Darum gehts
Als Rennfahrer hat sich Vitus Lüönd (41) zwischen 2009 und 2013 neunmal in den Weltcup-Punkterängen klassiert. Die ganz grossen Erfolge realisiert der Schwyzer erst jetzt als Trainer.
Als Chef der zweiten Schweizer Speedgruppe hat der 41-Jährige Franjo von Allmen und Alexis Monney zu Weltklasse-Athleten geformt. In diesem Winter hat er den Zürcher Oberländer Alessio Miggiano (5. in Gröden, 8. in Crans-Montana) an die erweiterte Weltspitze herangeführt.
Während der Wettkämpfe bekleidet Lüönd eine ganz besondere Position – die des Start-Trainers. Das ist deshalb ungewöhnlich, weil ein Ski-Trainer normalerweise auf einem Streckenabschnitt positioniert ist. Deshalb werden die meisten Athleten im Startgelände vom Team-Physio oder Kondi-Coach betreut.
Trainer-Kniff schlägt voll ein
Der Schweizer Herrenchef Tom Stauffer hat im Winter 2024 aber erkannt, dass es gewinnbringend ist, wenn ein richtiger Ski-Trainer am Start steht. Und deshalb hat er Lüönd diese Aufgabe erteilt. Dieser Schachzug hat voll eingeschlagen: Seit «Vitsch» diese Rolle interpretiert, hat in jeder Weltcup-und WM-Abfahrt mindestens ein Schweizer den Sprung auf das Podest geschafft.
«Mein Pluspunkt bei dieser Aufgabe ist, dass mit Ausnahme von Marco Odermatt und Justin Murisier jeder Schweizer Speedfahrer in meiner Trainingsgruppe war. Deshalb weiss ich ganz genau, wer wie reagiert.» Anders ausgedrückt: Lüönd weiss genau, welcher Fahrer vor dem Rennstart welche Informationen benötigt. «Ein Franjo von Allmen hat ganz andere Bedürfnisse als Marco Odermatt. Beide haben vor einem Wettkampf einen klaren Plan im Kopf. Aber während Franjo wissen will, wie hoch der Speed bei den Fahrern mit den vorderen Startnummern war und wie weit die Sprünge gehen, will Marco nur über Details Bescheid wissen.»
Der Horror in der Altjahreswoche
Die schlimmsten Erfahrungen hat Lüönd als Trainer ausgerechnet auf der Olympia-Piste in Bormio (Italien) gemacht. Und zwar bei den letzten Weltcuprennen auf der Stelvio in der Altjahreswoche 2024. «Nach der Besichtigung haben wir gesehen, dass es vor allem im letzten Streckendrittel eine problematische Stelle gibt. Meines Erachtens haben wir danach die richtige Strategie entwickelt. Dennoch ist im Training nach dem Franzosen Cyprien Sarrazin auch mein Schützling Joshua Mettler an genau dieser Stelle schwer gestürzt.»
Mettler riss sich dabei beide Kreuzbänder. Im folgenden Rennen flog dann auch Lars Rösti fürchterlich von der Piste. «Zum Glück ist er ohne eine gröbere Verletzung davongekommen», sagt Lüönd. Der «Stelvio-Horror» ging für die Schweizer am Tag darauf aber weiter, als Gino Caviezel durch den Crash im Super-G einen Totalschaden im rechten Knie erlitt.
Vorwürfe nach Caviezels Sturz
«Nach diesem Sturz habe ich mir grosse Vorwürfe gemacht», sagt Lüönd. Er habe vor dem Start über Funk die Mitteilung erhalten, dass es vor einem Tor auf der Anfahrt zum San-Pietro-Sprung eine tückische Welle gebe. «Selbstverständlich habe ich Gino darauf aufmerksam gemacht. Dennoch hat er genau an diesem Tor eingefädelt. Deshalb hatte ich das Gefühl, dass ich ihn noch eindringlicher vor dieser Passage hätte warnen sollen.»
Im Abschlusstraining auf der Olympia-Piste war es Franjo von Allmen, der seinen Trainern mit einem klassischen «Verschneider» einen Schock eingejagt hat. Zum Glück hat der Abfahrts-Welmeister einen Abflug verhindern können.
