KI frisst unsere Jobs
Kommt jetzt das Grundeinkommen für alle?

Künstliche Intelligenz könnte jeden zweiten Bürojob wegraffen. Selbst führende Köpfe der Branche warnen vor massiven sozialen Spannungen und bringen ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle ins Spiel.
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Anthropic-Gründer Dario Amodei warnt vor massiver Ungleichheit und plädiert für eine Spezialsteuer auf KI-Modelle.
Foto: DUKAS

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • KI-Modelle entwickeln sich mit exponentieller Geschwindigkeit
  • Anthropic-Chef warnt: KI könnte 50 Prozent der Bürojobs vernichten
  • Drohende «Hyperungleichheit» birgt sozialpolitischen Sprengstoff
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Beat SchmidWirtschaftsredaktor

Diesen Donnerstag hat die Schweizer Online-Apotheke DocMorris angekündigt, 100 Vollzeitstellen zu streichen. Mit dem Einsatz von künstlicher Intelligenz will sie die Kostenbasis «erheblich und nachhaltig» senken, schreibt das Unternehmen mit Sitz in Frauenfeld TG. Insgesamt soll der Abbau zu Einsparungen in der Höhe von 15 Millionen Franken führen. Zwar sagt die Apothekenkette nicht, welche Berufsgruppen am stärksten betroffen sind. Trotzdem hat sie einen kleinen Transparenzpreis verdient: Denn die meisten Firmen in der Schweiz sagen nicht, wie stark sich der Einsatz von KI auf die Jobs auswirkt.

Möglicherweise wollte DocMorris mit der offenen Kommunikation seine Zukunftsfähigkeit herausstreichen. Denn wer KI einsetzt und damit Jobs zum Verschwinden bringt, erhält Lorbeeren vom Kapitalmarkt. In den USA gelang dies unter anderem Jack Dorsey (49), dem Gründer der Kurznachrichtenplattform Twitter (heute X). Ende Februar gab sein neues Unternehmen Block bekannt, fast die Hälfte der Belegschaft auf die Strasse zu stellen. Der Kurs der Aktie reagierte mit einem Sprung um 20 Prozent nach oben. DocMorris aus Frauenfeld gelang dieses Kunststück nicht. Die Aktien reagierten kaum.

Der eindrückliche Kurssprung von Block wurde diese Woche auf einer Folie an einer Investorenpräsentation in einem Zürcher Nobelhotel präsentiert. Eingeladen hatte ein Unternehmen, das auf Investitionen in Technologiefirmen spezialisiert ist. Gekommen waren Investoren, Banker und Anwälte sowie Pensionskassenvertreter. Der Stargast des Abends war ein Investor, der seit vielen Jahren an der Westküste Amerikas lebt und das Silicon Valley wie seine Westentasche kennt.

Für ihn markiert künstliche Intelligenz den grössten technologischen Umbruch seit einem Jahrhundert. Die kommenden Jahre würden Wirtschaft und Gesellschaft stärker verändern als jede technologische Revolution zuvor. Er spricht von «Gewitterstürmen» und «Tsunamis», welche die KI auslösen werde. Die entscheidende Frage sei, ob Politik und Gesellschaft auf diesen fundamentalen Wandel vorbereitet seien. Weil seine Aussagen «kontrovers» seien, bat er um Anonymität.

Seit sechs Jahren exponentiell

Wie rasant die Entwicklung verläuft, illustrierte er mit einem Chart von Metr.org, der die Leistungsfähigkeit von KI-Modellen zeigt. Als ChatGPT im November 2022 herauskam, konnte das Modell kognitive Aufgaben übernehmen, für die ein Mensch ungefähr eine Minute benötigt. Zwei Jahre später lag dieser Wert bereits bei rund einer Stunde. Anfang Februar dieses Jahres stellte Anthropic sein neues Spitzenmodell Claude vor. Dieses kann Aufgaben selbständig erledigen, für die ein Mensch rund eineinhalb Tage benötigt.

