Darum gehts
- Die Dorfmetzgerei Baumann in Wilchingen SH schliesst nach 100 Jahren
- Kein Nachfolger, letzter Tag am 27. Juni
- Schweizer Metzgereien kämpfen mit Einkaufstourismus und steigenden Betriebskosten
Ein weiterer Schweizer Traditionsbetrieb ist am Ende: Die Dorfmetzgerei Baumann in Wilchingen SH schliesst nach 100 Jahren. Der Familienbetrieb öffnet am Samstag zum letzten Mal, wie die «Schaffhauser Nachrichten» berichten. Von 10 bis 14 Uhr gibt es zum Abschied Würste auf dem Grill – zum Preis wie vor eben 100 Jahren.
Für das Dorf ist es ein bedeutender Verlust. Und für die Familie Baumann geht mit grosser Wehmut ein Kapitel zu Ende. Der «Buume» ist in der Region beliebt. Drei Generationen haben hinter der Theke schon gechrampft, um die Kundinnen und Kunden mit Schinkenwurst, Schwartenmagen und «Schübling», wie es im Schaffhausischen heisst, zu versorgen. Jetzt kaufen die Stammgäste ihre Lieblingswurst auf Vorrat ein, bevor sie nicht mehr zu haben ist.
In der Metzgerei hilft die ganze Familie mit. Das war laut dem Bericht schon immer so. Nun sind aber die jüngsten Familienmitglieder, Ernst Baumann und seine Frau Maria Baumann, beide 65 Jahre alt. Und damit im Pensionsalter. Für sie ist die Zeit gekommen, sich in die wohlverdiente Rente zu verabschieden. Eine Nachfolge haben die Baumanns nicht gefunden.
Babyboomer gehen langsam in Pension
In der Schweiz kommt es immer wieder vor, dass traditionsreiche Metzgereien wegen fehlender Nachfolge schliessen – in den letzten Jahren in zunehmendem Mass. Dafür sieht Philipp Sax, stellvertretender Geschäftsführer ad interim des Schweizer Fleisch-Fachverbands, mehrere Gründe. Zum einen ist gerade ein Generationenwechsel im Gange: «Jetzt ist der Punkt gekommen, an dem wir viele Babyboomer haben, bei denen die Zeit der Übergabe da ist.» Die Nachfolge müsse früh genug angegangen werden. Nur: Das ist nicht immer der Fall. «Wenn man einen Betrieb ohne vorgängige Nachfolgeplanung zum Kauf oder zur Übernahme anbietet, dann ist es relativ schwierig, jemanden zu finden», sagt der Branchenkenner zu Blick.
Heutzutage haben es kleine Metzgereien schwer – insbesondere wenn der Betrieb so nahe an der deutschen Grenze liegt wie jener der Familie Baumann. «Der Einkaufstourismus ist ein Problem, das unsere Branche stark beschäftigt», sagt Sax. In Deutschland können Metzgereien ihr Angebot viel billiger anbieten. «Es ist eine Herausforderung, wenn die Preise massiv tiefer sind oder als tiefer wahrgenommen werden», so der Branchenkenner.
Dass man in der Schweiz höhere Preise verlangen muss, liegt auf der Hand. Das Lohnniveau ist hierzulande höher, die Produktionsbedingungen und die Tierschutzgesetze strenger als bei unserem nördlichen Nachbarn. «Die Energiekosten und die Preise fürs Verpackungsmaterial tun aktuell am meisten weh», so Sax.
In der Branche gibt es aber auch immer wieder positive Fälle, wie Sax betont. «Wir sehen immer wieder schöne Beispiele, wo Betriebe sich neu positionieren oder weiterentwickeln.» So konnte etwa die Metzgerei Ehrbar in Mörschwil SG, die vor dem Aus stand, doch noch gerettet werden. Die Metzgerei Sturzenegger aus Schwellbrunn AR betreibt den Betrieb nun weiter als eigene Filiale.