ETH spielt Schlüsselrolle
Wie sich die Schweiz zum Hotspot für künstliche Intelligenz gemausert hat

Keine Technologie hat die Welt jemals so schnell umgekrempelt wie künstliche Intelligenz. Die Schweiz nimmt eine Schlüsselrolle ein – hinter China und den USA. Die Hintergründe.
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In der Schweiz spriessen die KI-Start-ups aus dem Boden.
Foto: Tessy Ruppert

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Marc Kowalsky
Bilanz

Pascal Kaufmann erinnert sich noch genau an jene Wochen im Jahr 2010, als er in Meilen ZH sein Start-up Starmind gründete. Der Gehirnforscher entwickelte Software, die das Wissen innerhalb eines Unternehmens mithilfe künstlicher Intelligenz selbstständig katalogisiert. Doch sein Verwaltungsrat untersagte ihm, für die Firma den Begriff oder die Abkürzung KI überhaupt zu benutzen: «Es war damals ein Schimpfwort, galt als unseriös», so Kaufmann: «Man sagte mir, das hätte eh keine Zukunft.»

Heute sieht die Lage ganz anders aus, nicht nur was Starmind betrifft, die zu einer erfolgreichen Firma wurde: Inzwischen nutzen hierzulande 34,8 Prozent aller Personen im erwerbstätigen Alter KI-Tools, so ergab eine Untersuchung von Microsoft, deutlich mehr als der Durchschnitt des globalen Nordens (24,7 Prozent). Im Global AI Index von Tortoise Media, der KI-Fachwissen, Forschung, Akzeptanz und andere Indikatoren berücksichtigt, rangiert die Schweiz in der Gesamtwertung gleich hinter den KI-Giganten USA und China und bei der Pro-Kopf-Bewertung ganz vorne mit Israel und Singapur.

Artikel aus der «Bilanz»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Bilanz» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du unter bilanz.ch.

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Die Schweiz publiziert auf GitHub, der weltweit wichtigsten Onlineplattform für Softwareentwicklung, von allen Ländern den zweitmeisten KI-Code. Kein Wunder, haben sich so gut wie alle wichtigen KI-Firmen, von OpenAI (Entwickler des Sprachmodells ChatGPT) über Anthropic, Meta, Palantir, die französische Mistral bis hin zu NVIDIA, in den letzten Jahren in der Schweiz niedergelassen. Und zwar nicht nur mit Verkaufsstellen, sondern mit Forschungs- und Entwicklungszentren. Sogar Sony arbeitet in Schlieren an Gaming-KI und Machine Learning für Bild- und Sensorsysteme.

«Das Who’s who ist hier», sagt Andreas Krause, Leiter des ETH AI Center. Seine Universität sowie die EPFL in Lausanne gehören zu den weltweit fleissigsten Verfassern von Forschungsarbeiten zum Thema, das global am häufigsten zitierte KI-Papier stammt aus Lugano. Und im Juli wird sich die Weltelite der KI am «AI for Good Summit» in Genf treffen. «Daran kann man sehen, dass die Schweiz eine Mega-AI-Grösse ist», sagt Kaufmann, der nach Starmind noch zwei weitere KI-Start-ups gründete.

Weltweite Anerkennung

Das sieht man auch im Rest der Welt so: «Die Schweiz hat eine unglaubliche Dichte an Talenten. Wenn wir über die Zukunft der KI nachdenken, ist die Schweiz einer der Orte, an denen die wichtigste Forschung betrieben wird», so Google-CEO Sundar Pichai. Als Microsoft letztes Jahr ankündigte, hierzulande 400 Millionen Franken in den KI-Ausbau zu investieren, begründete das Brad Smith, immerhin VR-Vizepräsident, wie folgt: «Das unterstreicht die entscheidende Rolle der Schweiz in der globalen KI-Landschaft.»

