Darum gehts
- Mujinga Kambundji kehrt nach der Babypause zurück auf die Sprintbahn
- Nur 14 Wochen nach der Geburt wieder im Training, Ziel: EM in Birmingham
- Schwierigkeiten durch Stillhormone, aber Familie und Trainer unterstützen sie
Sie kennt ihren Körper seit Jahren bis ins kleinste Detail. Jede Muskelpartie, jede Reaktion, jeden Schmerz. Doch jetzt ist für Mujinga Kambundji (33) vieles neu. «Ich kenne meinen Körper nur sportlich, während der Schwangerschaft musste er aber anderes leisten. Und nach der Geburt war er in einem Zustand, den ich gar nie hatte. Es ist krass, was da alles passiert», erzählt die Bernerin.
Gleichzeitig habe es sie erstaunt, wie schnell vieles auch zurückgekommen sei. Denn ganz aufgehört, zu trainieren, habe sie nie. Bis relativ kurz vor der Geburt trainierte Kambundji weiter, nach der Geburt legte sie nur gerade neun Wochen Pause ein.
Bereits vier Wochen nach der Geburt begann sie wieder mit leichten Kraftübungen, Anfang Jahr kehrte sie langsam in den Trainingsalltag zurück – zunächst vor allem auf dem Velo. «Es war fast wie eine Reha», sagt sie. Rund 14 Wochen nach der Geburt stand sie wieder auf der Bahn.
Der Druck im Training fehlte ihr
«Ich habe mich mega gefreut, wieder richtig einzusteigen», erzählt sie. Denn obwohl der Sport während der Schwangerschaft plötzlich ohne Druck stattfand, fehlte ihr genau dieser Leistungsmodus irgendwann wieder. «Es war schön, einfach Sport zu machen, ohne Zeiten und Erwartungen. Aber ich habe gemerkt, dass mir der Druck auch fehlt.» Ans Aufhören dachte sie nie. Im Gegenteil. «Ich brauche das. Ich mag es, an meinem Körper zu arbeiten.»
Und trotzdem: Ihr Körper fühlt sich noch nicht ganz wie früher an. Ein Grund dafür ist das Stillen. So offen spricht Kambundji selten über intime Themen. «Eigentlich würde ich gerne abstillen», sagt sie. Die Stillhormone würden ihren Körper weich machen, die gewohnte Definition und die «Stiffness» fehle noch. Muskeln, Sehnen und Bänder fühlten sich noch immer etwas anders an, weil sie noch stille.
Sie schildert es so, dass im aktuellen Zustand ihres Körpers die Energie einfach noch nicht so auf den Boden komme wie früher.
Eigentlich möchte Kambundji abstillen. Doch Baby Léon macht nicht mit. Mit einem Lachen sagt sie: «Der Kleine ist ein Gourmet!» Pulverschoppen? Findet er blöd. «Wir arbeiten daran», sagt sie schmunzelnd. Stress machen wolle sie sich deswegen aber auch nicht. «Irgendwann werde ich mit Stillen aufhören, und das ist hoffentlich bald.»
Freund und Trainer Florian muss bremsen
Dass sie Spitzensport und Mutterrolle überhaupt verbinden kann, verdankt sie vor allem ihrem Umfeld. Kambundji ist ein Familienmensch, aufgewachsen mit drei Schwestern. Heute kümmern sich ihre Eltern oder ihre Tante viel um Léon. «Wir haben ein sehr gutes Umfeld, das hilft», sagt sie dankbar.
Manchmal müsse sie sogar gebremst werden. Vor allem von ihrem Trainer Florian Clivaz – der gleichzeitig ihr Lebenspartner ist. Während Kambundji möglichst schnell wieder Vollgas geben möchte, mahnt er zur Vorsicht. Lieber langsam aufbauen, lieber nichts erzwingen. «Was auf dem Trainingsplan steht, ist das Optimum», sagt sie. «Wenn alles stimmt, machen wir genau das. Sonst halt eher weniger.»
Im Training ist plötzlich Ditaji die Schnellere
Besonders motivierend ist derzeit auch das Training mit Schwester Ditaji Kambundji (23). Früher war Mujinga die grosse Schwester, zu der Ditaji aufblickte. Heute hat sich das Verhältnis auf der Bahn verändert. Nun ist die amtierende Hürdenweltmeisterin diejenige, die vorneweg läuft. «Es fägt», sagt Mujinga lachend. «Ich hatte lange niemanden mehr vor mir.» Noch komme sie nicht ganz an «Didi» heran. «Aber ich bin nahe dran!»
Und die grosse Bühne wartet bereits auf Kambundji. Als amtierende Europameisterin über 200 Meter besitzt sie für die EM im August in Birmingham einen fixen Startplatz. Trotzdem bleibt sie vorsichtig. «Wenn ich teilnehme, möchte ich auch wirklich konkurrenzfähig sein. Aber ich bin da zuversichtlich.»
Anders sieht es über 100 Meter aus. Für den EM-Startplatz muss Kambundji höchstwahrscheinlich diesen Sommer unter die schnellsten Drei Schweizerinnen kommen. «Damit habe ich mich noch gar nicht wirklich beschäftigt», sagt sie.
Klar ist: Ab Juni will sie wieder Rennen bestreiten – zunächst kleinere Meetings in der Schweiz. Auch wegen Léon will sie von weiten Reisen vorerst noch absehen.