Wer hinter die Fassade von Granit Xhaka blicken möchte, muss sich das Video-Interview mit ihm auf «Stadium Astro» anschauen. Darin kämpft der 33-Jährige immer wieder mit den Tränen, während er emotional über seine Eltern und seine Kindheit spricht.
Das Bild, das Xhaka auf dem Fussballfeld abgibt, ist ein völlig anderes. Die Brust raus, den Kopf erhoben, die Hände gestikulierend. Ein gestandener Mann voller Selbstbewusstsein, Adrenalin und Testosteron. Hier bin ich. Stark wie Granit. Unzerstörbar.
Es sind dies zwei komplett verschiedene Facetten seiner Persönlichkeit. Facettenreich sind auch die Reaktionen der Fussballschweiz auf einen wie ihn. Für die einen ist er der grösste und charismatischste Schweizer Fussballer der Geschichte, für andere eine Reizfigur, an der man sich ob all der Doppeladler-Gesten, Coiffeur-Besuche und vollmundigen Sprüche genüsslich abarbeiten kann.
Das ist zumindest die Aussenwahrnehmung. Doch wer ihn wirklich kennt, hat noch einen weiteren, anderen Blick auf ihn. Abseits des Platzes, fernab von Kameras und Journalisten, gibt er sich entspannt. Humor, Respekt, Wertschätzung – all das sind Eigenschaften, die ihm wichtig sind und die er vorlebt.
Sein Vater sass im Gefängnis
Vieles davon hängt mit seiner Familiengeschichte und seiner Kindheit zusammen. «Wir vergessen nie, wo wir herkommen», sagt er mit Tränen in den Augen im erwähnten Video. 1990 wanderten seine geliebten Eltern Ragip und Eli in die Schweiz aus. Sein Vater war zuvor im damaligen Jugoslawien während dreieinhalb Jahren als politischer Gefangener zu Unrecht im Gefängnis gesessen. In einer 4 × 2 Meter kleinen Zelle, während 23 Stunden und 50 Minuten pro Tag. Nur zehn Minuten Hofgang gabs täglich, und in diesen wenigen Minuten durfte er wegen der geltenden Regeln nicht mal in Richtung Himmel schauen.
1992 erblickte Granit – ein Jahr nach seinem Bruder Taulant – in Basel das Licht der Welt. Schon früh lernte er, Verantwortung zu übernehmen, denn die Eltern waren beide zu 100 Prozent berufstätig. Granit: «Meine Mutter bereitete unser Mittagessen vor, verliess um 4 Uhr morgens das Haus und kam um 15 Uhr wieder zurück, um unser Abendessen vorzubereiten. Dann ging sie wieder arbeiten. Bei meinem Vater war es dasselbe. Mit vier hatte ich bereits einen eigenen Schlüssel zum Haus, denn mein Bruder und ich waren 18 Stunden am Tag alleine zu Hause.»
Aus dem Schlüsselkind wurde in jenen Jahren schnell einmal ein leidenschaftlicher Fussballer. Als Kind kickte er liebend gerne draussen mit seinem Bruder und mit Freunden, spielte Welt- und Europameisterschaften nach. Abends ging es daheim weiter. Als Ball dienten ineinander gestopfte Socken, als Tor die Tür ihres Kinderzimmers.
Egal, mit welchen Junioren-Trainern man über seine ersten fussballerischen Schritte spricht, sie erzählen alle das Gleiche. Bodenständig, bescheiden, sozial und gut erzogen sei er gewesen, aber auch willensstark und ehrgeizig. Er selbst sagt heute rückblickend: «Ich war während meiner gesamten Jugendzeit recht klein und schmächtig und hatte es stets schwer, mich durchzusetzen. Ich musste deshalb immer mehr und härter arbeiten als andere.»