Fei-Fei Li, Professorin an der Stanford University und eine der global einflussreichsten KI-Pionierinnen, sagt: «Zürich ist heute das Silicon Valley der KI in Europa. Die Verbindung zwischen der ETH und globalen Tech-Giganten schafft ein Ökosystem, das weltweit seinesgleichen sucht.» Andrew Ng, Mitbegründer von Google Brain und einer der bekanntesten KI-Experten weltweit, drückt es so aus: «Ich bin immer wieder beeindruckt von der Innovationskraft in der Schweiz. Es ist ein kleines Land, das aber im Bereich Deep Tech und KI weit über seiner Gewichtsklasse boxt.» Die Liste der Laudatoren liesse sich noch lange fortsetzen. In einer Zeit, in der KI als das Erdöl des 21. Jahrhunderts gilt, ist die Schweiz ein Golfstaat.

Denn unser Land hat ein starkes Tech-Ökosystem, das nun voll auf KI setzt. Eine entscheidende Rolle spielt dabei Google, die in Zürich ihre weltweit grösste Niederlassung ausserhalb der USA mit mehr als 5000 Mitarbeitern unterhält. «Wesentliche Komponenten unserer modernsten KI-Modelle – einschliesslich Gemini – und der zugrunde liegenden Infrastruktur werden in Zürich entwickelt», so Schweiz-Chefin Christine Antlanger-Winter. Selbst die Sprachmodelle wie ChatGPT haben ihre technischen Wurzeln in der Schweiz. Der Deutsch-Amerikaner Jakob Uszkoreit, damals bei Google Brain, war 2017 zu Besuch in der Zürcher Niederlassung, am Wochenende fuhr er nach Davos zum Gleitschirmfliegen. Beim Flug über die Bündner Alpen kamen ihm die grundlegenden Ideen für das Transformer-Modell, das heute die Basis ist für praktisch alle Chatbots, für maschinelle Übersetzung und für Textgenerierung.

Kein Wunder, haben viele Wettbewerber ihre Schweiz-Präsenz damit eingeläutet, dass sie bei Google KI-Experten abwarben, OpenAI etwa oder Anthropic. Apple schnappte sich gleich 36 Googler, die nun an der Generative-AI- und Machine-Learning-Entwicklung arbeiten. Zudem übernahm der iPhone-Konzern zwei Schweizer Start-ups, Faceshift (Motion Capture für Filme) und Facewell, die ein KI-gestütztes visuelles Suchtool entwickelt hat, und bildete daraus ein zweites KI-Entwicklungszentrum namens Vision Lab.

Einzigartige Kombination

Nvidia, der Hersteller jener Prozessoren, die fast jedes KI-Rechenzentrum befeuern, kaufte sich 2022 das Zürcher Start-up Animatico mit damals zehn Mitarbeitern. Heute beschäftigt der Konzern in der Zürcher Europaallee und im Glattpark bei Opfikon fast 300 Mitarbeiter, die KI für autonomes Fahren und Robotik, aber auch Grundlagenforschung betreiben. Natürlich transferieren diese Konzerne auch Spezialisten vom Hauptsitz oder von anderen Standorten in die Schweiz. Die Folge: Inzwischen verzeichnen in Europa nur die Millionenstädte London, Paris und Berlin mehr KI-Entwickler als Zürich.

Davon profitiert auch Microsoft: Im Circle am Zürcher Flughafen hat der Softwarekonzern rund 700 seiner etwa 1000 Schweizer Mitarbeiter zusammengezogen, die dort an Zukunftstechnologien arbeiten. «Viel findet aber auch unmittelbar Eingang in unsere Produkte wie den KI-Assistenten Copilot», sagt Marc Holitscher, National Technology Officer von Microsoft Schweiz. Zusammen mit der ETH betreibt der Konzern zudem das Spatial AI Lab. Anfangs fokussierte es sich auf Augmented Reality, heute arbeitet man daran, die räumliche Dimension in der KI abzubilden – auch mit dem Ziel, Roboter durch einfache Gestik trainieren zu können.

