Darum gehts
Geht es nach Pascal Kaufmann, wird das Christkind bis nächste Weihnachten wegdigitalisiert. «Für das Gottemeitli-Geschenk in letzter Minute wird der Bot besorgt sein», sagt er. Mit «Bot» meint der Tech-Unternehmer und Gründer des Schweizer KI-Start-ups Alpine AI einen Roboter, der im Internet pausenlos seine Bahnen zieht, bis das gewünschte Geschenk ausgewählt und bezahlt ist.
Was Kaufmann skizziert, ist das grosse Thema der Stunde: agentische KI. Nach Chatmaschinen, Textgeneratoren und fotorealistischen KI-Bildern ist der sogenannte Agentic Commerce das nächste grosse Thema. KI, die für uns arbeitet und autonom einkauft. Milliarden werden investiert, rund um die Welt arbeiten Start-ups und Konzerne an der Realisierung der Vision. Auch in der Schweiz.
Dieser Artikel wurde erstmals im Angebot von handelszeitung.ch veröffentlicht. Weitere spannende Artikel findest du unter www.handelszeitung.ch.
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Kaufmanns Kurzanleitung für das Gschänkli-Shopping an Weihnachten 2026: «Einfach ein Foto des Kindes hochladen, drei Hobbys nennen, Preisspanne und Lieferzeit angeben.» Der KI-Agent werde die Präsentbeschaffung per Autopilot übernehmen – «vom Aussuchen des Geschenks bis zur Wahl der Geschenkverpackung, zur Rabatteinlösung, zur Wahl der optimalen Lieferoption und natürlich zum Bezahlvorgang».
KI-Agenten sind die Nachfahren von ChatGPT und Co.
Um das Wesen des Agentic Commerce einordnen zu können, muss man zunächst den Unterschied zwischen heute gängigen KI-Modellen und agentischen Systemen kennen. Generative KI-Modelle wie ChatGPT, Claude und Gemini haben unsere digitale Welt verändert. Auf Knopfdruck redigieren sie E-Mails, entwerfen Businesspläne oder dichten Liebesbriefe.
Die nächste Generation geht einen Schritt weiter: Sogenannte agentische Systeme oder KI-Agenten sind autonome Programme, die nicht nur Texte, Bilder und Videos generieren, sondern selbstständig handeln. Dafür zerlegen sie ihre Aufgabe in einzelne Arbeitsschritte, die sie abarbeiten können.
Ein KI-Agent ist über digitale Schnittstellen mit anderen Systemen verbunden und führt dort direkt Aktionen aus, ohne dass ein Mensch einen Befehl geben muss. Damit agentische KI automatisch und sicher funktioniert, müssen verschiedene Player miteinander kommunizieren. Nicht nur Onlineshop und Bot sind eingebunden, sondern auch Zahlungssysteme, Shopsoftware und eine ganze IT-Architektur, die alles klug vernetzt.
In dieser Hinsicht sei in den ersten Tagen von 2026 etwas Entscheidendes passiert, sagt Lucia Yapi. Die Expertin und Dozentin für Suchmaschinenmarketing sowie Gründerin von Yapi Web in Egg ZH meint Googles neuen Branchenstandard UCP, der verschiedene namhafte Player in einem IT-Protokoll versammelt (siehe Box). Für Yapi ist dieser Schritt ein wichtiges Puzzleteil, das eine «gemeinsame Sprache für KI-Agenten, Händler und Zahlungsdienstleister definiert».
Was werden die Bots dereinst für ihre Menschen einkaufen? Lucia Yapi ist nicht ganz so euphorisiert wie Pascal Kaufmann, sondern sieht die Agenten zunächst als Helfer bei regelmässigen Anschaffungen mit geringem emotionalem Wert: «Zu Beginn wohl unkomplizierte Produkte, die man wiederkehrend braucht, Repetierkäufe wie Rasierklingen, Kontaktlinsen, Mineralwasser oder Tierfutter.»
Eine Verschiebung von UX zu AX
Wurde bisher viel Einsatz in die sogenannte User-Experience (UX) gesteckt, kommt heute die sogenannte AX hinzu: die Agent Experience. Will heissen: Massnahmen, damit ein E-Commerce-Shop nicht nur Menschen, sondern auch Roboter anspricht. So sieht man es auch bei Coop, wo man aktuell davon ausgeht, dass sich der Marktfokus zunächst «von UX hin zu AX» verschieben wird und Schnittstellen für Bots in der breiten Masse erst später relevant werden.
