Darum gehts
Der Trick ist auf der Zahnarztrechnung nicht sichtbar. Doch er verteuert Zahnspangen um rund 20 Prozent.
«Jede festsitzende Zahnkorrektur ist im Durchschnitt rund 2500 Franken zu teuer», sagt ein beratender Zahnarzt einer Versicherung. Diese Summe müssen Eltern von Kindern mit Zahnspangen bezahlen sowie deren Zahnversicherungen.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
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Zwei andere praktizierende Zahnärzte bestätigen das. Keiner der drei Zahnärzte will mit Namen hinstehen, um die Missstände bei der Rechnungsstellung anzuprangern. Aus Angst davor, als Nestbeschmutzer angefeindet zu werden.
Zahnarzt entdeckt Trick bei Termin seines Kindes
Doch alle drei sagen: Bei der Rechnungsstellung von Spangen-Zahnärztinnen und -Zahnärzten gebe es ein Problem. Viele tricksten.
Ein Zahnarzt, der mit seinem Kind regelmässig zum Kieferorthopäden geht, erklärt dem Beobachter, wie der Abrechnungstrick funktioniert. Er studierte dafür die Spangen-Rechnungen seines Kindes genau.
Der Zahnarzt beobachtete bei jedem Spangen-Termin seines Kindes, wie eine Dentalassistentin gewisse Arbeiten im Mund erledigte. «Jedes Mal, wenn ich mit meinem Kind hinging, nahm die Dentalassistentin mein Kind in Empfang, entfernte die Gümmeli auf jedem Zahn und nahm den Metallbügel aus dem Mund.»
«Der Zahnarzt kam erst dann dazu. Er brachte den neuen Bügel in die richtige Form und setzte ihn wieder ein. Die Dentalassistentin machte die Gümmeli wieder drauf und fertig.» Mindestens ein Drittel der Behandlungszeit habe die Dentalassistentin im Mund seines Kindes gearbeitet.
Nicht legale Abrechnungspraxis
Was harmlos klingt, ist «nicht legal», wie die Medizinaltarifkommission gegenüber dem Beobachter bestätigt. Dentalassistentinnen dürfen keine dieser Tätigkeiten im Mund ausführen. «Das nicht zahnärztliche Personal hat hierfür weder eine Ausbildung noch eine Berechtigung.»
Im oben geschilderten Fall hat die Zahnarztpraxis so abgerechnet, als ob der Zahnarzt alleine im Mund des Kindes gearbeitet hätte. Die Behandlung durch die Dentalassistentin wurde zum Zahnarztstundensatz von Fr. 439.20 berechnet.
Das ist unzulässig. «Die Verrechnung als zahnärztliche Leistung entspricht der Vortäuschung falscher Tatsachen», schreibt die Medizinaltarifkommission. Würde ein Zahnarzt systematisch so zulasten der Invalidenversicherung abrechnen, würden Massnahmen ergriffen. «Diese können auch strafrechtliche Konsequenzen für die Behandelnden beinhalten.»
Kosten bis 16’000 Franken
Eine festsitzende Zahnspange kostet normalerweise 12’000 bis 14’000 Franken, im Maximum sind es 16’000 Franken. Die Abrechnung erfolgt in der Regel jährlich – die Zahn-Zusatzversicherungen übernehmen oft 75 Prozent.
Um nicht in eine Kostenfalle zu tappen, schliessen viele Eltern bereits im Kleinkindalter solche Versicherungen ab. Denn die Krankenkasse zahlt ohne Zusatzversicherung nichts. In schweren Fällen zahlt die Invalidenversicherung.
Millionen Franken pro Jahr zu viel verrechnet
«Es geht um Millionen von Franken, die Eltern, Zusatzversicherungen und die Invalidenversicherung jedes Jahr zu viel zahlen», sagt der Vertrauenszahnarzt.
Seine Lösung: Dentalassistentinnen sollten eine Zusatzausbildung machen, damit sie bei kieferorthopädischen Behandlungen einfache Arbeiten übernehmen könnten und diese zu einem tieferen Tarif legal abrechnen dürften.
So könnten Assistentinnen ihre Zeit mit einem Stundenlohn von Fr. 146.40 nach Dentotar abrechnen, erklärt er. Das ist so viel wie Prophylaxeassistentinnen nach Tarif erhalten.
Und das ist zwei Drittel weniger, als der Zahnarzt in Rechnung stellen darf. Nach diesem Modell würde die Spange im Durchschnitt rund 20 Prozent weniger kosten. Eltern und Zusatzversicherungen müssten rund 2500 Franken weniger bezahlen, gemäss den Berechnungen des Vertrauenszahnarztes.
Spangen-Tarif nie überarbeitet
Besonders problematisch dabei: Während in anderen Bereichen der Dentotar-Zahnarzttarif gründlich überarbeitet wurde, geschah dies im Bereich der Kieferorthopädie nicht. Und in diesem Bereich geht es um viel Geld. Eine Tarifreform böte sich also an.
Die Schweizerische Zahnärztegesellschaft SSO will die Idee einer Zusatzausbildung für Assistentinnen aufnehmen. «Ob eine Weiterbildung im Sinne einer spezialisierten Ortho-Dentalassistentin realisiert werden kann, ist Gegenstand von Gesprächen und Abklärungen der zuständigen Fachgesellschaft», heisst es dort.
Zahnärztegesellschaft handelt
Die Zahnärztegesellschaft ist sich des Problems bewusst. Sie habe «von Vorwürfen gegenüber einzelnen Praxen erfahren, wonach Dentalassistentinnen therapeutische Arbeiten im Mund der Patienten verrichtet haben sollen». Man prüfe derzeit «entsprechende Massnahmen».
Zu den Berechnungen des Vertrauenszahnarztes will sich die Zahnärztegesellschaft nicht äussern. Sie schreibt, sie verurteile eine solche Geschäftspraxis entschieden. Das verstosse gegen die Standesordnung.