Darum gehts
Als Wendy Holdener (32) am Dienstag um 11.09 Uhr am Kronplatz (It) zum SRF-Interview antritt, wirkt sie gezeichnet. Kein Wunder: 4,20 Sekunden Rückstand auf die Bestzeit – ohne groben Fehler. Eine Ohrfeige. «Im ersten Abschnitt hatte ich ein gutes Gefühl, die Schwünge waren auf Zug. Trotzdem habe ich dort schon sieben Zehntel verloren», sagt sie. Ratlosigkeit. «Danach war ich immer zu spät. Ich habe keinen Rhythmus gefunden.» Ernüchterung. Ihr Fazit: «Ich habe die Lösung nicht gefunden.»
Das nährt die Kritik. Einige meinen: Holdener soll sich auf den Slalom konzentrieren. Einer von ihnen ist Didier Bonvin, langjähriger Swiss-Ski-Trainer. Nach Holdeners 30. Platz beim Saisonauftakt in Sölden (Ö) sagte er bei «Ski Actu»: «Wenn ich Wendy einen Tipp geben dürfte: Riesenslalom weglassen, auf den Slalom fokussieren. Dort hat sie Medaillenchancen.»
Ganz von der Hand zu weisen ist das nicht. Und doch: Holdener fuhr in ihrer Karriere 17 Mal unter die Top 10 im Riesenslalom. Unter den aktiven Schweizerinnen war nur Lara Gut-Behrami (35) häufiger so gut. 2019 wurde Holdener in Courchevel (Fr) Dritte, im März beim Weltcupfinale in Sun Valley (USA) Siebte. Das Potenzial ist da – auch wenn sie in diesem Winter nicht besser als 15. war.
SRF-Plaschy rät Holdener: dranbleiben!
«Ich finde, dass Wendy weiterhin Riesenslalom fahren sollte – nicht zuletzt, weil sie nach wie vor innerhalb der Top 30 startet», sagt SRF-Experte Didier Plaschy. «Der Riesenslalom hilft ihr auf verschiedenen Ebenen. Wendy ist im Slalom eine Athletin, die gerne stark aufkantet und viel über die Taillierung fährt. Der Riesenslalom zwingt sie, diese Technik dosierter und kontrollierter einzusetzen.»
Trotz der höheren Tempi habe man im Riesenslalom mehr Zeit, um Bewegungsabläufe zu trainieren und zu perfektionieren, so der Walliser. «Und ganz ehrlich: Es ist die technisch anspruchsvollste, aber auch die schönste aller Disziplinen – und schöne Sachen mögen wir doch alle», sagt Plaschy mit einem Schmunzeln.
Eine zweite Disziplin tut Holdener gut. Das weiss sie. Der Riesenslalom schärft ihr Tempogefühl, bringt Abwechslung und erlaubt ihr, den Hang vor dem Slalom im Renntempo kennenzulernen. Das sind klare Vorteile. Eine Spezialisierung brächte zwar mehr Slalomtraining. Läuft es in dieser Psycho-Disziplin aber nicht, droht schnell eine mentale Blockade.
Holdener verschwieg ihre Krankheit
Zurück zum Kronplatz – und zu einem entscheidenden Detail, das Holdener nicht erwähnte: Sie war vor dem Start krank. Wie schon vor dem Slalom in Levi (Fi) , als sie im Training stürzte und das Knie spürte, schwieg sie auch diesmal. Warum?
Holdener sucht keine Ausreden. Das ehrt sie. Fakt ist aber: Gerade im Riesenslalom braucht sie volles Vertrauen, um ein gutes Resultat zu fahren. Ist sie nicht fit, geht der Schuss schnell nach hinten los.