KI-Agenten müssen Shops finden. Das Universal Commerce Protocol (UCP) ist ein von Google im Januar veröffentlichter Open-Source-Standard, der darauf ausgelegt ist, die technische Infrastruktur für Agentic Commerce zu vereinheitlichen. Einfacher gesagt: UCP sorgt dafür, dass Backend-Systeme von Händlern und KI-Agenten bei Produktsuche, Warenkorb und Check-out dieselbe Sprache sprechen. So kann man direkt im Chatbot oder in Google AI Mode einkaufen, ohne auf Websites weitergeleitet zu werden. An Bord hat Google bereits Walmart, Shopify und Etsy.
Für die Bezahlung nutzt Google das im September lancierte Agent Payments Protocol (AP2). Dieses stellt sicher, dass die Zahlung tokenisiert ist und der Händler «Merchant of Record» bleibt. Open AI entwickelte mit dem Zahlungsanbieter Stripe ein ähnliches Verfahren, das Agentic Commerce Protocol (ACP). Das ermöglicht ebenfalls die Bezahlung direkt in Chat GPT. Die Tech-Giganten setzen dabei auf Protokolle und bleiben mehrheitlich in der Vermittlerrolle.
Anders sieht es in China aus: Agentic Commerce ist plattformbasiert und eine Weiterentwicklung bestehender Super-Apps. Alles geschieht in einem Ökosystem: So hat Alibaba seinen Chatbot Qwen mit Taobao (für Shopping), Fliggy (für Reisen) und Alipay (für die Bezahlung) ausgerüstet. Auch Tencents We Chat integriert KI-Agenten in sein Milliarden-Nutzer-Netzwerk.
KI-Agenten müssen Shops finden. Das Universal Commerce Protocol (UCP) ist ein von Google im Januar veröffentlichter Open-Source-Standard, der darauf ausgelegt ist, die technische Infrastruktur für Agentic Commerce zu vereinheitlichen. Einfacher gesagt: UCP sorgt dafür, dass Backend-Systeme von Händlern und KI-Agenten bei Produktsuche, Warenkorb und Check-out dieselbe Sprache sprechen. So kann man direkt im Chatbot oder in Google AI Mode einkaufen, ohne auf Websites weitergeleitet zu werden. An Bord hat Google bereits Walmart, Shopify und Etsy.
Für die Bezahlung nutzt Google das im September lancierte Agent Payments Protocol (AP2). Dieses stellt sicher, dass die Zahlung tokenisiert ist und der Händler «Merchant of Record» bleibt. Open AI entwickelte mit dem Zahlungsanbieter Stripe ein ähnliches Verfahren, das Agentic Commerce Protocol (ACP). Das ermöglicht ebenfalls die Bezahlung direkt in Chat GPT. Die Tech-Giganten setzen dabei auf Protokolle und bleiben mehrheitlich in der Vermittlerrolle.
Anders sieht es in China aus: Agentic Commerce ist plattformbasiert und eine Weiterentwicklung bestehender Super-Apps. Alles geschieht in einem Ökosystem: So hat Alibaba seinen Chatbot Qwen mit Taobao (für Shopping), Fliggy (für Reisen) und Alipay (für die Bezahlung) ausgerüstet. Auch Tencents We Chat integriert KI-Agenten in sein Milliarden-Nutzer-Netzwerk.
Wenn erstmals Bots in den Coop-Onlineshops einkaufen gehen, sieht man es beim Basler Grossverteiler so: «Wir gehen davon aus, dass agentische KI-Bots zuerst im Non-Food-Retail an Bedeutung gewinnen werden und der Einkauf von Lebensmitteln via agentische KI erst zu einem späteren Zeitpunkt erfolgt.» Dies liege einerseits an der komplexen Frischelogistik und anderseits daran, dass beim Lebensmitteleinkauf oft Warenkörbe mit rund dreissig Artikeln üblich sind: «Solche umfangreichen Warenkörbe sind für agentische KI weniger geeignet als die Bestellung einzelner Produkte, wie zum Beispiel eines Mobiltelefons oder eines Koffers.»
Die Zurückhaltung hat wohl auch stark mit dem Thema des Bezahlens zu tun. Was, wenn man einem Onlineflaschengeist seine Kreditkartennummer anvertraut und dieser als Bad Bot auf unautorisierte Shoppingtour geht? Agentic Commerce funktioniert nun mal nicht ohne Zahlungen. Und da tut sich aktuell gerade sehr viel.
Wie bringt man dem Bot das Bezahlen bei?
Anders als viele Onlinehändler sind Banken und Zahlungsverarbeiter schon weit, wenn es darum geht, sich an agentische Transaktionen anzupassen. Viele vergleichen die Umstellung mit der Einführung der Bezahl-Wallets von Google und Apple vor ein paar Jahren. So, wie sich damals die Internetfirmen zwischen Kartengesellschaften und Händler geschoben haben, schieben sich jetzt die KI-Unternehmen dazwischen.
