Darum gehts
Mit der Ölpreis-Explosion steigt die Wut der Autofahrer auf Tankstellenbetreiber. In Deutschland haben es aufgebrachte Bürgerinnen und Bürger bereits bis in die «Tagesschau» zur Hauptsendezeit geschafft. Regionalzeitungen berichten von aufkommendem Tanktourismus.
Ein Augenschein in den Grenzstädten Konstanz (D) und Kreuzlingen TG bestätigt: Gut 40 Rappen pro Liter Benzin oder rund 25 Rappen bei Diesel sparen Deutsche, wenn sie zum Tanken über die Grenze in die Schweiz fahren. Das macht 20 Franken oder 22 Euro pro Tankfüllung (50 Liter) Ersparnis, wie ein Preisvergleich am Freitagabend von Konstanzer Aral- und Agip-Tankstellen mit den Zapfsäulenpreisen von Socar, Tamoil und LGG im benachbarten Kreuzlingen zeigt.
Schweizer Spritpreise locken Deutsche an
Eine solche Ersparnis lockt seit Ausbruch des Iran-Kriegs deutlich mehr Grenzgänger nach Kreuzlingen, wie Tankstellenbetreiber bestätigen. «Zuletzt hat es einen regelrechten Run von Konstanzer Kundinnen und Kunden gegeben», sagt ein Spritverkäufer zu Blick. «Vor allem am Abend hat das Geschäft extrem angezogen.» Namentlich genannt werden will kein Betreiber. Was sie auch bestätigen: Die Kreuzlinger Tankstellen haben ihre Preise zuletzt ebenfalls leicht angehoben.
Socar mit Migrolino-Shop ist die nächstgelegene Tankstelle am grossen Autobahn-Grenzübergang Kreuzlingen–Konstanz. Dort geben sich am Freitagabend Konstanzer Automobilisten die Tankschläuche in die Hand, Schweizer Kunden sind massiv in der Unterzahl. Warum sie den Weg auf sich nehmen und in der Schweiz tanken? Keiner will zur Frage von Blick Stellung nehmen.
«Es ist eigentlich immer billiger, auch wenn manchmal nur ein bisschen», zitiert die süddeutsche Regionalzeitung «Südkurier» eine Konstanzerin. Sie fährt gemäss eigenen Angaben regelmässig in die Schweiz zum Tanken. Für sie steht fest: Wenn man die Möglichkeit hat, lohnt sich der kurze Weg über die Grenze.
Dass eine Preisexplosion wie im Nachbarland bei uns bislang ausblieb, hat einen einfachen Grund: Es liegt an den noch vorhandenen Lagermengen an Treibstoff, die vor dem Ausbruch des Iran-Kriegs zu tieferen Preisen eingekauft wurden.
Hälfte des Zapfsäulenpreises geht an Staat
Was die Wut der deutschen Autofahrer auf die eigenen Spritpreise zusätzlich antreibt: Knapp die Hälfte des Zapfsäulen-Preises landet in den Kassen der Bundesrepublik. Und wie viel sind es in der Schweiz?
In einem Rechenbeispiel des Schweizer Importverbands Avenergy entfallen bei einem Gesamtpreis von rund 1.70 Franken pro Liter Benzin Bleifrei gut 1.40 auf Einkauf, Fracht und Abgaben. Etwa 30 Rappen bleiben für Vertrieb und schliesslich die Gewinnmarge der Tankstellenbetreiber übrig. Den grössten Anteil am Literpreis machen hierzulande ebenfalls die staatlichen Abgaben aus. Diese bestimmen rund die Hälfte des Endpreises an der Zapfsäule.
Was ziemlich sicher ist: Nicht nur in Deutschland, auch in der Schweiz werden in den kommenden Tagen die Benzin- und Dieselpreise weiter anziehen. Kostete das Fass Rohöl Montag vor einer Woche noch umgerechnet 60.50 Franken, sind es gegenwärtig bereits rund 74 Franken. Dieser Preisanstieg verteuert den künftigen Einkauf für Raffinerien und Mineralölunternehmen – und am Schluss die Tankkunden.