Foto: BILANZ

Klar, London hat Google DeepMind und die Edeluniversitäten Oxford und Cambridge. München hat die Technische Universität, das Max-Planck-Institut und starke Verbindungen in die Industrie. Aber «die Schweiz und besonders Zürich bringen gewisse Eigenschaften mit, die in dieser Kombination einzigartig sind», so Holitscher. Dazu gehöre auch die Offenheit der Unternehmen, sich mit der neuen Technologie auseinanderzusetzen. Die 400 Millionen Franken, die der Konzern hierzulande in das Thema KI investiert, kommen nicht nur den Erbauern von Rechenzentren, sondern auch der breiten Bevölkerung zugute: Bereits wurden 400’000 Schweizer durch Microsoft in Sachen KI geschult.

Pionierin IBM

Bereits seit den 1970er-Jahren befasst sich hierzulande IBM mit künstlicher Intelligenz, und zwar am Forschungslabor in Rüschlikon ZH. Dort wurde das weltweit erste KI-Modell für organische Chemie entwickelt. Für NASA und ESA analysiert die KI hier Weltraumaufnahmen, auch an Cyberscurity-Anwendungen forscht man in Rüschlikon. «Die Arbeit hier ist sehr bedeutend für die Konzernstrategie von IBM», sagt Institutsleiter Alessandro Curioni.

Wer das Epizentrum der Schweizer KI-Szene sucht, geht jedoch am besten nach Zürich-Oerlikon. Gleich eine Handvoll Institutionen aus der Branche residiert dort auf den 22 Stockwerken des AI Tower. Sechseinhalb Etagen belegt das ETH AI Center. «Innerhalb der Hochschule ist es Katalysator und Koordinator für KI-basierte interdisziplinäre Forschung», beschreibt Leiter Andreas Krause die Rolle. Gleichzeitig erfolgt von hier aus die Koordination mit der EPFL oder anderen Partnern. Das AI Center beherbergt über 1400 Doktorierende und Post-Docs, über 120 Professoren aus allen 16 ETH-Departementen sind angeschlossen. Mit einem Fellowship Program versucht man, Toptalente aus der ganzen Welt anzuziehen für Doktor- und Post-Doc-Lehrgänge. Insgesamt bietet die ETH 18 verschiedene Kurse in KI und Machine Learning an, für die es 5630 Einschreibungen gibt.

AI Tower: Im Andreas-Turm in Zürich-Oerlikon residieren neben dem ETH AI Center noch andere KI-Institutionen wie Magic Leap oder das Swiss Data Science Center.
Foto: PR

Und die Rolle der ETH wird in Zukunft noch gestärkt werden: Im Dezember 2023 gab ETH-Präsident Joël Mesot bekannt, dass die Stiftung des Lidl- und Kaufland-Gründers Dieter Schwarz (86) der ETH 20 KI-Professuren für 30 Jahre finanziert, inklusive des Aufbaus eines «Heilbronn-ETH Zurich Center» in Süddeutschland und eines entsprechenden Backoffice in Zürich. Vergangenen Dezember wurden die Verträge final unterzeichnet, jetzt werden die Professuren ausgeschrieben.

Der ETH kaum nach steht das EPFL AI Center mit 100 Professoren sowie 1000 Studenten und Post-Doc-Forschern. Oberster Verantwortlicher ist Marcel Salathé, den viele Schweizer noch aus der Corona-Zeit als Epidemiologen in Erinnerung haben. «Es gibt keinen Studenten mehr, der sagt, KI sei kein Thema», so Salathé. 20 bis 30 Prozent aller an der EPFL Immatrikulierten beschäftigen sich sogar fundamental mit dem Thema.

Ausnahmsweise beschränkt sich die Schweizer KI-Expertise nicht nur auf die beiden Ballungszentren technologischer Ingenieurskunst in Zürich und Lausanne. Auch das Tessin ist stark in Sachen KI. Vor allem dank Jürgen Schmidhuber: Der gebürtige Münchner gilt als Pionier der Branche, beschäftigt sich seit 35 Jahren mit neuronalen Netzen. «Damals interessierte sich kaum einer für KI, auch weil die Rechenkraft zehn Millionen Mal teurer war als heute», erinnert er sich.

