Darum gehts
- Ajla Del Ponte qualifiziert sich in St. Gallen für Hallen-WM in Torun
- Mit 7,15 Sekunden hat sie ihre drittschnellste 60-Meter-Zeit erzielt
- Leichtathletik-Szene litt mit Del Ponte während schwerer Zeit
Hätte man den Stein hören können, der Ajla Del Ponte (29) an der Hallen-Schweizermeisterschaft in St. Gallen vom Herzen gefallen ist, hätte es in der Ostschweiz ganz schön gedonnert. Die Tessinerin lief am Wochenende über 60 Meter mit 7,15 Sekunden ihre drittschnellste jemals gelaufene Zeit über diese Distanz – und schnappte sich hinter Léonie Pointet den zweiten Startplatz für die in zweieinhalb Wochen startende Hallen-WM in Torun (Pol). Dass die Tessinerin dabei bloss einen einzigen Hundertstel Vorsprung auf die Drittplatzierte Géraldine Di Tizio-Frey (28) hatte, passt zu ihrer dramatischen Geschichte der letzten Jahre.
Wäre es umgekehrt gewesen, hätte ihre beispiellose Durststrecke eine Fortsetzung gefunden, denn die Schweiz verfügt in Polen nur über zwei Startplätze pro Disziplin. So aber wurde es in St. Gallen zur grossen Erlösung für die Olympia-Fünfte von Tokio 2021, die in den letzten Jahren nicht nur mit Verletzungen zu kämpfen hatte, sondern deswegen auch in eine Depression rutschte. 2023 erhielt sie die Diagnose, lief in jenem und im Folgejahr kaum noch Rennen. Ihr letzter Grossanlass als Einzelathletin datiert vom Sommer 2022, als sie eine für ihre Verhältnisse unglückliche WM in Eugene (USA) lief.
«Andere hätten längst aufgehört»
Das alles hat nicht nur bei Del Ponte Spuren hinterlassen, sondern auch bei ihrem Umfeld. Ihr Coach, Laurent Meuwly (51), sagt nach der erfolgreichen WM-Quali seiner Athletin zu Blick: «Das war für mich ebenfalls sehr emotional. Ich bin so stolz auf Ajla, die in den letzten Jahren so viel Geduld und Resilienz bewiesen hat. Andere hätten an ihrer Stelle längst aufgehört.» Das Wort «stolz» nehmen auch Del Ponte selbst und der holländische Superstar Femke Bol (26) in den Mund. Letztere bekundet auf Social Media, wie viele andere internationale Top-Athletinnen, ihre Unterstützung für die zuletzt gebeutelte Schweizerin.
Meuwly, der Del Ponte in Holland trainiert, sagt ebenfalls: «Ich habe unglaublich viele Nachrichten von Coaches, Funktionären oder Freunden erhalten, die sich allesamt für Ajla freuten.» Überrascht habe ihn die schnelle Zeit seines Schützlings allerdings nicht: «Ich wusste, dass sie wieder auf gutem Weg war. Sie hat im Training Werte erreicht, die sie in den letzten fünf Jahren nie mehr hatte.»
Ihre Rückkehr auf die grosse Bühne als Einzelathletin sei «ein gutes Zeichen» – und gerade wegen Torun eine «schöne Geschichte». Warum? Weil sich für Del Ponte in Polen tatsächlich ein Kreis schliesst. 2021 hatte sie hier den Hallen-Europameistertitel gewonnen. Und auch wenn sich Meuwly bezüglich Erwartungshaltung diesmal eher vorsichtig zeigt und den Halbfinal als Zwischenziel deklariert, sagt er auch: «Vielleicht schafft sie ja trotzdem wieder etwas Unglaubliches.»