Eines gelte es zu verhindern, sagt Visa-Schweiz-Chef Santosh Ritter: dass agentische Anwendungen mit Kreditkartennummern im Internet um sich werfen. «Wir wollen die Kartennummern aus dem System nehmen», sagt er. Stattdessen werden die Agenten direkt eingebunden und erhalten die Zahlungsinformationen verschlüsselt – als sogenannte Token – von den Kartenherausgebern. Visa arbeite bereits mit hundert KI-Unternehmen konkret zusammen, sagt Ritter. Auch Konkurrentin Mastercard ist unlängst mit zahlreichen Kooperationsvereinbarungen aufgefallen – etwa mit Google und Microsoft.
Ritter erklärt die Vision von Visa: Erst muss der Kunde seine Karte einmalig beim Agenten hinterlegen. Wenn er diesem dann einen Auftrag gibt, muss er sich ein erstes Mal authentifizieren. Bei der Zahlung erfolgt dann eine zweite Authentifizierung. Nur wenn der Kauf zum Auftrag passe, werde die Zahlung ausgeführt. Beim Start setze man auf mehr Kontrolle, um Vertrauen zu schaffen, sagt Ritter. «In einer späteren Phase soll der Agent eigenständig im Auftrag des Kunden agieren.»
Die grössten Veränderungen dürfte es bei Firmen wie Worldline geben, die für den Handel Zahlungen abwickeln, denn sie müssen eng mit den Agenten zusammenarbeiten. Händler müssen bei jedem Kauf erkennen: Ist es ein Roboter oder ein Mensch? Das Tempo sei hoch, sagt Worldline-Manager Markus Frei. «In den USA gibt es bereits Pilotanwendungen, in Europa werden diese im Verlauf von 2026 kommen.» Die ersten echten Anwendungen kämen wohl bei einfachen, konkreten Aufträgen wie: «Bestelle das neue iPhone, sobald dieses irgendwo unter einem definierten Maximalpreis angeboten wird.»
Auf der Seite der Kartenherausgeber ähnelt die Situation jener bei der Lancierung von Apple Pay. Firmen wie Viseca, Cornèrcard und UBS müssen entscheiden, ob sie ihre Karten freigeben wollen oder nicht. «Man muss nicht unbedingt als Erster dabei sein, es muss sich erst mal ein Bedürfnis abzeichnen», sagt Roland Zwyssig von der Kartenherausgeberin Viseca. «Aber wenn man zu lange zuwartet, schiesst man sich selber ins Knie.» Dann droht die Kundschaft zu anderen Karten abzuwandern.
Der Agent wählt die beste Karte
Die Agenten könnten zudem eine neuartige Rolle übernehmen, sagt Worldline-Manager Frei. «Denkbar ist, dass sie nicht nur die Zahlung starten, sondern auch gleich entscheiden, welche Karte zum Einsatz kommt.» Bei Auslandszahlungen jene mit besonders guten Wechselkursen, im Inland die mit den grossen Umsatzprämien. «Das könnte den Wettbewerb noch mal deutlich verschärfen.»
Und so dürften sich Grenzen verschieben. Die Branche blickte gespannt nach London, als die Onlinebank Revolut im Herbst den Kauf des KI-Reise-Start-ups Swifty verkündete. Ausserdem haben die Briten vergangene Woche eine Zusammenarbeit mit Google angekündigt, um Zahlungen direkt in KI-Anwendungen einzubetten. Bereits absehbar ist überdies, dass auf den Handel höhere Kosten für die Zahlungsabwicklung zukommen. So machen bereits Meldungen die Runde, wonach Open AI für die Vermittlung eine Gebühr von 4 Prozent verlangen wolle.
Ein kritischer Punkt dürfte die Betrugsbekämpfung sein. Einerseits seien komplett integrierte Zahlungen sicherer als solche, bei denen Konsumentinnen und Konsumenten Kartennummern von Hand auf Websites eingeben, sagt Viseca-Spezialist Zwyssig. Auf der anderen Seite kommt mit den Agenten viel mehr Tempo ins Spiel. «Ich könnte in kürzester Zeit einen riesigen Fraud-Case haben», sagt Worldline-Manager Frei. Da müssten alle Seiten aufrüsten.
Agentische KI, so ist aktuell zu vermuten, wird das Weihnachtsshopping 2026 noch nicht komplett auf den Kopf stellen. Aber wenn sich E-Commerce zum A-Commerce wandelt, wird sich das Einkaufen radikal ändern. Das Christkind und alle anderen Player sollten auf der Hut sein.