Am Mont Ventoux, diesem weissen Riesen der Provence, endet vorerst Marlen Reussers Zeit in Gelb bei der Frankreich-Rundfahrt. Von der entfesselt hinaufstürmenden Katarzyna «Kasia» Niewiadoma-Phinney wird sie auf dem siebten Teilstück klar distanziert und als Leaderin abgelöst. Aus Reussers Vorsprung im Gesamtklassement von einer Minute und 17 Sekunden gegenüber Niewiadoma-Phinney wird ein Rückstand von 39 Sekunden. «Gelb ist weg. Ich bin sehr traurig und enttäuscht», so die Bernerin.
Niewiadoma-Phinney bildet bis neun Kilometer vor dem Ziel mit Reusser und der Holländerin Demi Vollering das Spitzentrio. Dann greift die Polin an und erreicht solo das Ziel auf 1910 Meter über Meer. Der Etappensieg und das Maillot Jaune sind der Lohn für diese Parforceleistung. Reusser: «Als Kasia loszog, fing bei Demi und mir das Gambling an: Attacke – Stopp, Attacke – Stopp. Und Kasia fuhr immer weiter weg. So sagte ich zu Demi: ‹Komm, hör auf, lass es uns einfach zufahren.› Da haben wir uns eine gute Portion Laktat besorgt. Wir haben uns einfach zu sehr blockiert.»
Reusser kann auf den letzten paar Hundert Metern auch mit Vollering nicht mehr mithalten und wird ganz zum Schluss auch noch von der Italienerin Elisa Longo Borghini überholt. So bleibt am Ende nach total 146,8 Kilometern der vierte Etappenrang für die 34-Jährige, die am Dienstag durch ihren Sieg im Zeitfahren Gelb übernahm und jetzt neu in der Gesamtwertung Dritte ist. Vollering bleibt Zweite – mit 15 Sekunden Rückstand hinter Niewiadoma-Phinney. Zwei Etappen haben Reusser und Vollering noch Zeit, um den Spiess umzudrehen.
Als 17. beendet Noemi Rüegg die Königinnenetappe (10:41 Minuten zurück). Die Zürcherin hält bis elf Kilometer vor dem Ziel das Tempo im klein gewordenen Feld der Favoritinnen hoch. Dabei schreibt sie auch ihre ganz persönliche Ventoux-Geschichte. Der Anstieg verlangt der 25-Jährigen alles ab, sodass sie bei den am Strassenrand stehenden fremden Betreuern um eine Trinkflasche bittet – und eine solche erst nach mehreren vergeblichen Versuchen erhält.