KOF-Ökonom Jan-Egbert Sturm über Krise, Preise und Zinsen
«Der Krieg bedroht unseren gesamten Wohlstand»

Der Krieg in Nahost erschüttert Lieferketten, Versorgung und das Preisgefüge, sagt KOF-Ökonom Jan-Egbert Sturm im Interview. Er erklärt, was da alles auf uns zukommt.
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Die Sperrung der Strasse von Hormus ist eine grosse Belastung für die Weltwirtschaft und die Schweiz.
Foto: ISNA/AFP via Getty Images

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Irankrieg erschüttert Weltwirtschaft, Schweiz spürt steigende Benzin- und Transportkosten
  • Keine Zinserhöhung bis Jahresende erwartet
  • Börsen trotzen Krise, KI-Hoffnungen treiben Rekordstände trotz Unsicherheiten

Der Irankrieg und die Sperrung der Strasse von Hormus haben die Weltwirtschaft nachhaltig erschüttert. Da fällt es selbst dem Optimisten Jan-Egbert Sturm (56) schwer, positiv zu bleiben. Der Ökonom und Direktor des KOF Instituts der ETH Zürich spricht mit Blick über die Bedrohung unseres Wohlstands durch die Geopolitik und wie sich das auf Preise, Löhne und Zinsen in der Schweiz auswirkt.

Blick: Im ersten Quartal hat die Schweiz mit einem Wirtschaftswachstum von 0,5 Prozent überrascht. Wie geht so was trotz des Kriegs am Golf?
Jan-Egbert Sturm: Unser Wirtschaftswachstum ist besser, als viele erwartet haben. Trotz all der Krisen geht es uns immer noch besser als in manch anderen Ländern. Zudem hatten wir im Januar und Februar noch keinen Irankrieg. Bald dürften wir die Folgen des Krieges aber auch in der Schweiz stärker spüren.

An der Zapfsäule hat der Preisanstieg schon mächtig eingeschenkt!
An unseren Diesel- und Benzinpreisen merkt man den Krieg am Golf sehr schnell. Aber bis dessen Folgen auch bei hiesigen Firmen ankommen und die Aufträge einbrechen, kann es etwas dauern. Viele haben gehofft, der Krieg sei nach ein paar Tagen vorbei.

Diese Hoffnung hat sich zerschlagen.
Die grosse Frage ist, wie lange die Strasse von Hormus geschlossen bleibt. Das Ausbleiben der Öl- und Gaslieferungen trifft vor allem Asien hart, aber mit Verzögerung auch uns. Je länger der Krieg dauert, desto stärker werden wir die Folgen spüren.

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Die Sperrung der Strasse von Hormus ist eine grosse Belastung für die Weltwirtschaft und die Schweiz.
Foto: ISNA/AFP via Getty Images

Wie schnell sollte die Strasse von Hormus wieder offen sein, damit wir nicht in eine grosse Wirtschaftskrise geraten?
So schnell wie möglich, aber diese Frage kann im Moment niemand beantworten. Je länger der Krieg andauert, desto grösser wird der Teil der Öl- und Gasproduktion sein, der heruntergefahren werden muss. Es wird lange dauern, bis diese wieder mit voller Kapazität produzieren kann. Klar ist: Auch wenn der Krieg morgen vorbei sein sollte, werden uns die Folgen – etwa wegen Lieferengpässen – noch eine ganze Weile belasten.

Keine schönen Aussichten?
Der Krieg bedroht nicht nur den Mittelstand, sondern unseren gesamten Wohlstand. Denn wir importieren Öl und Gas sowie verarbeitete Produkte wie Benzin oder Kerosin. Werden diese teurer, dann ist unser Einkommen weniger wert – und entsprechend sinkt unser Wohlstand. Das betrifft nicht nur die Schweizer Gesellschaft. Den meisten Ländern in Asien und Europa, die kein Öl und Gas produzieren, geht es genauso. Eine Ausnahme sind die USA, die über eine substanzielle Öl- und Gasproduktion verfügen. Doch auch dort steigen die Preise an der Zapfsäule.

Wie merke ich diesen Wohlstandsverlust?
Zunächst spüren wir es durch die gestiegenen Benzinpreise. Und dann bald durch eine Verteuerung der Transportkosten. Diese werden an die Konsumenten weitergegeben. Bis wir das bei importierten Lebensmitteln merken, dauert es oft einige Monate, bis die Preise anziehen. Das betrifft beispielsweise Olivenöl, Reis, Kaffee oder Schokolade. Aber auch Tiefkühlprodukte werden teurer, weil allein die Einhaltung der Kühlkette viel Energie benötigt.

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Mit welchen Folgen für die Wirtschaft?
Wenn etwa Tanken oder Reisen teurer werden, dann werden wir an anderen Orten sparen, damit wir uns die Ferien vielleicht doch noch leisten können. Das heisst, die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen wird in vielen anderen Bereichen sinken.