1995 wechselte er von der Technischen Universität München an das Istituto Dalle Molle di studi sull’intelligenza artificiale (IDSIA), das 1988 von der Stiftung des italienischen Geschäftsmanns Angelo Dalle Molle (Erfinder des Apérodrinks Cynar) in Lugano gegründet wurde. 1997 publizierte Schmidhuber ein bahnbrechendes Papier, das heute die meistzitierte KI-Arbeit der Welt ist und die Basis vieler Technologien in Apples Siri, Google Translate, Amazon Alexa, Facebook und anderen Diensten darstellt. Um seine Studenten reissen sich die grossen KI-Firmen. Und weil das IDSIA 1991 in Martigny mit dem Idiap Research Institute einen Ableger eröffnete, hat auch das Wallis ein KI-Kompetenzzentrum mit total 207 Forschern.

Adaptionsweltmeisterin

Die Schweiz bietet ihnen eine Reihe von Vorteilen: die Nähe zu grossen, zahlungskräftigen Konzernen, eine gute internationale Vernetzung, hohe Lebensqualität für die Mitarbeiter. In einer Welt der geopolitischen Spannungen gilt die Schweiz als sicherer Hafen für Daten. Und sie bietet liberale juristische Rahmenbedingungen: Während die EU den Einsatz von KI auf 144 Seiten strengstens durchreglementiert hat, verzichtet die Schweiz auf eine eigene KI-Gesetzgebung. Von einem «komparativen Vorteil» spricht Microsoft-Mann Holitscher.

Nun ist KI keine l’art pour l’art, der Mehrwert liegt in der schnellen Übersetzung der Wissenschaft in die breite Anwendung im Markt. Die Schweiz gilt in der Branche als Adaptionsweltmeisterin. Besonders wichtig bei der Umsetzung sind die Fachhochschulen wie die ZHAW. Das Spektrum reicht vom Kleinstbetrieb bis zum Milliardenkonzern: In Ilanz GR etwa produziert ein Ofenbauer seit 40 Jahren Feuerstellen aus Specksteinen, der Mann wird bald pensioniert. Um seine seltene Expertise zu bewahren, entwickelte Microsoft für ihn einen Chatbot, der im Zwiegespräch das Fachwissen abfragt und konserviert.

«Es ist ein wahnsinniges Momentum entstanden in der Schweiz, was Industrieaktivitäten und Entrepreneurship angeht», drückt es ETH-Mann Krause aus. So nutzt Nestlé die IBM-KI nicht für die Automation des Backoffice, sondern auch für die Entwicklung besserer Lebensmittelverpackungen. Für das CERN in Genf ist KI unverzichtbar: zum einen, um die unglaublichen Datenmengen (mehrere Petabytes pro Sekunde) zu analysieren, die bei den Experimenten im Teilchenbeschleuniger anfallen, zum anderen, um neue Teilchen-Signaturen zu finden wie etwa beim Higgs-Boson.

Auch für die Früherkennung von Defekten und die Energieoptimierung der Beschleuniger setzt man KI ein. Inzwischen gilt das CERN als einer der wichtigsten KI-Hotspots Europas. Und ABB und Siemens mit ihren wichtigen Schweizer Standorten integrieren KI zunehmend tief in ihre Produkt- und Serviceportfolios. Genau deshalb übernahm ABB vor zwei Jahren das Zürcher Start-up Sevensense, das KI für Robotik entwickelt.

Stichwort Start-ups: In den Jahren 2013 bis 2024 sind hierzulande 154 KI-Start-ups entstanden (siehe Chart rechts), letztes Jahr dürfte noch eine weit überdurchschnittliche Zahl hinzugekommen sein. Denn heute kann es sich kein Jungunternehmen mehr leisten, KI nicht auf jeder Seite im Pitchdeck zu erwähnen, sonst findet es keine Investorengelder – und die fliessen momentan sowieso eher spärlich.

