Darum gehts
- IOC entscheidet in Lausanne über Parallel-Riesenslalom bei Olympia 2026
- Schweizer Stars wie Galmarini und Kummer betonen Bedeutung für Nachwuchs
- Parallel-Riesenslalom brachte Schweiz mehrfach Olympiamedaillen
Während sich die Snowboarder gerade auf den nächsten Winter vorbereiten, steht in Lausanne ihre olympische Zukunft auf dem Spiel. Ausgerechnet in der trainingsintensiven Off-Season entscheidet das Internationale Olympische Komitee (IOC) über eine Disziplin, die der Schweiz Gold, Medaillen und grosse Momente gebracht hat.
Am Mittwoch fällt in Lausanne der Entscheid: Bleibt der Parallel-Riesenslalom (PGS) im Snowboard olympisch – oder fliegt er aus dem Programm? Es geht um eine Disziplin, in der die Schweiz prägende Figuren hervorgebracht hat: Darunter Patrizia Kummer (Gold in Sotschi 2014) und Nevin Galmarini (Gold in Pyeongchang 2018 und Silber in Sotschi 2014).
Zwei, die wissen, wie sehr Olympia Karrieren verändern kann. Gegenüber Blick äussern sich die beiden nun.
«Es geht mir ans Herz»
Nevin Galmarini (39) hat die Diskussion im Verlauf des letzten Winters mitbekommen. Ein Schock sei es nicht gewesen, eher ein schleichendes Gefühl der Unsicherheit. Der St. Galler betont seine Nähe zur Szene: Er kommentiert fürs SRF jegliche Rennen, begleitet einen jungen Athleten als Sporthilfe-Götti, ist im OK des Weltcups aktiv. Entsprechend persönlich trifft ihn die Debatte.
Galmarini richtet den Blick aber vor allem auf den Nachwuchs. Ein mögliches Olympia-Aus würde vor allem jene treffen, die gerade erst beginnen oder mitten im Aufbau ihrer Karriere stehen. «Für die jungen Athletinnen und Athleten würde es mir am meisten wehtun. Für die, die viel investiert haben oder bereit wären, noch viel zu investieren. Das geht mir ans Herz.»
Ob dann überhaupt noch junge Talente einsteigen würden? Da muss Galmarini lachen. «Ganz ehrlich? Ich denke schon. Es ist einfach ein megatoller Sport. Aber ob es noch gleich viele wären, das weiss ich nicht.» Und genau das wäre der Verlust.
Spekulation um neue Sportarten
Gleichzeitig zeigt er Verständnis für die Logik des IOC, das sich weiterentwickeln und neue Zielgruppen erreichen will. «Ich hoffe natürlich trotzdem, dass die Disziplin bleiben darf. Wir sind ja auch offen, daraus Schlüsse zu ziehen, um es attraktiver zu gestalten.» Schliesslich habe sich der Parallel-Riesenslalom immer wieder angepasst. Vor 2018 wurden zwei Läufe gemacht, nun ist es nur noch ein Head-to-Head-Duell. «Es wäre schön, wenn wir uns weiterentwickeln dürften und es nicht einfach eliminiert wird.» Mögliche neue Disziplinen könnten Freeride, Rail Jam und Eisklettern sein. «Finde ich halt auch megacool, muss ich zugeben!», sagt der Sportfan.
Und doch bleibt für ihn klar: Wäre der Parallel-Riesenslalom nie olympisch gewesen, hätte seine Karriere eine andere Dimension gehabt. «Der Stellenwert in der Öffentlichkeit ist wie Tag und Nacht, das muss ich auch nicht kleinreden. Ich bin megadankbar, dass ich an diesen Tagen abliefern konnte und diese Medaillen gewinnen durfte.» Und Galmarini erwähnt Namen wie Ueli Kestenholz oder Gian Simmen: Sie hätten gezeigt, was Olympia auslösen könne – dauerhafte Sichtbarkeit und Legendenstatus.
«Ich finde es megaschade»
Ein wenig anders klingt es bei Patrizia Kummer (38). Sie hat schon früh gelernt, dass ihre Sportart immer wieder zur Diskussion steht. «Seit ich jung bin, wurde mir immer wieder gesagt: Du bist in einer aussterbenden Sportart.»
Trotzdem habe sie nicht damit gerechnet, dass es tatsächlich so weit kommen könnte – gerade weil der Sport in den letzten Jahren so erfolgreich, international und zuschauerfreundlich gewesen sei.
Der Parallel-Riesenslalom sei ein klassisches Head-to-Head-Duell: kurz, direkt, verständlich, oft entschieden in Hundertstelsekunden. Für sie erfüllt er genau das, was das IOC eigentlich suche: kompakt, gendergerecht, global breit abgestützt und für Zuschauer gut nachvollziehbar.
«Ich mache keine Unterschiede»
Ein Olympia-Aus würde sie persönlich zwar bedauern, aber die sportliche Bewertung relativiert sie. «Für mich waren meine Weltcupsiege und Gesamtweltcupsiege ebenso wertvoll wie meine olympische Medaille. Ich mache da nicht gerne Unterschiede.»
Sie mache zwischen einzelnen Erfolgen keine grosse Hierarchie. Der Sport habe ihr vieles gegeben – Olympia sei ein Teil davon, aber nicht der einzige Massstab. Deswegen ist sie sich sicher, dass der Sport auch ohne Olympia viele neue Talente hervorbringen würde.
Gleichzeitig ist für sie klar: «Der Parallel-Riesenslalom ist die älteste Snowboard-Disziplin, der Ursprung des Sports. Ich finde, dem muss man auch Rechnung tragen. Es wäre sehr schade, ihn aus dem olympischen Programm zu streichen.»
Zwischen Weiterentwicklung und Existenzfrage
So stehen sich zwei Perspektiven gegenüber: Galmarini, der die Wichtigkeit für den Nachwuchs betont – und Kummer, die den Sport stärker aus der Tradition und der Vielseitigkeit heraus bewertet.
Einigkeit herrscht dafür in einem Punkt: Der Parallel-Riesenslalom ist kein Nischensport ohne Relevanz, sondern eine Disziplin mit Geschichte, Breite und internationaler Basis.
Ob das reicht, entscheidet das IOC in Lausanne.