Hiobsbotschaften im Wochentakt
Doch Experten haben plötzlich Hoffnung für den Arbeitsmarkt

Die Schlagzeilen über Massenentlassungen reissen nicht ab. Trotzdem gibt es Hoffnung auf dem Schweizer Arbeitsmarkt. Experten sind sich einig: Schon bald könnte die Arbeitslosigkeit wieder sinken.
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Bei Zimmer Biomet sind fast 500 Stellen auf der Streichliste.
Foto: PD

Darum gehts

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Sven Schumann
Sven SchumannRedaktor Wirtschaft

Eine Hiobsbotschaft jagt die nächste: Die St. Galler Traditionsfirma Liosaplast stellt den Betrieb ein. 32 Mitarbeitende verlieren ihren Arbeitsplatz. Sunrise baut am Hauptsitz in Opfikon ZH bis zu 450 Arbeitsplätze ab. Der US-Medizintechnikkonzern Zimmer Biomet streicht 490 Jobs am Standort in Winterthur. Die UBS steckt in der grössten Job-Abbauwelle in ihrer Geschichte. Und selbst beim Staatsbetrieb Post fallen 110 Stellen in der Verwaltung dem Spardruck zum Opfer.

Viele Betroffene machen sich Sorgen, auf dem Arbeitsmarkt schnell wieder eine passende Stelle zu finden. Diese Sorgen kann Jan-Egbert Sturm (57) nachvollziehen. «Sich allein auf die Entlassungen zu fokussieren, greift aber zu kurz», so der Direktor der Konjunkturforschungsstelle KOF zu Blick. «Es gibt momentan zwar viele Entlassungen, aber es werden gleichzeitig auch viele Stellen geschaffen.» Wie steht es also um den Schweizer Arbeitsmarkt tatsächlich?

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Bemerkenswert widerstandsfähig

Laut Sturm ist die Stimmung bei den Unternehmen derzeit gar nicht so übel, wie man wegen der geopolitischen Herausforderungen erwarten könnte. Die Schweizer Wirtschaft entwickelte sich 2026 bisher besser als erwartet. Die Warenexporte und der private Konsum als Konjunkturstütze legten zuletzt kräftig zu. «Das sieht man auch an den aktuellen Arbeitsmarktzahlen», so der Konjunkturexperte.

Saisonbereinigt beträgt die vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) vermeldete Arbeitslosenquote in der Schweiz 3,1 Prozent im September. Die ILO-Erwerbslosenquote, die sich besser für internationale Vergleiche eignet und auch Stellensuchende umfasst, die nicht bei den regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) gemeldet sind, fällt mit 4,9 Prozent darum höher aus. Mit 5,9 Prozent liegt die Erwerbslosenquote in der EU wiederum deutlich höher als in der Schweiz. «Insgesamt erweist sich der Schweizer Arbeitsmarkt als bemerkenswert widerstandsfähig», fasst KOF-Direktor Sturm zusammen. Immun gegen internationale Entwicklungen sei der hiesige Markt natürlich nicht.

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KI-Effekt ist spürbar

Zur Wahrheit gehört auch: Zwischen den einzelnen Branchen gibt es grosse Unterschiede. Während in handwerklichen und technischen Berufen die Zahl der ausgeschriebenen Stellen weiterhin steigt, sinkt der Bedarf nach Arbeitskräften in Callcentern, der Backoffice-Sachbearbeitung oder bei Übersetzungsdienstleistungen. Auch Angestellte in IT, Marketing oder Controlling fürchten vielerorts um ihre Jobs, wie das Beispiel von Sunrise zeigt. Der Telekomanbieter plant, stärker auf KI und Automatisierung zu setzen und baut darum Jobs ab.

Das KOF rechnet mit 10'000 bis 20'000 Arbeitslosen, die derzeit wegen KI keine Stelle haben. Insgesamt waren laut Seco-Zahlen im September 140'000 Personen als arbeitslos gemeldet.

Auch in der Bankenwelt stehen viele Angestellte vor unsicheren Zeiten. In den vergangenen zwölf Monaten stieg die Arbeitslosigkeit in der Branche von 3,1 Prozent auf 3,7 Prozent. Ins Gewicht fällt hier der Abbau von Doppelspurigkeiten bei der UBS im Zuge der Integration der Credit Suisse.

Sinkt die Arbeitslosigkeit jetzt?

Während einzelne Branchen vor Herausforderungen stehen, ist der Blick auf den gesamten Arbeitsmarkt positiv geprägt. Die seit 2023 stetig steigende Arbeitslosigkeit dürfte nun ein Plateau erreicht haben – und könnte schon bald wieder sinken, sind sich befragte Experten einig. Für das kommende Jahr rechnet das Seco bereits mit einem leichten Rückgang.

Auch Raphael Schmid (43) ist zuversichtlich. Als Geschäftsführer der Interiman-Gruppe, einem der grössten Personaldienstleistungsunternehmen der Schweiz, ist er besonders nah am Puls des Arbeitsmarktes. «Die Firmen rekrutieren heute wieder mehr als in den letzten Jahren.» Auch wenn sie dabei, trotz guter Geschäftsaussichten, noch selektiver und vorsichtiger vorgehen als früher, so der Experte weiter.

Hinweise auf eine Entspannung am Arbeitsmarkt liefert auch die Zahl der Kurzarbeitsanträge, die rückläufig ist. Meist mit einigen Monaten Verzögerung zeigt sich das auch in einer sinkenden Arbeitslosenquote. «Ebenfalls gut entwickelt sich der Markt für Temporär-Jobs», weiss Schmid. Auch hier seien die Zahlen nach drei schlechten Jahren wieder positiv. «Das ist ein klarer Indikator dafür, dass es langsam wieder aufwärts geht.» Verbessere sich die Geschäftslage, würden Unternehmen neue Arbeitskräfte zuerst temporär einstellen. Bleibt die positive Entwicklung bestehen, setzen sie später auf Festanstellungen.

Ein solcher Stellenaufbau findet laut Schmid aber leise und kontinuierlich statt – ohne Schlagzeilen und Medienecho. Ganz im Gegensatz zu den grossen Abbaurunden.

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