Darum gehts
Der Rahmen passt zu den geheimen Vorgängen, die an diesem Winternachmittag in Bern im Zusammenhang mit Ditaji Kambundji (23) geplant sind. Es wird abgetaucht in den Untergrund. Ort des Geschehens ist die Sprintbahn im Keller der Sporthalle Wankdorf. Ein paar junge Athletinnen räumen rechtzeitig das Feld, als zunächst Jaime Garcia Romo, der Athleten-Produktverantwortliche bei Kambundjis Ausrüster On, auftaucht. Im Schlepptau hat er einen ganzen Tross von Spezialisten, die gerade erst von einer Testreihe in Los Angeles heimgekehrt sind. Sie kommen mit Koffern und Taschen angerollt und bauen in Windeseile ein mobiles Schuh-Labor auf. Ein paar Messgeräte hier, ein Aufstelltischchen da, versehen mit einem Laptop, der die Bewegungen in Echtzeit ausspucken soll. Und natürlich jede Menge Schuhe, die für den Laien allesamt gleich aussehen – und es dennoch nicht sind.
Hürden-Weltmeisterin Kambundji kommt gemeinsam mit Coach Florian Clivaz als Letzte an, als alles schon angerichtet ist für diesen wichtigen Testtag. Es ist nach Belek (Tur) im Frühling 2025 der zweite und es geht darum, bei den neuen Sprintschuhen für die Spitzenathletin noch mehr ins Detail zu gehen. Wie sehr, wird sich in diesen Stunden im Berner Keller immer wieder zeigen. Die Anpassungen oder Experimente der On-Fachmänner sind mitunter derart minim, dass nicht einmal Kambundji sie wahrnimmt. Und die Innovationen so geheim, dass Blick beim Besuch des Testings keine allzu detaillierten Fotos der Schuhe machen darf, weil die Konkurrenz schliesslich mitschauen könnte.
«Nicht einfach, Schuh-Nuancen in Worte zu fassen»
Kambundji absolviert auf der Bahn im Untergeschoss mehrere 60-Meter-Sprints, mit je drei Variationen des 100-Meter-Spike-Modells und je drei von jenem über 200 und 400 Metern. Ihre einzige, aber knifflige Aufgabe: Sagen, wie sich die Schuhe mit der Bezeichnung LR2 anfühlen. Und ob sie ihr im Wettkampf Halt und Speed geben könnten.
Nach dem ersten Lauf trottet die Bernerin schmunzelnd zurück: «Ich mag diese mehr als jene in Belek. Sie sind weniger aggressiv.» Auf die Frage, was das heissen soll, erklärt sie schliesslich: «Ich spüre, dass sie weniger extrem sind. Auf eine gute, gesunde Art.» Kambundji lacht wieder: «Es ist wirklich nicht einfach, Schuh-Nuancen in Worte zu fassen. Vor allem dann, wenn da Leute sitzen, die die ganze Zeit über mit Schuhen zu tun haben.»
Garcia Romo behält die Übersicht, Seb Wronski ist der Sportwissenschaftler im Testing-Team, Aidan Bailey führt die Berufsbezeichnung «Footwear Developer Lightning» und ist damit einer der On-Entwickler im Schuhsegment. Und in ebendiesem ist wiederum Adrian König-Rannenberg fürs Design zuständig. Jeder einzelne hat einen ganz eigenen Blick auf Kambundjis Läufe und Erzählungen. Und obendrein ist Ex-Leichtathletin Silja Mühlebach als Athleten-Managerin, und damit Kambundjis Vertrauensperson bei On, ebenfalls vor Ort.
Zwischendurch fallen bei Kambundji auch Ausdrücke wie: «Dieser Schuh ist defensiver.» Oder, was zur Abwechslung mal einfacher klingt: «Dieser ist härter als der erste. Ich bevorzuge den neueren Schaumstoff.»
Warum Kambundji das ganze Prozedere überhaupt auf sich nimmt, obwohl sie mit ihrem bisherigen Modell ja mit dem Weltmeistertitel bereits das Maximum herausgeholt hat, hängt mit der riesigen Konkurrenzsituation in der Leichtathletik zusammen. Stillstand ist Rückschritt. Und das wollen sich weder Kambundji noch On leisten, zumal die Bernerin bei der WM in Tokio definitiv im Hürden-Olymp angekommen ist.
Aerodynamik oder lieber Pragmatismus?
Kraft und Explosivität der Athletin sind das eine, das Material aber kann den möglicherweise entscheidenden Rest ausmachen. Ein Beispiel: Eines der Testmodelle von Bern verfügt über eine Lasche, in der die Schnürsenkel hineingesteckt werden. Das habe durchaus einen «signifikanten aerodynamischen Effekt», sagt König-Rannenberg, weil man in Tests herausgefunden habe, dass dadurch «bis zu zwei Hundertstel» herausgeholt werden können: «Das kann in der Leichtathletik mitunter von grosser Bedeutung sein.» Kambundji ist sich ihrerseits nach dem Testlauf unsicher: «Ich hantiere vor den Rennen jeweils oft an meinen Schuhen herum. Ich weiss noch nicht, ob dies für mich eine praktische Lösung ist.» Ausschliessen würde sie es aber nicht, zumal die gelaufene Zeit im Zweifelsfall wichtiger ist.
In der abschliessenden Feedbackrunde muss Kambundji eine persönliche Rangliste der Schuhe inklusive Begründung liefern. Die Athletin kommt noch einmal ins Grübeln, sagt hinterher aber: «Ich bin wirklich zufrieden. Ich schätze diesen Austausch sehr. Und ich merke: Meine Meinung zählt.» Ihre Aussagen fliessen ein in das Endprodukt, das 2027 offiziell gelauncht wird. Im Wettkampf einsetzen kann sie den Prototypen aber schon 2026 – ausser bei der Hallen-WM und den World Ultimate Championships. Heisst umgekehrt auch: Sollte sie sich mit ihrer neuen Geheimwaffe an den Füssen pudelwohl fühlen, ist auch deren Einsatz beim grossen Saisonhighlight im August denkbar. Bei der EM in Birmingham.