Darum gehts
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Auf diesen Brief freut sich wohl niemand in der Schweiz: Jeden Oktober verschicken die Krankenkassen ihre neuen Policen. Knapp 20 Franken teurer werden die Prämien diesmal im Schnitt sein. Für viele Haushalte wird die finanzielle Belastung wiederum grösser. Der Gesundheitsökonom Willy Oggier sagt: «Es ist zum Haareraufen – aber es gibt auch Lösungen.»
Herr Oggier, was ist chaotischer: Ihr Büro oder das Schweizer Gesundheitssystem?
Willy Oggier: Bei mir mag es nach Chaos aussehen, aber ich kann Ihnen ziemlich genau sagen, was wo ist. Und überhaupt: Ein bisschen Chaos ist gar nicht so schlecht – auch in der Medizin!
Wie meinen Sie das?
Denken Sie an eine Notfallstation. Von aussen wirkt sie manchmal chaotisch, aber alle wissen genau, wer im Notfall was zu sagen hat, und halten sich daran. Das funktioniert und ist oft effizienter als vermeintlich planbare Medizin mit vielen Leerläufen und unnötiger Bürokratie.
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Blick+ Nutzer haben exklusiv Zugriff im Rahmen ihres Abonnements. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.
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Apropos Bürokratie. Bis zu 900'000 Versicherte könnten diesen Herbst die Krankenkasse wechseln, weil die Prämien steigen. Wann haben Sie zuletzt gewechselt?
Vor zwei Jahren. Und ich werde mir die Police meiner Grundversicherung auch diesen Herbst wieder genau anschauen.
Es ist also sinnvoll, immer wieder zu wechseln?
Ja. Für die Versicherten, weil sie Prämien sparen können und für die gleiche Leistung weniger bezahlen müssen. Und für die Krankenversicherer, weil sie so den Anreiz haben, sich zu verbessern, um mehr Kundinnen und Kunden zu gewinnen.
Trotzdem steigen die Prämien – dieses Jahr im Schnitt um 5 Prozent.
Das hat weniger mit den Krankenkassen zu tun als damit, dass unser Gesundheitssystem generell teurer geworden ist. Tatsächlich haben sich die Prämien seit der Einführung des Krankenversicherungsgesetzes 1996 bis heute verdreifacht.
Das ist ja extrem. Woran liegt das?
Vor allem an 30 Jahren medizinischen Fortschritts. Früher gab es viele Medikamente noch nicht, die heute auf dem Markt sind – etwa bei den Krebstherapien. Der medizinisch-technische Fortschritt ist einer der Gründe dafür, weshalb unser Gesundheitssystem und die Prämien teurer werden. Deshalb sollten wir auch aufhören, die Prämien nur als mühsamen Kostenfaktor zu sehen.
Ich soll mich also über die steigenden Prämien nicht ärgern, sondern sie einfach als Preis für bessere Medizin akzeptieren?
In älter werdenden Gesellschaften muss man die Prämien auch als Investition in die Gesundheit sehen. Bei einer Krankenversicherung geht es um Solidarität: Gesunde zahlen für Kranke. Die Frage ist, wie weit diese Solidarität reicht. Haben immer mehr Menschen Mühe, die Prämien zu bezahlen, dann kratzt das natürlich an der Grundidee. Umso wichtiger ist es, wo immer möglich zu optimieren und Kosten zu sparen!
Welche Massnahmen schlagen Sie vor?
Es würde auf jeden Fall viel helfen, wenn wir mehr Operationen und Eingriffe ambulant statt stationär durchführen würden.
Also wollen Sie blutige Entlassungen?
Ich glaube nicht, dass es dazu kommt. Mir soll mal einer erklären, warum in Dänemark im Gegensatz zur Schweiz sehr viele – offenbar bis zu 90 Prozent – Leistenbrüche ambulant operiert werden. Oder warum es in Übersee Spitäler gibt, in denen über 50 Prozent der Knieprothesen ambulant eingesetzt werden, bei uns aber nicht. In der Schweiz ist es schlicht zu attraktiv, die Leute stationär aufzunehmen. Sowohl die Spitäler als oft auch die behandelnde Ärzteschaft profitieren davon.
Wie könnte man noch Kosten sparen?
Wir müssen vom Kantönligeist wegkommen und in grösseren Versorgungsräumen denken. Und: Wir haben zu viele Spitäler.
Was ist mit der Landbevölkerung, die Angst hat, nicht mehr versorgt zu werden?
Ich schlage nicht vor, jedes Kleinspital in abgelegenen Gebieten zu schliessen. Mir geht es um das Mittelland. Dort gibt es zu viele Unispitäler und zu viele, die sich für solche halten.
