Darum gehts
- Neben Google-Mutter Alphabet geraten auch Intel und Amazon nach den Quartalszahlen unter Druck
- In China ist der KI-Crash an der Börse bereits angekommen
- Marktstrategen sehen keinen globalen Crash, sondern «Wachstumsschmerzen»
Die KI-Blase zeigt erste Risse: Weltweit sind Tech-Aktien ins Wanken geraten. Das bringt vor allem die amerikanischen Börsen in Bedrängnis, die stark von der Technologiebranche abhängen. So verzeichnet Intel den grössten Tagesverlust seit 1974. Und Gigant Alphabet bricht regelrecht ein.
Das ist dramatisch. Denn geraten die US-Märkte unter Druck, schwappt die Nervosität erfahrungsgemäss rasch auf andere Handelsplätze über – auch auf die Schweizer Börse. Entsprechend ist man auch hierzulande besorgt.
Bislang trieb das Heilsversprechen der künstlichen Intelligenz die Börsen von Rekord zu Rekord. Nach den jüngsten Quartalszahlen aus dem Silicon Valley stellt sich die Frage: Weicht die Euphorie nun dem Zweifel?
Google-Mutter verliert schlagartig an Wert
Katerstimmung herrscht etwa bei Google-Mutter Alphabet. Allein am Donnerstag brach die Aktie nach den Quartalszahlen um 13 Prozent ein, eine halbe Billion Dollar an Börsenwert war futsch. Die Angst der Anleger: Zwar wächst das Cloud- und KI-Geschäft kräftig, doch das wichtigste Standbein wackelt. Immer mehr Nutzerinnen und Nutzer verwenden statt der klassischen Google-Suche den KI-Modus. Doch mit diesem setzt Alphabet bisher kaum Werbegelder um. Das wirft die Frage auf, ob der Konzern seine grossen KI-Investitionen auch in Geld umsetzen kann.
Denn gleichzeitig investiert Alphabet unfassbare Summen in die Zukunftstechnologie: Allein zwischen Juni und September steckte der Tech-Riese über 51 Milliarden Dollar in KI-Entwicklungen. Unter dem Strich sank der Gewinn im Vergleich zum Vorjahresquartal um ein Viertel auf knapp 26,2 Milliarden Dollar.
Die Börsenturbulenzen breiten sich aus
Am Freitag ging das Börsenbeben bei Tech-Aktien weiter – mit Intel als grossem Verlierer. Die Aktie verlor bis zu 30 Prozent an Wert. Bei Intel liegt die Enttäuschung in der Prognose für das laufende vierte Quartal: Sie verfehlte die Erwartungen deutlich. Beim Gewinn pro Aktie rechnet Intel mit mageren 25 Cent – Analysten hatten 43 Cent gefordert. Zudem kämpft Intel mit Lieferengpässen bei begehrten Serverchips.
Auch der weltgrösste Online-Händler Amazon bereitet Sorgen. Vor dem wichtigen Weihnachtsgeschäft dämpft der Konzern die Erwartungen: Hohe Lebenshaltungskosten und teurer Sprit drücken spürbar auf die Konsumlaune. Hinzu kommt wie bei Alphabet der teure Infrastrukturausbau: Weil massiv in neue Rechenzentren investiert wird, haben sich die Ausgaben des Konzerns von Juni bis September fast versechsfacht.
Kein Crash, sondern «Wachstumsschmerzen»
Platzt nun die KI-Blase? Mathieu Racheter, Leiter Aktienstrategie bei Julius Bär, gibt Entwarnung. Für ihn handelt es sich nicht um einen Crash, sondern um «Wachstumsschmerzen». Heisst: Der Finanzexperte sieht keinen Zusammenbruch des KI-Booms, sondern einzelne Marktbereinigungen mit vereinzelt fallenden Kursen bei gewissen Tech-Konzernen.
Felix Jäger, Anlagestratege bei der Zürcher Kantonalbank, relativiert die Panik ebenfalls: «Der gemeinsame Nenner dieser Entwicklungen ist, dass manche Technologieunternehmen bei ihrem traditionellen Geschäft durch KI in Bedrängnis kommen», so Jäger. Das heisst: Bei Alphabet schwächelt die klassische Online-Werbung, bei Amazon der Konsum – das eigentliche KI- und Cloud-Geschäft boomt hingegen ungebremst weiter.
Dass es auch anders geht, zeigt Microsoft. Die Aktie trotzt den Bedenken über eine KI-Blase: Der Konzern wuchs dank des florierenden Azure-Cloudgeschäfts schneller als erwartet, und auch die Aussichten fallen rosiger aus als befürchtet. Doch auch die Microsoft-Aktie hat diese Woche eine Achterbahnfahrt hinter sich. Nach starken Kursgewinnen am Mittwoch büsste der Titel anschliessend die Zugewinne wieder ein.
In China ist der Crash schon da
Während an der Wall Street die Kurse wackeln, herrscht in China bereits ein handfester Crash: Der Technologie-Index STAR50 hat in den letzten vier Monaten 40 Prozent eingebüsst. 480 Milliarden Dollar an Börsenwert sind verpufft.
Schwappt die China-Krise nun auf die weltweiten Börsen über? Julius-Bär-Analyst Racheter hält einen globalen Kollaps für unwahrscheinlich: Der weltweite Hunger nach Computerchips sei schlicht zu gross und das Angebot nach wie vor knapp. Auch Jäger von der ZKB erwartet nicht, dass westliche Unternehmen von der Schwäche der chinesischen Konkurrenz angesteckt werden: «Viele westliche Technologiefirmen sind in China nicht aktiv.»
Die Nachfrage nach KI ist laut den Finanzexperten also ungebrochen. Das Problem liege bei den Kosten, so Jäger: «Die Finanzierung der hohen Investitionen in Rechenzentren hat für Verunsicherung gesorgt. Diese Investitionen übersteigen in vielen Fällen die aktuellen Gewinne, daher müssen die Unternehmen Kapital an der Börse aufnehmen.» Zusammen mit Inflationssorgen, gestiegenen Energiepreisen und höheren Zinsen sorge das kurzfristig für Nervosität, meint Racheter. Am langfristigen Aufwärtstrend ändere sich aber nichts.