Es ist Mittwoch um 17.51 Uhr, als Schwingerkönig Nöldi Forrer (47) mir eine Nachricht übermittelt, die fassungslos macht. «Ich habe soeben erfahren, dass der Strebel Stefan mit 49 Jahren gestorben ist. Ich bin geschockt, zumal er ja nicht viel älter war als ich.»
Der Ostschweizer Forrer trauert aufrichtig um einen Mann, mit dem er sich in den letzten Jahren ein paarmal heftig gefetzt hat. Ja, der Metzger-Betriebsleiter aus dem Freiamt und der Käsermeister aus dem Toggenburg hätten sich zeitweise am liebsten Gift gegeben.
Im Sägemehl sind sich der Rekordkranzer aus der Nordostschweiz und der dreifache Eidgenosse aus dem Aargau nur einmal begegnet. Am Eidgenössischen 2004 in Luzern hat Forrer dieses Duell in souveräner Manier für sich entschieden. In der Corona-Phase haben sich die beiden jedoch neben dem Ring einen packenden Schlagabtausch geliefert. Zumindest verbal.
Phasenweise waren die Vorwürfe happig
Nachdem Strebel zum Technischen Leiter des ESV ernannt wurde, hat er sich während der Pandemie für eine Trainingsöffnung der besten 120 Schwinger ausgesprochen. Obwohl Forrer damals immer noch zu den Top 100 der Sägemehlschweiz zählte, ist er dem neuen Schwinger-General öffentlich in die Parade gefahren. «Strebels Vorschlag ist Blödsinn, weil dadurch die Zweiklassengesellschaft in unserem Sport noch grösser wird. Das darf einfach nicht sein», polterte Nöldi im Blick.
Als Strebel von einem Journalisten mit dem königlichen Einwand konfrontiert wurde, bezeichnete er Forrer öffentlich als «Cervelat-Promi». Der König von 2001 reagierte ab diesem Zeitpunkt genervt, wenn er auf Strebel angesprochen wurde. «Ich mag seinen Namen nicht mehr nennen. Aber wenn ich von dem rede, der sich besonders gerne in den Medien präsentiert, egal ob auf dem Kamel sitzend oder beim Impfen, dann weiss in der Schwingerszene sowieso jeder, wen ich meine», gab Forrer in einem Interview in der «Südostschweiz» zu Protokoll.
Wie Bushido beim Jodlerchörli
Tatsächlich war Strebel kein typischer Eidgenosse. Als der Fussball- und Techno-Liebhaber das Amt des höchsten Schwingers übernahm, war das für einige Traditionalisten so, wie wenn Deutschlands Skandal-Rapper Bushido ein Jodlerchörli dirigieren würde. Während seine Vorgänger Demut und Bescheidenheit gepredigt haben, hat sich Strebel Schwedens Kicker-Grossmaul Zlatan Ibrahimovic zum Vorbild genommen. Und als «Zwilchhosen-Zlatan» hat er keine Rücksicht auf ein paar uralte, ungeschriebene Schwinger-Gesetze genommen.
So hat er die Regel, dass ein Schwingerkönig am ESAF mit einem Eidgenössischen Kranzschwinger anschwingt, gleich zweimal gebrochen. 2022 hat Strebel im ersten Gang den St. Galler Damian Ott mit Titelverteidiger Christian Stucki eingeteilt, obwohl dieser zu diesem Zeitpunkt noch nicht «Eidgenosse» war. Dasselbe hat auf den Emmentaler Michael Moser zugetroffen, als er beim jüngsten ESAF in Mollis GL mit dem regierenden König Joel Wicki antreten musste. «Damian Ott hat 2021 den eidgenössischen Anlass in Kilchberg gewonnen, Moser hat im Sommer 2025 zwei Teilverbandsfeste gewonnen. Deshalb hat es für mich keinen Grund gegeben, warum ich die beiden schwingerischen Nichteidgenossen nicht mit Königen einteilen sollte», erklärte Strebel später.
Bezeichnenderweise hat sich der 120-Kilo-Mann als Technischer Leiter des ESV auch für den Videobeweis an Kranzfesten stark gemacht. «Ich wollte zusammen mit Schwingerkönig Matthias Glarner das VAR-System testen. Aber als ich diesen Vorschlag erstmals gemacht habe, wurde ich von einem grossen Teil der Schwingerfamilie regelrecht verflucht.»
«Dafür bewundere ich Strebel»
Bei Nöldi Forrer hatte Strebel mit seinem damaligen Vorstoss aber wieder viele Punkte gut gemacht – auch er spricht sich seit Jahren dafür aus, dass die Kampfrichter in einer strittigen Situation auf die TV-Bilder zurückgreifen sollten. Deshalb hat sich Forrer bereits versöhnlich über Strebel geäussert, als dessen Amtszeit vor ein paar Monaten zu Ende gegangen ist. «Stefan hat als Technischer Leiter einige Dinge vorangetrieben, die unserem Sport gutgetan haben. Und ich bewundere ihn für die Tatsache, dass er seiner Linie trotz teilweise gigantischen Widerständen immer treu geblieben ist.»
Gut möglich, dass sich Forrer und Strebel im kommenden Sommer zusammen an einen Tisch gesetzt hätten. Als ich als Blick-Reporter im Winter zum letzten Mal mit Strebel telefonierte, sagte dieser: «Lass uns nach der Ski-Saison ein schönes Steak zusammen essen.»
Leider Gottes ist Stefan Strebel nun nicht mehr aufgewacht, als er in seinem Büro ein kurzes Mittagsschläfli machen wollte. Ruhe in Frieden.