Darum gehts
- Gaspreise um 170 Prozent höher als im September 2025, Speicherstände kritisch niedrig
- Schweiz ohne eigene Gasspeicher, völlig abhängig von Importen
- 70,4 Prozent EU-Speicherfüllstand, weit unter mehrjährigem Durchschnitt von 84,9 Prozent
Der kommende Winter könnte bei zahlreichen Haushalten ein tiefes Loch im Portemonnaie hinterlassen. Der Gaspreis liegt aktuell 170 Prozent über dem Vorjahresniveau und die europäischen Gasspeicher weisen einen tieferen Füllstand auf als vor dem Ukraine-Kriegsausbruch im Februar 2022. Der Füllstand liegt bei 70,4 Prozent – das sind knapp 16 Prozentpunkte weniger als im mehrjährigen Schnitt.
Das Problem: In der Schweiz fehlen eigene Speicher. Deshalb ist sie vollständig von Gaslieferungen aus dem Ausland abhängig. Im schlimmsten Fall könnte der Winter für die Haushalte nicht bloss teuer, sondern auch kühl werden.
Die EU hat ihr bis Ende Oktober anvisiertes Ziel bei den Füllständen bereits auf 80 Prozent reduziert. «Doch auch das wird sie verfehlen», sagt Andreas Tresch (36), Managing Partner beim Energie-Treuhänder Enerprice. Die Schweiz beobachtet die Entwicklung genau: Erdgas ist für die Industrie sehr wichtig. Auch ein Viertel der Haushalte wird im Winter mit Gas beheizt. «Bei einem milden bis normalen Winter in Europa spielen die tiefen Speicherstände keine so grosse Rolle. Bei einem sehr kalten Winter haben wir ein Problem», weiss Tresch.
Deutsche Speicher besonders schlecht gefüllt
Auch der deutsche Verband der Gasspeicher-Firmen warnt davor, dass bei einem harten Winter im Januar oder Februar ein Gasmangel droht. Deutschland verfügt über die grössten Speicherkapazitäten in der EU. Diese sind jedoch bloss zu etwas mehr als der Hälfte gefüllt.
Bis anhin haben die EU-Behörden beschwichtigt und auf die ausgebauten Flüssiggaskapazitäten verwiesen. An sehr kalten Tagen reicht das Flüssiggas jedoch nicht aus. Dann decken die Speicher die Hälfte des Verbrauchs. In Deutschland fand diese Woche nun ein Umdenken statt, und der Staat kauft Gas zu, um seine Speicher zu füllen, wie mehrere deutsche Medien berichten.
Experte hegt Zweifel an Absicherung übers Ausland
In der Schweiz hält das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung im letzten Lagebericht fest, dass sich die Gasversorgung für den Winter «herausfordernd» gestaltet. Prognosen, wie wahrscheinlich eine Mangellage ist, mache man keine, so das BWL auf Anfrage. Man stehe im Austausch mit der Gasbranche und bereite sich auf verschiedene Szenarien vor. «Die Schweiz hat für solche Fälle vorgesorgt und die Gasversorgung diversifiziert. Gleichwohl sind Szenarien denkbar, bei denen die Importe nicht die Nachfrage decken können», schreibt der Verband der Schweizerischen Gasindustrie.
Erst vor einem Monat haben die Schweizer Gasbranche und die Behörden mit ausländischen Gashändlern einen Deal abgeschlossen. Damit können bei Bedarf zusätzliche Gasmengen genutzt werden, die aus Frankreich über die Schweiz nach Italien fliessen. Die Option entspricht rund einem Zehntel des Schweizer Winterverbrauchs. Darüber hinaus müssen die Schweizer Gaslieferanten 15 Prozent des Jahresverbrauchs in ausländischen Gaslagern halten. «Ob dieses Gas aus den Speichern und dem Deal bei einer Mangellage auch wirklich fliesst, müsste sich aber erst noch zeigen», sagt Tresch dazu.
Pläne für eine drohende Mangellage stehen bei den Behörden bereit: Diese gehen von Sparappellen über Verwendungsbeschränkungen bis hin zur Kontingentierung.
«Kann zu deutlichen Preiserhöhungen kommen»
Falls der Gaspreis im Winter anzieht, würde das aber auch automatisch zu einem geringeren Verbrauch führen. Der Gaspreis bleibt gemäss dem Gasverband volatil. So hat sich die Blockadesituation an der Strasse von Hormus zuletzt verschärft. Zudem schränkt ein neuer Konflikt auch den Transport übers Rote Meer ein.
«Es kann durchaus zu deutlichen Preiserhöhungen kommen», sagt Tresch. Wie stark diese ausfallen, hängt von der Einkaufsstrategie der Lieferanten ab. Im Gegensatz zum Strom werden die Preise beim Gas für die Haushalte je nach Lieferanten auch unterjährig angepasst. «Es gibt Lieferanten, die überwiegend kurzfristig am Spotmarkt einkaufen und den Schwankungen voll ausgesetzt sind. Diese erhöhen dann die Preise abrupt und ohne grosse Vorwarnung auf den nächsten Monat.» 2022 und 2023 mussten Haushalte fürs Heizen teilweise 2000 Franken und mehr nachzahlen.
Die grossen Anbieter GVM, EWB, IWB und Energie360 bestätigen gegenüber Blick, dass sie strategisch grosse Mengen im Voraus zu fixen Preisen kaufen und die Kunden so ein Stück weit vor Preissprüngen schützen können. Ein Teil werde aber kurzfristig beschafft, da bei einem milden Winter sonst die Gefahr einer Überdeckung besteht, schreibt Energie360. Auch das würde Kosten verursachen.