Darum gehts
Joshua und Finlay Tarling. Zwei Brüder, eine Leidenschaft: der Radsport. Sie stammen aus Wales und würden wohl ab Sonntag an der WM ihre Klasse zeigen.
Würden. Denn Joshua (22) hat seinen Bruder Finlay verloren. Finlay starb vor einem Monat bei der Portugal-Rundfahrt. Er wurde nur 19 Jahre alt. Joshua verzichtet auf die WM in Montréal (Ka), die am Sonntag beginnt. Er ist ein exzellenter Zeitfahrer, braucht aber Zeit, um das Geschehene zu verarbeiten.
The Show goes on – die Show geht weiter. Auch nach einer Tragödie. Dennoch scheint der Rad-Weltverband UCI die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Anfang September betonte er nach einem Meeting in Aigle VD «die dringende Notwendigkeit, schnellstmöglich ein spezielles Sicherheitssystem einzuführen, das die Echtzeit-Ortung von Fahrern und Fahrzeugen bei allen Profi-Strassenrennen ermöglicht».
Heisst: Man strebt das GPS-Tracking an. Also das, was die Tour de Suisse im Juni 2025 bereits eingeführt hat. Die Rundfahrt reagierte damit auf den Tod von Muriel Furrer (18). Sie war neun Monate zuvor an der WM in Zürich nach einem Sturz 82 Minuten unentdeckt in einem Wald am Zürichberg gelegen und später im Spital gestorben.
Beharrt die UCI auf ihrem System?
Olivier Senn ist dafür. «Allerdings dauerte das alles viel zu lange», sagt der Tour-de-Suisse-Direktor. Die Technologie sei schon lange vorhanden, Strategien und Abläufe würden funktionieren. «Die grosse Frage von uns Veranstaltern ist, ob die UCI ihr eigenes System allen aufdrücken oder einfach den Rahmen setzen will.» Ist Letzteres der Fall, könnten alle den Anbieter selbst wählen.
Ein Velo-Tracker unter dem Sattel hätte den Unfall von Finlay Tarling nicht verhindert. Er prallte frontal in einen entgegenkommenden Renault Kangoo. Dessen Fahrer hatte an einer Seitenstrasse gewartet, bis das Peloton vorbeifuhr. Dann fragte er Zuschauer, ob alle Profis durchgefahren seien. Sie sagten: «Ja.» Ein fataler Fehler.
Es geht um Sicherheit – und um Politik und Geld
«Der grosse Knackpunkt sind die Daten», erklärt Senn. Man müsse klären, wem sie gehören – den Teams, dem Veranstalter oder Sponsoren. Denn die Daten dienen nicht nur der Sicherheit. Sie könnten auch verkauft werden. TV-Übertragungen könnten durch entsprechende Einblendungen attraktiver werden. Fans könnten live im Internet verfolgen, wo sich ihr Lieblingsfahrer befindet.
«Es geht wie immer um Politik. Nicht alle sind sich einig. Aber für mich darf das nie auf dem Buckel der Profis ausgetragen werden. Radsport ist gefährlich – da müssen wir alles tun, um die Athleten zu schützen», sagt Senn.
Die Tour de France hat bereits angekündigt, das GPS-Tracking ab 2027 einzuführen. Ob alle anderen World-Tour-Rennen dem UCI-Aufruf folgen, ist ungewiss. An der WM wird das System benutzt. Hier hat der Rad-Weltverband die Hoheit über die Daten. Alles ist weniger kompliziert. Und die Kurse sind komplett abgesperrt.
Heisst: Bei einem WM-Rennen wäre die Tarling-Tragödie kaum geschehen. Der Konjunktiv schmerzt.