Darum gehts
Grosse Hanteln, schwere Medizinbälle, Rudergeräte, schwarze Wände und ein riesiger Spiegel: Das ist das Reich der Personal-Trainerin Jennifer Melchert (44). Doch mehrere Hürden erschwerten ihr den Weg, ihre eigene Chefin zu sein. «Ich habe mir die Selbstständigkeit einfacher vorgestellt», so Melchert beim Treffen mit Blick.
Anfang 2025 ergab sich für die ausgebildete Trainerin die Möglichkeit, einen Fitnessraum in Kemptthal ZH zu übernehmen: «Das ist meine Chance, habe ich gedacht.» Darauf kündigte Melchert ihren gut bezahlten Job als Assistenz in einem Schweizer Industrieunternehmen. Der Plan: raus aus dem langweiligen Bürojob und rein in die Abwechslung als Personal-Trainerin. Nebenberuflich ist sie bereits seit über zehn Jahren im Fitnessbereich tätig.
Im April 2025 reicht sie ihren Antrag zur Selbstständigkeit bei der SVA Schaffhausen ein, ihrem Wohnkanton. Wenige Monate später folgte der Schock: «Mein Antrag wurde abgelehnt. Unter anderem waren meine Investitionen nicht erheblich genug», so Melchert. Dabei hat sie einen fünfstelligen Betrag in die Renovation ihres Fitnessraums sowie in das teure Equipment gesteckt. Doch der Entscheid lässt sich auch mit Einsprache und Anwältin nicht rückgängig machen.
Der zweite Anlauf
Melchert lässt sich nicht unterkriegen und startet im Kanton Zürich einen zweiten Versuch. Sie vereinfacht ihr Geschäftskonzept: Statt auch Beratung für andere Fitnesscenter anzubieten, will sie jetzt als Personal-Trainerin durchstarten.
Doch die SVA Zürich lässt sich Zeit – und das Geld wird langsam knapp. «Im Herbst hatte ich zunehmend Schwierigkeiten, meine finanziellen Verpflichtungen zu stemmen», so Melchert. Von den Behörden fühlt sie sich im Stich gelassen. Immerhin: Krankenkasse, Steueramt und auch der Vermieter zeigen sich kulant, als sie die Situation erklärt. «Was mich besonders belastet hat, war die Unsicherheit und das Gefühl, in dieser Phase keine Unterstützung zu erhalten», so die Trainerin.
Die Situation schlägt ihr stark aufs Gemüt. Melchert isoliert sich zunehmend: «Wenn finanzielle Sorgen und Existenzdruck zusammenkommen, fehlt oft die Energie für soziale Kontakte.» In ihrer dunkelsten Zeit wendet sie sich deshalb ans Kriseninterventionszentrum Winterthur ZH – eine Anlaufstelle für Menschen in Not.
Nach knapp einem Jahr dann die Erlösung: Die SVA Zürich anerkennt im Dezember 2025 ihre Selbstständigkeit – allerdings nur zum Teil. Aus Verzweiflung und auch auf Empfehlung hat sich Melchert 40 Prozent arbeitslos gemeldet. Zudem hat sie zwei kleine Nebenjobs in Fitnesscentern angenommen. «Rückblickend war es strategisch problematisch, da es meine Selbstständigkeit in der Beurteilung geschwächt hat», so die Trainerin.
2024 galten 14,1 Prozent der Erwerbspersonen in der Bevölkerung ab 15 Jahren als selbstständig. In den letzten 20 Jahren ist der Anteil der Selbstständigerwerbenden damit leicht gesunken, wie die Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen.
Dafür wurden noch nie so viele Unternehmen gegründet wie im Jahr 2025: Insgesamt waren es 55’654 Firmen, die neu im Handelsregister eingetragen wurden. Das sind 5,1 Prozent mehr als im Vorjahr. In den Branchen Handwerk, Beratung sowie im Immobilienbereich gab es die meisten Neugründungen.
Im Kanton Zürich, wo auch die Einzelfirma von Jennifer Melchert eingetragen ist, kommt es zum Rekordwert: Zum ersten Mal wurden letztes Jahr über 10’000 neue Firmen ins Handelsregister eingetragen. Dabei ist ein Eintrag für Einzelfirmen mit einem Umsatz von weniger als 100’000 Franken freiwillig. In 20 Kantonen nahmen die Gründungen im Vergleich zu 2024 zu, am meisten im Kanton Zug.
2024 galten 14,1 Prozent der Erwerbspersonen in der Bevölkerung ab 15 Jahren als selbstständig. In den letzten 20 Jahren ist der Anteil der Selbstständigerwerbenden damit leicht gesunken, wie die Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen.
Dafür wurden noch nie so viele Unternehmen gegründet wie im Jahr 2025: Insgesamt waren es 55’654 Firmen, die neu im Handelsregister eingetragen wurden. Das sind 5,1 Prozent mehr als im Vorjahr. In den Branchen Handwerk, Beratung sowie im Immobilienbereich gab es die meisten Neugründungen.
Im Kanton Zürich, wo auch die Einzelfirma von Jennifer Melchert eingetragen ist, kommt es zum Rekordwert: Zum ersten Mal wurden letztes Jahr über 10’000 neue Firmen ins Handelsregister eingetragen. Dabei ist ein Eintrag für Einzelfirmen mit einem Umsatz von weniger als 100’000 Franken freiwillig. In 20 Kantonen nahmen die Gründungen im Vergleich zu 2024 zu, am meisten im Kanton Zug.
Endlich selbstständig
Jetzt ist Melchert zu 60 Prozent selbstständig. Sie konnte sich deshalb ihre Pensionskasse auszahlen lassen: Einen grossen Teil der Altersvorsorge will sie nun für Rücklagen und den Aufbau ihres Unternehmens brauchen. «Das gibt Luft und schafft Stabilität, ist aber keine langfristige Lösung», so Melchert. Einen Teil des Geldes hat sie bereits wieder fürs Alter zur Seite gelegt.
Nun will sie ihren Kundenstamm weiter ausbauen. Mittlerweile kommt auch etwas Geld rein: «Es reicht gerade so.» Nebenbei arbeitet Melchert wieder als Assistentin in einem 40-Prozent-Pensum.
Doch jetzt steht sie vor einer neuen Hürde. Sie braucht dringend eine neue Wohnung im Raum Kemptthal oder Winterthur: «Leider ist es als Selbstständige fast unmöglich, eine Wohnung zu finden.» Die nächsten zwei Monate muss sie deshalb in einem möblierten Businessapartment übernachten. «Ich hoffe sehr, dass ich bis April etwas Neues finde.»
Mit ihrer Geschichte will die selbstständige Trainerin andere Gründer vor einem Schnellschuss warnen: «Es wäre einfacher gewesen, hätte ich alles an den Nagel gehängt und mich 100 Prozent arbeitslos gemeldet.» Doch aufgeben war für sie keine Option. Als Personal-Trainerin will sie anderen helfen, ihr Leben positiv zu verändern. «Ich weiss aus eigener Erfahrung, wie lebensverändernd es ist, wenn man sich wohler in seinem Körper fühlt. Mental wie physisch.»