Darum gehts
- Sunrise will nach 147 Entlassungen bis zu 450 Jobs abbauen
- Mitarbeiter in Opfikon bangen wegen KI um ihre Jobs
- Erster Vorbote für KI-Kündigungswelle in der Schweiz?
Der Schweizer Telekomanbieter Sunrise steht vor einer weiteren Welle von Entlassungen. Nach bereits 147 gestrichenen Stellen im Februar könnten nun weitere 450 Vollzeitjobs wegfallen. Während das Personal in den Shops, im Callcenter und im Kundendienst verschont bleibt, herrscht am Hauptsitz in Opfikon ZH grosse Unruhe: Die rund 1750 Beschäftigten in Bereichen wie IT, Marketing und Controlling befürchten, dass bis zu ein Viertel ihrer Arbeitsplätze gestrichen werden könnte, wie die «Sonntags-Zeitung» schreibt.
Das Unternehmen begründet die Massnahme mit einer Neuausrichtung des Betriebsmodells sowie dem verstärkten Einsatz von künstlicher Intelligenz und datengestützter Automatisierung. Wie KI zur Kostenreduktion genutzt wird, zeigt sich bereits bei der hauseigenen Billigmarke Yallo: Deren Marketingkampagne wurde zuletzt vollständig von KI konzipiert und umgesetzt. Die andere Billigmarke, CH-Mobile, braucht kaum Angestellte. Der Kundenservice ist weitgehend automatisiert.
Billigmarken setzen voll auf KI
Durch den Einsatz von KI kann Sunrise mit ihren Billigmarken extrem günstige Angebote machen: etwa eine Schweiz-Flatrate für monatlich 10 Franken.
Unter den Mitarbeitenden sorgt der angekündigte Sparkurs für Frust und Angst. Viele vermissen eine klare KI-Strategie und vermuten hinter dem harten Vorgehen finanzielle Anreize für CEO André Krause (56). Dessen Multi-Millionen-Bonus ist an den Börsenkurs und an Gewinnziele der Firma gekoppelt. Ein Vorwurf, den Sunrise zurückweist.
Sunrise setzt auf neue Technologien
Sunrise erklärt, man wolle fit für die Herausforderungen der Zukunft sein und sich frühzeitig auf neue Trends und Technologien einstellen. Künstliche Intelligenz und Automatisierung seien Hilfsmittel, um die gesteckten Ziele zu erreichen.
Zumindest ein Teil der Stellen dürfte der künstlichen Intelligenz zum Opfer fallen. Wie viele es genau sind, bleibt ungewiss. Denn die meisten Firmen in der Schweiz sagen nicht, wie stark sich der Einsatz von KI auf die Jobs auswirkt. Nur wenige Firmen haben bisher Entlassungen mit KI begründet, darunter Doc Morris und Lastminute.
Eine Rationalisierung ist programmiert
Erste Studien lassen allerdings keinen Zweifel daran, dass die KI-Revolution einen Einfluss auf den Schweizer Stellenmarkt haben wird. Eine repräsentative Analyse der Denkfabrik Einstain im Auftrag der Organisation Angestellte Schweiz kam kürzlich zum Schluss, dass KI den Schweizer Arbeitsmarkt transformieren wird. Demnach sollen 850'000 Arbeitsplätze stark von KI betroffen sein.
Dazu gehören vor allem Bürojobs. Neben Administration und Verwaltung wird es die Versicherungs- und Bankenbranche besonders hart treffen. Nicht alle dieser Jobs werden wegen KI gestrichen, doch viele dürften stark unter Druck kommen. Es ist klar, dass KI zu einer gewissen Rationalisierung führen wird.
Eine Umfrage der Beratungsgesellschaft EY unter Schweizer Unternehmen bestätigt das: Darin haben 7 Prozent der Schweizer Unternehmen angegeben, bereits Stellen aufgrund von KI gestrichen zu haben. Und 11 Prozent der Firmen besetzen offene Stellen wegen KI nicht mehr.
Schleichender Jobabbau
Kommt es nicht zu einer schlagartigen Kündigungswelle, so wird der Jobabbau schleichend kommen: durch Einstellungsstopps oder Einsparungen bei Berufseinsteigern. Auswertungen der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich sowie der Universität Stanford zeigen: Die Gesamtarbeitslosigkeit in der Schweiz bleibt mit 3,0 Prozent tief – aber Einstiegsstellen gingen in exponierten Bereichen um bis zu 32 Prozent zurück.
Besonders betroffen sind Junioren-Positionen im Marketing, in der Administration, im Finanzwesen und in der IT. Aufgaben wie Recherche, Erstanalysen oder einfache Programmierung, die früher Berufseinsteiger übernahmen, werden vermehrt von KI erledigt.