Hersteller wie etwa Danone, Lactalis oder Hochdorf sind betroffen.
In der Schweiz sind beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) bislang 20 Meldungen möglicher Krankheitsfälle eingegangen, meldet das BLV am Mittwoch. Bei Labortests seien in zwei von 33 untersuchten Proben von Babymilchprodukten Spuren des Giftstoffs Cereulid nachgewiesen worden. Dabei handelt es sich um Babynahrung der Marke Aptamil Pronutra 1 und Aptamil Pronutra Junior 12+. Die beiden kontaminierten Proben stammen aus Beständen, die bei Familien mit erkrankten Kindern abgeholt wurden.
Michael Beer (60), Vizedirektor des BLV, machte zuletzt im SonntagsBlick seiner Empörung Luft: «Es darf nicht sein, dass Gift in Nahrung gelangt, aber nicht sofort gehandelt wird. Bei einer möglichen Gesundheitsgefährdung muss sofort breit zurückgerufen werden – lieber zu viel als zu wenig. Erst recht, wenn es um Babynahrung geht!»
Was ist der Auslöser des Skandals?
Bereits Ende November 2025 entdeckt Nestlé in einer zum Konzern gehörenden Fabrik zur Produktion von Babymilchpulver den Giftstoff Cereulid. Danach passiert lange Zeit: nichts! Erst einen Monat später ist klar: Der Giftstoff stammt von Cabio Biotech in Wuhan. Der chinesische Zulieferer der globalen Babynahrungsindustrie produziert sogenanntes Ara-Öl. Dieses wird der Babymilch beigemischt, um das Immunsystem der Säuglinge zu stärken. Öllieferungen aus dem Jahr 2025 waren mit Bakterien verschmutzt, die den Giftstoff Cereulid bilden können.
Warum ist Cereulid gefährlich?
Cereulid ist ein hitzebeständiger Giftstoff, der deswegen in den weiteren Produktionsschritten oder beim Abkochen nicht abgebaut wird. Das Toxin kann zu Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Bauchschmerzen und Dehydratation führen. Da Säuglinge nur über geringe Körperreserven verfügen, kann der Flüssigkeitsverlust schnell kritisch werden.
Warum dauert es so lange bis zu den Rückrufen?
Die wohl grösste Rückrufaktion in der Geschichte von Nestlé lief langsam an. Im Dezember gab es erste Rückrufe, die als präventiv eingestuft wurden. Anfang Januar erkannte der Nahrungsmittelmulti das grosse Gefahrenpotenzial und informierte die Behörden in über 60 Ländern. Nun kommt es nach und nach zu einer öffentlichen Rückrufwelle für die verschmutzten Babymilchprodukte. Und es wird klar, dass nicht nur Nestlé, sondern auch andere Hersteller wie Danone oder Hochdorf davon betroffen sind. Mit der Einführung eines europäischen Grenzwerts Anfang Februar kommt es zu einer weiteren grossen Rückrufaktion weiterer Babymilchprodukte. Eine genaue Auflistung aller betroffenen Produkte und Lieferchargen finden Sie hier.
Was können Eltern jetzt tun?
Die von den Rückrufen betroffenen Chargen und Produkte dürfen unter keinen Umständen mehr verwendet werden. Die gekauften Produkte können an den meisten Verkaufsstellen zurückgegeben werden. Das BLV empfiehlt, bei Unsicherheit oder Symptomen im Zusammenhang mit den betroffenen Produkten die Kinderärztin oder den Kinderarzt zu kontaktieren.
Im Zusammenhang mit den Rückrufaktionen ist es in der Schweiz zu keinen Lieferengpässen gekommen. Das bedeutet, es gibt genügend Babymilchpulver aus nicht betroffenen Chargen oder von anderen Herstellern. «Wir gehen nicht davon aus, dass es noch grossflächige Rückrufe geben wird. Wer jetzt Säuglingsnahrung im Detailhandel kauft, muss sich keine Sorgen machen», beruhigt Beer vom BLV.
Wie gross ist das Ausmass der Affäre?
Das lässt sich im Moment nur schwer abschätzen. Bislang sind Rückrufe von Babymilch aus über 60 Ländern bekannt. Die in der Schweiz gemeldeten Verdachtsfälle sind nur möglicherweise, aber nicht zwingend auf die verschmutzte Babymilch zurückzuführen. Gleiches gilt global: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) meldet neun Verdachtsfälle und zwei bestätigte Erkrankungen. Wobei die WHO sehr strenge Kriterien für den Nachweis anwendet. In Frankreich ermitteln die Behörden wegen drei Todesfällen von Säuglingen nach dem Konsum der vom Rückruf betroffenen Babymilch. Aber auch hier konnte bislang kein direkter Zusammenhang nachgewiesen werden.