Darum gehts
- Abfahrt in Crans-Montana wegen schlechter Sicht abgebrochen
- Lindsey Vonn stürzt schwer, wird ins Spital geflogen, Olympia-Einsatz gefährdet
- FIS-Renndirektor: Sicherheit der Athletinnen wichtiger als Hochrisiko bei Rennen
Um 10.50 Uhr zieht die FIS-Jury die Reissleine. Die Abfahrt in Crans-Montana VS wird abgebrochen. Zu starker Schneefall, zu schlechte Sicht. «Ich bin froh, auf beiden Beinen im Ziel zu stehen», sagt Romane Miradoli (31, Fr) nach ihrer Fahrt. Der ehemalige OK-Präsident Marius Robyr ergänzt: «Wir dürfen das Leben der Athletinnen nicht aufs Spiel setzen.»
Dabei sah es zunächst gut aus. Bei der Inspektion um 9.15 Uhr stimmt alles. Kein Nebel, nur leichter Schneefall. «Wir waren begeistert», sagt Swiss-Ski-Chef Hans Flatscher. «Die Piste war sehr gut präpariert.»
Um 10 Uhr fällt der Startschuss. Startnummer 1, Nina Ortlieb (29 Ö), stürzt nach 20 Sekunden im Fuchsloch. Der heikelste Streckenteil: Sprung, dann sofort eine enge Rechtskurve. Ortlieb verpasst die Linie und landet im Netz. «Die Piste war unruhig. Auf so einer Strecke sind Fehler verboten.» Sie bleibt unverletzt.
Corinne Suters Urteil: «Piste gut, aber extrem unruhig»
Nach 13 Minuten geht es weiter. Miradoli kommt durch. Die Startnummer 3, Marte Monsen (26, No), nicht. Im Zielhang gerät sie zu tief, verpasst ein Tor, kann nicht mehr bremsen. Sie schlägt ins Netz, wird zurück auf die Piste geschleudert, verliert den Helm, blutet. Der Rettungsschlitten bringt sie weg.
Corinne Suter (31) startet als Fünfte. Sie fährt stark, nimmt unten Tempo raus und erreicht das Ziel sicher. «Die Piste war extrem unruhig, aber gut. Bei mir war es hell.»
Direkt nach Suter folgt Speed-Königin Lindsey Vonn (41, USA). Sie stürzt an der gleichen Stelle wie Ortlieb. Auch sie landet im Netz. Vonn fährt ins Ziel, weint, hat aber Schmerzen im linken Knie. Sie verschwindet im Ziel-Zelt, wird von der Physiotherapeutin betreut – später wird sie vom Rettungshelikopter ins Spital geflogen. Die Olympischen Spiele in Cortina (It), ihr letztes grosses Ziel, sind in Gefahr.
«Athletinnen waren wegen des Abbruchs sauer»
Das Rennen wird schliesslich abgebrochen. FIS-Renndirektor Peter Gerdol: «Alle gestürzten Athletinnen machten wegen der schlechten Sicht Fehler. Und der Meteorologe meinte, dass das Wetter nicht besser würde. In der Jury waren alle der Meinung, dass wir stoppen sollten.»
Rainer Salzgeber (58) sieht das ganz anders. Als Blick um 11.30 Uhr mit dem Head-Rennchef spricht, sagt er: «Ich finde es ein Horror, dass man abbricht.» Tatsächlich ist die Sicht zu diesem Zeitpunkt sehr gut. «Ich habe mit vielen Athletinnen gesprochen, die jetzt ohne Rennen nach unten gefahren sind. Alle berichteten von super Verhältnissen und waren sauer wegen des Abbruchs.»
Es ist aber nicht nur das, was Salzgeber sauer aufstösst. Die Kurssetzung vor und im Fuchsloch, wo Ortlieb und Vonn stürzten, gibt ihm zu denken. «Sie war nicht wirklich gut. Lindsey war sehr schnell, sprang sehr weit. Dann kam direkt die Kompression, wo es sie erwischte. Da müsste man die Anfahrt etwas anpassen, damit die Fahrerinnen nicht so eng und direkt fahren können.»
Wurde der Neuschnee nicht genügend weggerutscht?
Der heftige Abflug Monsens gibt dem ehemaligen Riesenslalom-Spezialisten aus Österreich ebenfalls zu denken. Bereits im Abfahrtstraining verpassten viele Fahrerinnen an gleicher Stelle ein Tor. «Sie fuhr zu direkt, klar. Aber solche Sachen passieren», sagt er. Schlimm sei, dass sie keine Chance gehabt habe, den Sturz zu verhindern. «Da war zu viel Neuschnee neben der Ideallinie. Sie konnte keine Richtung mehr machen. Das war gefährlich.»
Was Salzgeber nicht versteht: «Wir durften gewisse Sektionen bei der Besichtigung gar nicht rutschen, mussten aussen rum. Dabei hätte es vielleicht geholfen, wenn ein paar Leute mehr den Schnee weggerutscht hätten. Diesen Teil hätte man freimachen müssen, da hätte die FIS eingreifen sollen.» Er ist enttäuscht. «Man redet immer von Sicherheit, vom Material. Aber die Unfälle heute hatten mit dem nichts zu tun.»
Trotzdem hätte man das Rennen weiterführen sollen, ist Salzgeber überzeugt. Einfach nach einer kurzen Pause. Dieser Meinung sind auch andere im Zielraum – die weiteren Starterinnen hätten sich auf die Schwierigkeiten eingestellt.
Die Jury entscheidet anders. Gerdol: «Wir wissen, dass es ein Hochrisiko-Sport ist. Aber wir müssen die Athletinnen nicht in eine Situation drängen, in der das Risiko zu hoch ist.»