Darum gehts
- Schweiz erreicht WM-Viertelfinal erstmals seit 72 Jahren, Ziel erfüllt
- Murat Yakins Coaching überzeugt, Taktik flexibel und Analyse stets präzise
- Offensive schwächelt: Standards kaum gefährlich, Manzambi herausragender Spieler
Resultate: Note 6
Das Ziel von SFV-Präsident Peter Knäbel wurde bereits im November nach der Quali formuliert: die beste WM der Nati-Geschichte. Mit einem gröberen Remis-Ausrutscher gegen Katar ist die Schweiz in die WM gestartet, hat dann aber zwei Siege nachgelegt. Ungeschlagener Gruppensieger, Sechzehntelfinal und Achtelfinal überwunden. Erstmals seit 72 Jahren in einem WM-Viertelfinal gestanden. Ziel erreicht.
Personalentscheide: Note 5
Für Denis Zakaria hat Murat Yakin als Rechtsverteidiger endlich eine Lösung in der Nati-Startelf gefunden. Sorgte diese zuerst noch für Stirnrunzeln, ging der Plan mit dem Genfer spätestens in der K.o.-Phase endgültig auf. Auch für Johan Manzambi, der zu einem der ganz grossen Shootingstars des Turniers avancierte, musste im Laufe des Turniers zuerst die richtige Position gefunden werden – und dann war er plötzlich unersetzlich. Nicht bei jeder Entscheidung hatte Yakin allerdings ein Goldhändchen. Vor allem der eine oder andere Wechsel funktionierte nicht, so auch beim 1:1 zum Auftakt gegen Katar, als er die routinierten Remo Freuler und Ricardo Rodriguez in der 89. Minute vom Feld nahm. Zudem spielte es Yakin nicht in die Karten, dass mit Breel Embolo und Dan Ndoye zwei der wichtigsten Spieler aus der WM-Quali einen Teil oder das ganze Turnier in einem Formtief verbrachten. Ungeklärt bleibt, wieso Premier-League-Stammspieler Noah Okafor in den Plänen von Yakin keine Rolle spielte.
Entwicklung: Note 4
Yakin setzte an dieser WM hauptsächlich auf Erfahrung. Junge Spieler wie Alvyn Sanches wurden nicht berücksichtigt oder im Fall von Sascha Britschgi, Zachary Athekame, Alessandro Vogt oder Bruno Ogbus gar nicht erst getestet. Bei Ardon Jashari muss man aufpassen, dass er im Nati-Dress nicht zum ewigen Talent wird. Alles Aufgaben und Personalien, die Yakin nicht mehr hinausschieben darf, sondern jetzt anpacken muss. Klar ist derweil: Die Zukunft in der Offensive gehört Manzambi, der ab sofort nicht mehr wegzudenken ist.
Coaching: Note 6
Wenn die Spiele an der WM pausiert wurden, liefen Yakin und sein Coaching-Staff zur Hochform auf. Egal ob Trinkpausen oder vor allem Halbzeitpausen: Yakins Team war danach fast immer besser. Es wurden stets die richtigen Anweisungen und Worte gefunden. Auffällig war zudem, dass Yakin nicht mehr mit ganz verrückten Aufstellungen oder Taktiken überraschte wie an der EM 2024, allerdings aber immer wieder Wege fand, sich dem Spielstil und vor allem den Schwächen des Gegners anzupassen. Nicht ein Mal wurde der Cheftrainer vom Gegner überrascht, die Analysen vor dem Spiel scheinen immer goldrichtig gewesen zu sein.
Taktik: Note 5
Vor der WM deutete sehr viel auf eine Dreierkette hin. Sowohl in den März-Testspielen als auch im ersten Test vor der WM gegen Jordanien bevorzugte Yakin diese Formation, weil er damit auch einen Platz in der Startelf für Denis Zakaria gefunden hätte. Doch mit dem Start des Turniers setzte er wieder auf eine Viererkette – mit drei unterschiedlichen Rechtsverteidigern in den ersten drei Spielen. Der Versuch, Ardon Jashari im Achtelfinal als Zehner laufen zu lassen, ging gänzlich schief, wurde dann aber auch schnell korrigiert. Pluspunkte gibt es für die Defensive, die über das ganze Turnier fast allem standgehalten hat. Abzüge gibt es für die zu geringe Torgefährlichkeit, vor allem wenn Manzambi nicht auf dem Platz war. Der grösste Makel an dieser WM waren die offensiven Standardsituationen, mit denen es die Nati praktisch kaum schaffte, Torgefahr zu erzeugen.
Kommunikation: Note 5
Yakin wird immer nachgesagt, dass Kommunikation nicht die ganz grosse Stärke des 51-Jährigen ist. Auch zu Beginn des Turniers oder bei der Kaderpräsentation hat sich Yakin bei den Medienkonferenzen teils in Widersprüche verstrickt. Doch im Laufe des Turniers hatte der Nati-Trainer auch Glanzmomente. Etwa als er vor dem Algerien-Spiel mehrmals die Unbesiegt-Statistik gegenüber Vladimir Petkovic erwähnte, als er bei ausländischen Medienschaffenden regelmässig mit humorvollen Antworten punktete oder als er mit einem humorvollen Video vor dem Viertelfinal in den USA viral ging. Als Granit Xhaka in der Startphase des Turniers zudem sehr kritisch war, reagierte Murat Yakin gegen aussen als ruhiger Gegenpol, der Druck aus der Situation nahm.
Führungsstärke: Note 5
Über die Jahre sind die Führungsspieler und Yakin zu einer Einheit geworden. Der Cheftrainer bindet die Anführer in die Entscheidungen ein und soll auch während des Turniers viel mit den Spielern gesprochen haben. Sie bringen sich im Gegenzug ein und zahlen das mit sehr guten Leistungen zurück. Zudem hat Analyst Kevin Ehmes von Yakin immer mehr Kompetenzen und Einfluss erhalten, was sich auch an diesem Turnier sehr positiv auf Taktik und Gegnervorbereitung ausgewirkt hat. Früh hat Yakin zudem einen gesunden Mix zwischen Anspannung und Entspannung gefunden, hat die Spieler im Training gefordert, ihnen aber auch viel Zeit für Regeneration sowie mit Familie und Freunden zugestanden. Das hat sich ausbezahlt.
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