Schon 2009 dachte er gross
Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Xhaka 2009 bekannt, als die Schweiz an der U17-WM in Nigeria überraschend den Titel gewann. Als «Blick» ihn im Vorfeld traf, äusserte er Sätze, die er auch heute noch gerne sagt: «Ich will Weltmeister werden» oder «ich packe Kleider bis zum Final». Das war schon damals kein Zeichen von Arroganz, sondern von Willenskraft. Wer das Vergnügen hatte, sich in jenen Tagen mit ihm in der nigerianischen Metropole Lagos zu unterhalten, dem fiel sofort auf, wie höflich und respektvoll er war. Wie er sich für sein Gegenüber interessierte und wie reflektiert er für einen Teenager war.
Ahnte er schon damals, was er in den folgenden Jahren alles erleben würde? Dass er eine Karriere als Weltklasse-Mittelfeld-Akteur für Basel, Gladbach, Arsenal, Leverkusen und Sunderland hinlegen würde? Dass er Captain und Rekordspieler unserer Nati werden würde? Dass er bei manchen Schweizerinnen und Schweizern einen schweren Stand haben würde, weil mit der Schweiz und dem Kosovo gleich zwei Herzen in seiner Brust schlagen?
Er selbst hat bis heute oft das Gefühl, dass er für das Nati-Shirt doppelt und dreifach Leistung erbringen muss, um landesweit Anerkennung zu bekommen. Ihm geht es dabei nicht um öffentliche Liebe, sondern um ehrliche Wertschätzung und Respekt. Er möchte, dass sein Lebenswerk auf Klubebene, aber vor allem in der Nati, wahrgenommen und entsprechend richtig gewürdigt wird. Denn Xhaka setzt sich für das Wohl unserer Nati ein. Stets zu 100 Prozent. Er agiert im Hintergrund, führt Gespräche, koordiniert, kommuniziert. Nicht weil er eine eigene Agenda führen will und es um seine Befindlichkeiten geht, sondern weil er nach dem Maximum strebt. Was er sich seit seinen Kindheitstagen selbst auferlegt hat, das will er auch vorleben und das erwartet er auch von seinen Mitspielern: totaler Fokus, totale Loyalität, totaler Einsatz.
Trotzdem bleibt er für manche Fans unserer Nationalmannschaft ein Provokateur, der sie triggert. Ein Secondo, der es nicht verdient haben soll, Captain unseres Teams zu sein. Eine Reizfigur, die man mal liebt und die man dann Sekunden später wegen irgendeiner Aktion plötzlich wieder nicht mehr so richtig mag.
Doch im Fussball-Business gibt es kaum jemanden, der schlecht über ihn spricht. Allein mit seinen fussballerischen Qualitäten ist das nicht zu erklären. Es ist deshalb wohl kein Zufall, dass er nahezu bei allen Klubs, für die er bislang gespielt hat, zum Captain gewählt worden war.
Sein Körper? Ein Wimmelbild
Im Privatleben ist von Xhakas Ehrgeiz und seiner Verbissenheit wenig zu sehen. Dort ist er in erster Linie ein liebevoller Familienmensch. Er schützt sein Privatleben so gut wie möglich, und kümmert sich mit seiner Frau Leonita rührend um die drei Töchter Neyana, Ayana, 6, und Laneya, 5.
Familie, Freunde, Heimat: Was ihm im Leben wichtig ist, hat er in Form von Tätowierungen auch auf seinem Körper verewigt. Er ist mittlerweile zu einem grossen Wimmelbild geworden. Darauf die Hände von ihm und seinem Bruder. Sein Spitzname «Pocho», wie ihn seine Mutter nennt. Den Namen seiner Lieblingscousine Agnesa. «Bob 92», weil sein bester Freund und er sich gegenseitig so nennen und sie beide 1992 geboren sind. Die Namen seiner Töchter, weil sie sein Ein und Alles sind.
Im Video über seine Kindheit sagt Xhaka: «Wenn du an etwas glaubst und hart arbeitest, dann kannst du es auch erreichen.» Ein Satz, den er mit jeder Faser seines Körpers vorlebt, und ein Satz, der auch zeigt: Granit Xhaka taugt als Vorbild für jede und jeden. Man muss nur bereit sein, sich auf ihn und seine unterschiedlichen Facetten einzulassen.
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