Wie meinen Sie das?
Viele Spitäler betreiben Marketing und wollen hoch spezialisierte Leistungen anbieten. Da gibt es Doppelspurigkeiten, die sinnlos und qualitativ kritisch sein können. Und die Kosten verursachen. In unserem System gibt es so viele falsche finanzielle Anreize – es ist zum Haareraufen.
Warum schlagen Sie sich denn seit 30 Jahren damit herum?
Es ist ja nicht so, dass man nichts gemacht hat, um das Gesundheitssystem effizienter zu machen. Es passiert in der Schweiz einfach sehr langsam.
Sie haben vorhin davon gesprochen, dass zu viel Bürokratie der Medizin schade.
Ja. Wir müssen unnötige Regulierungen über Bord werfen und damit aufhören, uns Regulierungen zu überlegen, die sowieso bald wieder überholt sind.
Wieso überholt?
Die Medizin entwickelt sich extrem schnell. Das ist oft ein Glück für die Patientinnen und Patienten. Das Wissen in der Medizin entwickelt sich schneller, als Politiker Entscheide fällen können. Tritt ein Gesetz in Kraft, stimmen die dafür getroffenen Annahmen oft schon nicht mehr. Die Politik sollte deshalb mit dem Mikromanagement aufhören und stattdessen für sinnvolle Rahmenbedingungen sorgen.
Okay. Jetzt mache ich Ihnen drei Sparvorschläge.
Einverstanden.
Erstens: Die Leute sollen nicht mehr so oft zum Arzt. Heute geht man ja offenbar wegen jeder Bagatelle.
Ich sehe das nicht so. Viele haben sich durch die Wahl des Versicherungsmodells für eine erste Anlaufstelle entschieden: telefonisch, digital oder beim Hausarzt oder der Hausärztin. Ich glaube nicht, dass dieses erste Aufsuchen missbraucht wird. Ausserdem kostet es ja auch etwas, wenn man zu spät zum Arzt geht.
Wann waren Sie selbst zuletzt beim Arzt?
Ich habe das Glück, dass meine Partnerin Ärztin ist und mir nichts in Rechnung stellt (lacht).
Zweiter Vorschlag: ein Lohndeckel für die Chefinnen und Chefs der Krankenkassen. Das will auch der Nationalrat.
Es schadet dem Ruf der ganzen Branche, wenn diese Löhne extrem hoch sind, das stimmt.
Aber?
Stammt der Lohn mehrheitlich von den Einnahmen aus den Zusatzversicherungen, ist er die Belohnung für gute Kundengewinnung. Das ist einfach der Markt. Dasselbe gilt für Chefärztinnen und Chefärzte. Ihre hohen Löhne stammen meist von den Zusatzversicherten oder hängen von anderen Faktoren ab.
Dritter Vorschlag: eine Einheitskasse. Laut einer Umfrage sind zwei Drittel der Schweizerinnen und Schweizer dafür.
Die Kosten für unsere hochstehende Medizin steigen ja weiterhin – Einheitskasse oder nicht. Deshalb löst sie das Hauptproblem nicht. Die Befürworter argumentieren, dass mit einer Einheitskasse die Verwaltungskosten wesentlich sinken würden.
Das glauben Sie nicht?
Ich glaube, der Wettbewerb macht die Kassen effizienter als eine Vereinheitlichung. Für mich ist der Ruf nach einer Einheitskasse ein Ausdruck dafür, dass die Krankenversicherer jedes Jahr wieder die Überbringer einer schlechten Botschaft sind und sich dabei bei der Bevölkerung zwangsläufig unbeliebt machen.
Sie sind oft im Ausland unterwegs und kennen viele Gesundheitssysteme. Wo sollten wir uns eine Scheibe abschneiden?
Wir können niemanden exakt kopieren, denn in jedem Land sind die Bedingungen anders. Aber es gibt Impulse, die man aufnehmen sollte. In Spanien werden seit 15 Jahren gute Erfahrungen mit einem bestimmten System gemacht.
Erzählen Sie.
Die Gesundheitsversorger werden nicht mehr für jede einzelne Handlung separat bezahlt, sondern erhalten einen fixen Betrag pro Jahr, den sie in Prävention und Digitalisierung investieren. Das heisst: Chronisch Kranke übermitteln jeden Morgen digital ihre Werte. Die Patienten werden nur aufgeboten, wenn es nötig ist. Das medizinische Personal wird sinnvoll eingesetzt, und die Patienten haben weniger unnötige Termine.
Zum Schluss: Wäre das Gesundheitssystem ein Patient – wie ginge es ihm?
Der Patient ist angeschlagen auf dem Weg zum Arzt, liegt aber noch nicht auf der Intensivstation.