Fussball, Wirtschaft, Politik
Deutschland auf dem Abstellgleis

Das Aus an der Fussball-WM passt zum Zustand des Landes: Deutschland verliert seine Tugenden und den Anschluss an die Weltspitze.
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Aus im Penaltyschiessen: Deutschland verliert gegen vermeintlichen Fussballzwerg Paraguay.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Deutschland verliert im WM-Sechzehntelfinal gegen Paraguay im Penaltyschiessen
  • VW streicht 100’000 Stellen, chinesische Elektroautos überholen deutsche Autoindustrie
  • Marode Infrastruktur und hilflose Politik: Deutschland auf dem Abstellgleis
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Christian KolbeRedaktor Wirtschaft

«Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.» Selten war dieses Zitat von Heinrich Heine (1797–1856) so treffend wie in der Nacht von Montag auf Dienstag. Für viele deutsche Fussballfans war um halb zwei Uhr nicht mehr an Schlaf zu denken. Zu gross der Frust über das Ausscheiden im Penaltyschiessen gegen den vermeintlichen Fussballzwerg Paraguay. Zu schnell endete die erhoffte Neuauflage des Sommermärchens. Dabei hätte Deutschland dringend ein die Nation einendes Erfolgserlebnis gebraucht. Denn Deutschland im Jahr 2026 ist ein Land im Dauerabstiegskampf, in vielen Bereichen im globalen Vergleich bestenfalls noch zweitklassig. 

Seit dem Gewinn des Weltmeistertitels 2014 haben die Fussballer an keiner WM mehr den Achtelfinal erreicht, schieden zweimal in der Vorrunde aus, jetzt im Sechzehntelfinal. Exportweltmeister? Das waren die Deutschen zuletzt 2008. Seither haben ihnen die Chinesen und die USA den Rang abgelaufen.

Vorzeigeindustrie in der Krise

Auch auf der Strasse sind die Deutschen vom Erfolgsweg abgekommen. Deutsche Verbrennerautos galten bis vor kurzem in vielen Ländern als Statussymbol. Heute punkten bei den Kunden schicke chinesische Elektroautos, produziert von Konzernen, die es vor einigen Jahrzehnten noch gar nicht gab. Die ehemalige Vorzeigeindustrie hat die Elektromobilität verschlafen, das Verbrenner-Aus per 2035 lähmt mehr, als dass es beflügeln würde. VW – Europas grösster Autokonzern – will in den kommenden Jahren 100’000 Stellen streichen, um halbwegs bei den Kosten mit den – staatlich subventionierten – chinesischen Autoproduzenten mithalten zu können. Der ehemalige Autoriese ist bestenfalls noch ein Scheinriese.

Wer in Deutschland mit der Bahn fährt, ist froh, wenn der Zug überhaupt kommt und irgendwann auch am Ziel ankommt. Pünktlichkeit ist schon lange kein Thema mehr. Die Sommerhitze der letzten Tage hat schonungslos aufgezeigt, in welch schlechtem Zustand zahlreiche Brücken und Strassen in Deutschland sind.

Keine Fussballmacht, keine Wirtschaftsmacht, eine marode Infrastruktur: Deutschland droht die kollektive Depression. Viele Deutsche haben den Glauben an ihr Land verloren, bringen ihr Geld wieder in die Schweiz

Es braucht wieder ein Wunder

Heinrich Heine formulierte seine «Nachtgedanken» 1844 – vier Jahre später herrschte in Deutschland Aufbruchstimmung. Die Revolution von 1848 führte zu einer Erstarkung des Bürgertums, das Fundament für die moderne Demokratie wurde gelegt. Auch wenn es danach noch knapp 100 Jahre dauern sollte, bis die Saat wirklich aufging und sich Deutschland dank des «Wirtschaftswunders» nach dem Zweiten Weltkrieg an die Spitze der Weltwirtschaft katapultierte. Was dabei geholfen hat: Mit dem «Wunder von Bern» spielte sich Deutschland in die Herzen der Fussballfans, die Euphorie nach dem ersten WM-Titel beflügelte damals die Wirtschaft. 

Und heute? Von Aufbruchstimmung keine Spur, eine saturierte und verunsicherte Gesellschaft dreht sich primär um sich selbst, verliert sich auf Nebenschauplätzen und in Scheingefechten. Anstatt entschlossen dringend nötige Reformen anzupacken, arbeitet sich die Politik lieber an der Brandmauer gegen rechts ab. Bundeskanzler Friedrich Merz (70) schreibt auf X nach der Niederlage: «Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.»

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Stolz worauf? Darauf, dass Deutschland zum ersten Mal an einer WM-Endrunde ein Penaltyschiessen verloren hat? 

Schmerzhafte Reformen

Die Worte des Kanzlers waren gut gemeint. Aber nicht nur knapp daneben, sondern ein Volltreffer der Realitätsverweigerung. Denn in der Politik wie im Fussball gilt: Knapp daneben ist auch vorbei. Deutschland braucht kein Beschönigen, sondern harte Aufrichtigkeit – und Politiker, die den Bürgern reinen Wein einschenken, sie nicht schonen und schmerzhafte Reformen in die Wege leiten, damit Deutschland wieder zu seinen Stärken findet. In der Politik, in der Wirtschaft und im Fussball! 

Leider fehlen dafür sämtliche Anzeichen. Denk ich an Deutschland, sage ich nur noch: «Gute Nacht!» 

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