Die Liste der erfolgreichen KI-Start-ups ist lange, die Anwendungsfelder breit gestreut: Das Unicorn MindMaze aus Lausanne etwa, das KI in der Neuro-Rehabilitation nach Schlaganfällen oder Hirnverletzungen einsetzt, die Basler Cradle, die eine Gen-AI-Plattform für die Entwicklung von proteinbasierten Arzneimitteln entwickelt, Jua in Freienbach SZ, die mittels KI bessere Wettervorhersagen ermöglicht, Loxo in Bern, die KI für autonomes Fahren entwickelt, oder Alpine AI, wiederum von Pascal Kaufmann, die mit SwissGPT ein eigenes Sprachmodell entwickelt hat. Weil es auf US-Komponenten verzichtet, erfreut es sich bei europäischen Spitälern und Behörden grosser Beliebtheit. Auch die Zürcher DeepJudge strebt ins Ausland mit ihrer KI-Software für Anwaltskanzleien, die Informationen in juristischen Dokumenten findet und wiederverwertet. Das ETH-Spin-off Lightly wiederum macht künstliche Intelligenz erst möglich, indem es die dafür geeigneten Daten von den ungeeigneten trennt. Auch diese Liste liesse sich beliebig fortsetzen.

Geldmangel

Das Problem hierzulande ist aber der Mangel an Venture Capital. Die Lücke stopfen ausländische Geldgeber. In der Late-Stage-Finanzierung stammen 96 Prozent des Kapitals für Schweizer Start-ups aus den USA und der EU, so eine Erhebung von Deep Tech Nation Switzerland. «Die Schweiz ist ein günstiges Offshoring Center für KI-Entwicklung», sagt Digitalberater Alexander Brunner, der ein Buch über die Schweizer KI-Szene geschrieben hat. Zwar verdient ein Machine-Learning-Experte hierzulande schnell 300’000 bis 500’000 Franken. «Aber für Silicon-Valley-Verhältnisse ist das sehr günstig», so Brunner. Gleiches gelte für den Firmenwert von KI-Start-ups: «In den USA zahlt ein Investor locker Faktor zehn Mal mehr.»

Die Folge der Kaufwut: Erst wandert die Kommerzialisierung ins Ausland, dann die Teams, irgendwann die ganze Firma und damit auch die Gewinne und die Steuereinnahmen. Wie bei Lakera AI: Die Zürcher KI-Firma wurde im letzten Oktober von der Nasdaq-kotierten Check Point übernommen. Keine neue Entwicklung: 2014 kaufte Google das Londoner Start-up DeepMind, das von einem Schmidhuber-Studenten nur vier Jahre zuvor gegründet worden war, für 600 Millionen Dollar. Auf den ersten Blick viel Geld, doch: «Heute ist das der Kern von Google und wäre alleine wohl an die 600 Milliarden wert», so Schmidhuber.

Inzwischen akzentuiert sich das Problem. Die attraktivsten KI-Stellen finden sich vielfach nicht mehr in der Schweiz, sondern im Ausland. Gerade amerikanische Institute zahlen sehr gut und bieten mächtige Rechenleistung. «Viele meiner deutschen Studenten und Post-Docs könnten leicht eine Professur bekommen, ziehen es aber vor, in ein US-Labor zu gehen», so Schmidhuber. Auch er selber hat der Schweiz inzwischen den Rücken gekehrt.

Zwar amtet er noch immer als wissenschaftlicher Direktor des IDSIA, den Grossteil seiner Zeit verbringt er jedoch in Saudi-Arabien an der Kaust-Universität. Etwa eineinhalb Autostunden von Mekka entfernt hat er von seinem kleinem Büro aus einen beeindruckenden Blick über den Hafen von Thuwal am Roten Meer. Dort macht er, was er auch schon immer machte: «Ich versuche, eine KI zu bauen, die klüger ist als ich selber, sodass sie alle Probleme lösen und ich endlich in Rente gehen kann.»

Problematisch ist in diesem Zusammenhang auch, dass es hierzulande keine staatliche KI-Förderung gibt. Die USA investieren 500 Milliarden Dollar in ihr Stargate-Programm, auch um im Wettlauf mit China bestehen zu können. Frankreich hat zwei KI-Förderprogramme von 1,5 und 2,2 Milliarden Euro lanciert. Die Schweiz jedoch macht traditionell keine Industriepolitik, setzt nur hie und da kleine Anreize. «Da schiesst man sich vielleicht in den eigenen Fuss», sagt Schmidhuber und weist darauf hin, das auch das Silicon Valley durch Steuergelder, nämlich das Verteidigungsbudget der 1950er- und 1960er-Jahre nach dem Sputnik-Schock, gross geworden ist. Auch heute ist das Pentagon mit einer Billion Dollar der grösste VC des Landes.