Jan-Egbert Sturm

Jan-Egbert Sturm (56) ist seit 2005 Direktor des KOF Institut der ETH Zürich. Zuvor war der gebürtige Holländer Volkswirtschaftsprofessor an mehreren Unis in seinem Heimatland, in Australien und Deutschland. Als Vizepräsident der Schweizer Corona-Taskforce hat Sturm den Bundesrat während der Pandemie beraten. Er ist verheiratet, Vater zweier Kinder und lebt mit seiner Familie am Bodensee. Sturm gilt als einer der einflussreichsten Ökonomen der Schweiz.

Jan-Egbert Sturm (56) ist seit 2005 Direktor des KOF Institut der ETH Zürich. Zuvor war der gebürtige Holländer Volkswirtschaftsprofessor an mehreren Unis in seinem Heimatland, in Australien und Deutschland. Als Vizepräsident der Schweizer Corona-Taskforce hat Sturm den Bundesrat während der Pandemie beraten. Er ist verheiratet, Vater zweier Kinder und lebt mit seiner Familie am Bodensee. Sturm gilt als einer der einflussreichsten Ökonomen der Schweiz.

Das ist aber noch nicht alles?
Nein, es drohen sogenannte Zweitrundeneffekte. Wenn die Arbeitnehmer nämlich den Kaufkraftverlust spüren, werden sie das nicht hinnehmen wollen und höhere Löhne fordern. Im schlimmsten Fall droht eine Lohn-Preis-Spirale.

Spätestens im Herbst verhandeln Gewerkschaften und Arbeitgeber über die Löhne!
Tatsächlich könnte ein heisser Lohnherbst bevorstehen. Die Nationalbank wird dies sehr genau beobachten und die Entwicklung der Teuerung in der Schweiz im Auge behalten. Sie wird eine Lohn-Preis-Spirale verhindern wollen.

Drohen Zinserhöhungen?
Bis Ende Jahr erwarten wir keine Zinserhöhungen in der Schweiz. Zwar werden die Preissteigerungen bei Öl und Benzin die Inflation in der Schweiz anheizen. Wir rechnen mit einem Anstieg der Teuerung auf etwa ein Prozent. Das liegt aber immer noch im Zielband der SNB von null bis zwei Prozent. Von einer Lohn-Preis-Spirale sind wir zudem noch weit entfernt. Das heisst, die Nationalbank kann an ihrer bisherigen Geldpolitik festhalten. Zumal der Franken stark bleiben wird, wodurch die importierte Inflation etwas gedämpft wird.

Eine schwierige Situation mit viel Unsicherheiten. Einzig die Aktienmärkte scheinen davon unberührt und erreichen immer wieder Rekordstände?
Die Börsen betrachten den Krieg am Golf als ein vorübergehendes Problem. Zudem überwiegt die Euphorie bezüglich der Wachstumschancen im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Und auch die Unternehmensgewinne entwickeln sich derzeit noch gut.

Wenn sich die Hoffnung in KI nicht erfüllt, dann kommt es zum Crash?
Ein Crash ist ein zu starkes Wort, aber der Krieg, sollte er noch länger andauern, könnte zu einer gewissen Normalisierung an den Börsen führen. Es könnte zu einer Korrektur an den Märkten kommen. Das ist nicht auszuschliessen.

Korrektur – in welchem Ausmass? 10 Prozent, 20 Prozent?
Dazu machen wir keine Prognosen. Aber klar ist: Die Finanzmärkte sind deutlich volatiler als die Realwirtschaft. Das Problem mit den Börsen ist, dass entweder alle gleichzeitig euphorisch sind und die Märkte zulegen. Oder dann sind alle pessimistisch und die Börsen korrigieren schlagartig nach unten. Doch nach jeder Korrektur sind die Börsen auch wieder angestiegen.

Im Juni stimmen wir über die Initiative für eine 10-Millionen-Schweiz ab. Welche Folgen hätte ein Ja für die Wirtschaft?
Das beste Rezept, um die Migration zu bremsen, wäre weniger Wachstum. Die Erfolgsgeschichte der Schweiz in den letzten zwei, drei Jahrzehnten ist einzigartig – und hat uns viel zusätzlichen Wohlstand gebracht und einen der vorderen Plätze in der Weltwirtschaft gesichert.

Mit Folgen auf dem Arbeitsmarkt?
Ausländische Arbeitskräfte verdrängen die Schweizer nicht, sondern schaffen auch zusätzliche Stellen für Inländer, ermöglichen ihnen Karrieresprünge, die ohne Zuwanderung nicht möglich gewesen wären. Die Einwanderung wurde und wird durch die Wirtschaft gesteuert. Soll diese Steuerung jetzt wieder politisiert werden? Wollen wir wieder Kontingente oder sollen wir die Wachstumsdynamik weiterhin der Wirtschaft überlassen? Das sind die zentralen Fragen.

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