Noch weiter geht das inzwischen wieder eingeschränkte Modell «Mythos» von Anthropic. Es ist in der Lage, Arbeiten auszuführen, die einen Menschen etwa eine Woche beschäftigen. Bis Ende Jahr könnten es bereits zwei Wochen sein. Laut Metr.org verläuft die Leistungsverbesserung seit sechs Jahren exponentiell.

Parallel dazu wachsen die Einnahmen der grössten KI-Unternehmen in einem noch nie da gewesenen Tempo. Anthropic erzielte 2024 einen Jahresumsatz von rund einer Milliarde Dollar. Ende 2025 waren es bereits 14 Milliarden Dollar, Mitte 2026 nach Schätzungen schon 47 Milliarden Dollar. Kein Unternehmen sei jemals so «freaking» schnell gewachsen, sagt der Investor aus dem Silicon Valley.

10'000 KI-Agenten in einer Datenfabrik

Wohin wird das alles führen? In Zukunftsszenarien werden Rechenzentren nicht bloss Rechenleistung bereitstellen, sie werden sich auf spezielle Aufgaben konzentrieren. Zehntausend KI-Agenten könnten parallel komplexe Wissensarbeit erledigen – etwa neue Krebsmedikamente entwickeln oder physikalische Probleme lösen. Wenn aber ein einziges Rechenzentrum die Arbeit von zehntausend Menschen übernehmen kann, wer profitiert von den Gewinnen? Fliessen diese in die Taschen von zwei, drei Technologieunternehmen?

Nach der klassischen Volkswirtschaftslehre entsteht Wirtschaftswachstum durch das Zusammenspiel von Kapital, Arbeit und Produktivitätsfortschritten. Im Zeitalter der KI verschiebt sich dieses Verhältnis jedoch dramatisch. Der Anteil des Kapitals wächst, während der Wert menschlicher Arbeit sinkt. Gleichzeitig dürften viele hoch qualifizierte Berufe unter Druck geraten. Der Investor formuliert es provokativ: Wenn Intelligenz im Überfluss vorhanden ist, warum sollte ein Anwalt dann noch 1000 Franken pro Stunde verlangen können? Kognitive Arbeit werde zunehmend zur Massenware.

Anthropic-Chef warnt vor «Hyperungleichheit»

Bemerkenswert ist, dass auch führende Köpfe der KI-Industrie vor Risiken warnen. Dario Amodei (43), Mitgründer und Chef von Anthropic, schrieb in einem Essay im Juni, dass KI zu einem beispiellosen Produktivitätsschub führen könne, der «Hyperwachstum» und «Hyperungleichheit» auslösen könnte. Die zentrale wirtschaftspolitische Frage werde künftig nicht mehr sein, wie sich Wachstum erzeugen lasse, sondern wie sich sicherstellen lasse, dass möglichst viele Menschen daran teilhaben.

Anstatt nur die Gesamtgewinne eines Unternehmens zu besteuern, brachte Amodei eine nutzungsabhängige «Token-Steuer» in Höhe von drei Prozent ins Spiel, die direkt die aktive Leistung von KI-Modellen besteuert. Die Einnahmen könnten als eine Art gesellschaftliche Dividende an die Bevölkerung zurückfliessen – ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle. Nur wenn breite Bevölkerungsschichten am Wohlstandsgewinn der künstlichen Intelligenz beteiligt würden, lasse sich verhindern, dass technischer Fortschritt zu einer immer grösseren wirtschaftlichen Spaltung führt, glaubt Amodei. Er schätzt, dass die KI die Hälfte aller White-Collar-Jobs ausradieren könnte.

Am Apéro nach den Präsentationen sagt ein bekannter Zürcher Anwalt, dass es wahrscheinlich so kommen werde wie nach der ersten industriellen Revolution, als Mitte des 19. Jahrhunderts die Gewerkschaften die Exzesse des Frühkapitalismus korrigierten. Das klingt harmlos, doch das waren keineswegs friedliche Zeiten.


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