Foto: BILANZ

Die langsame Entscheidungsfindung der Regierung, aber auch vieler Firmen hierzulande ist ein weiteres Problem, findet IBM-Mann Curioni. «Vor vier Jahren sahen die KI und ihre Anwendungsmöglichkeiten noch komplett anders aus», sagt er. «Heute muss man daher viel agiler entscheiden.» Auch weil die Investmentzyklen viel kürzer seien. Und dann ist da noch der Soft Factor der gesellschaftlichen Akzeptanz: Wie überall ruft KI auch hierzulande neben Euphorie auch Skepsis und Ängste hervor. Bedenken über Jobverluste durch Automatisierung, über Missbrauch von KI, etwa durch Deepfakes oder diskriminierende Algorithmen, oder über den Kontrollverlust beschäftigen auch die Schweizer. «Wenn Schlüsselakteure wie Politik oder Verbände sich zu stark auf Risiken fokussieren, kann das Innovation bremsen», sagt Vanessa Delfs, Co-Gründerin der AI Business School mit Sitz in Freienbach SZ, die inzwischen 150’000 User in KI ausgebildet hat: «Man sollte daher Erfolge made in Switzerland sichtbar machen – etwa KI, die im Gesundheitswesen Leben rettet, oder nachhaltige KI-Lösungen für die Umwelt.»

Hardwaremässig ist die Schweiz gut aufgestellt für das neue Zeitalter: 113 Rechenzentren gibt es im Land, 34 davon alleine in Zürich, mindestens 15 weitere sind im Bau. Besonders stolz ist man auf den vorletztes Jahr eingeweihten Supercomputer Alps im Centro svizzero di calcolo scientifico (CSCS) in Lugano. Mit mehr als 10’000 Prozessoren ist er einer der leistungsfähigsten Rechner weltweit.

Mit dem Supercomputer Alps verfügt die Schweiz über einen der weltweit leistungsfähigsten Rechner.
Foto: Keystone

Knackpunkt Energie

Die Rechenleistung wird genutzt, um neue KI-Basismodelle für den Einsatz etwa in Robotik, Medizin, Klimawissenschaften oder Diagnostik zu entwickeln. Darüber hinaus untersucht man damit auch grundlegende Fragen zur Entwicklung und Nutzung grosser Sprachmodelle. «Dank des Supercomputers können wir Forschung machen, die selbst viele US-Unis nicht machen können», so Marcel Salathé. Glückliche Umstände und Weitsicht kamen hier zusammen: Jürgen Schmidhuber drängte die Verantwortlichen jahrelang, für die nächste Supercomputer-Generation auf Grafikchips von Nvidia statt auf die zuvor verwendeten herkömmlichen Prozessoren zu setzen.

Der Vertrag mit dem Chiphersteller kam vor dem ChatGPT-Moment Ende 2022 zustande, der die Nachfrage, die Preise und den Aktienkurs von NVDIA explodieren liess. «Man hat rechtzeitig für vielleicht 100 Millionen eingekauft, was heute wohl an die 300 Millionen kosten würde», so Schmidhuber. Doch klar ist auch: Der Vorsprung ist zeitlich begrenzt, die anderen Universitäten rund um die Welt rüsten nach. «Man muss heute die Investitionen tätigen für in fünf Jahren», so Salathé. Und das wird teuer.

Die für die Rechenzentren benötigte Energie ist ein anderes grosses Thema: Als «den grössten Risikofaktor für Europa» bezeichnet sie Salathé: «Wir haben noch nicht mal ein Prozent gesehen von dem, was mit KI noch geschehen wird.» Bereits in drei Jahren, so schätzt man, wird es KI-Modelle geben, die 10’000 Mal mächtiger sind als heute. Und Rechenzentren machen derzeit etwa sieben Prozent des Schweizer Stromverbrauchs aus. Prognosen zufolge könnte dieser Anteil bis 2030 auf bis zu 15 Prozent steigen. Woher die Energie kommen soll? Unklar. Sie einzukaufen, wird jedenfalls extrem teuer werden.

Denn die KI-Anwendungen werden noch mehr Leistung benötigen. Etwa multimodale Modelle, die verschiedene Datentypen wie Text, Bild und Video kombinieren. Sie sind eines der heissesten Themen, welche die Szene derzeit bewegen; Google etwa forscht daran intensiv in den Zürcher Labors. Auch Agentic AI, bei der die KI nicht nur Informationen gibt, sondern gleich selber Entscheidungen trifft, ist derzeit in aller Munde.

Softwareentwickler verlieren Gott-Status

Die Anwendungsspanne ist enorm breit, von der automatischen Planung und Buchung einer komplexen Ferienreise für den Konsumenten über die Steuerung ganzer Industrieanlagen bis zur automatischen Softwareentwicklung: Agentic Coding heisst das Zauberwort, bei dem die KI anhand eines vorgegebenen Zieles selber programmiert, Tests durchführt und Fehler behebt. Das geht bis zu 50 Mal schneller und fünf Mal günstiger als der bisherige Workflow. «Softwareentwickler waren bisher Götter, aber sie werden immer mehr an Bedeutung verlieren», so Brunner: «Viele von ihnen haben heute Angst.» Gleichzeitig erlaubt Agentic Coding, die bisher häufig nach Osteuropa oder Indien outgesourcte Softwareentwicklung zurück in die Schweiz zu holen.

Am meisten Chancen aber hat das Land beim Thema Physical AI, wenn die Intelligenz nicht mehr nur am Bildschirm etwa für Textgeneration eingesetzt wird, sondern in der realen Welt zur Steuerung von Autos, Drohnen oder Robotern. Dafür braucht es auch Kompetenzen in der Bilderkennung, in der Mechatronik, in der Präzisionsmechanik und in der Robotik – und in allen vier Bereichen ist die Schweiz traditionell sehr stark.

Riesiges Aufholpotenzial

Yann LeCun, bis vor Kurzem Chief AI Scientist der Facebook-Mutter Meta, sieht das Land an der Weltspitze, wenn es um die Kombination von KI und Hardware geht: «Die Schweiz spielt eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung von KI-Systemen, die mit der physischen Welt interagieren.» Die Strategie, sich auf spezialisierte, hocheffiziente und physisch integrierte KI zu konzentrieren, sei ein kluger Weg, um gegen die gigantischen Investitionen der USA und Chinas zu bestehen. Zumal das Aufholpotenzial riesig ist: «Die Rechner sind in den letzten 30 Jahren zehn Millionen Mal besser geworden, die Roboter aber nur vielleicht drei bis vier Mal», sagt Jürgen Schmidhuber.

Und auch das Energieproblem gehen die Entwickler zwischen Genf und St. Gallen an, indem sie kleinere, effizientere Modelle bauen, die mit weniger Daten auskommen. «Intelligenz schlägt Grösse», so Le Cunn. «Man versucht im Prinzip, das Genie von Kindern nachzubauen», nennt es Benjamin Bargetzi, KI-Start-up-Gründer und -Berater unter anderem von WEF-Gründer Klaus Schwab: «Vierjährige können schon viel machen, obwohl sie wenig Informationen haben, diese aber anders nutzen.» Hat der Ansatz Erfolg, könnten auch KMUs eigene Agenten trainieren und mithalten gegen die KI-Riesen Google und Co., was eine gewaltige Innovationswelle auslösen würde. «Es gibt noch einen riesigen Ozean an Möglichkeiten, wo unser Land Wirkung entfalten kann», so Bargetzi.

Klar ist: Die Schweiz wird weiter gefordert sein, will sie die gute Position behalten. Sie hat es schon einmal vergeigt. 1989 wurde am CERN in Genf das World Wide Web erfunden. Doch unser Land verpasste die Chance, daraus eine weltweit führende Industrie aufzubauen. Grossfirmen, Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und Milliardenvermögen landeten stattdessen im Silicon Valley. «Wir müssen dafür sorgen, dass sich das nicht wiederholt», sagt Salathé.

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