Als es eindunkelt, tanzen sie immer noch. Es ist schon mehr als eineinhalb Stunden her, seit die Thuner Meisterhelden den Brunnen auf dem Rathausplatz in Beschlag genommen haben. Und sie geben ihn nicht wieder her. Die Fans stehen im Kreis rundherum, alles ist Rot.
Auf diesen Moment haben die Thuner in den letzten Tagen und Wochen so sehnlichst gewartet. Nun hat es geklappt – im vierten Anlauf. Beim Public Viewing in der Stockhorn-Arena hat die Mannschaft zusammen mit ihren Angehörigen in der Lounge und rund 4'000 Fans im Stadion mit dem FC Sion mitgefiebert. Und die Walliser haben geliefert, auswärts den letzten Thun-Verfolger definitiv aus dem Rennen genommen.
Präsident Gerber von Emotionen überwältigt
Ekstase in der Thuner Arena etwas abseits der Stadt. Der Aufsteiger ist tatsächlich Meister geworden. Eine europaweite Sensation. Noch verrückter macht es der Umstand, dass der FC Thun 1898 gegründet worden ist – und seither noch nie einen Titel geholt hat. Nun ist der grösste Tag der Vereinsgeschichte also Tatsache.
Man wusste nicht, wie emotional eine Meisterfeier auf dem «Sofa» wird, statt direkt nach einem Spiel auf dem Platz. Die Frage ist schnell beantwortet. Noch bevor das Sion-Spiel in St. Gallen beendet ist, fliessen in der Lounge der Stockhorn-Arena die Tränen. Bei Andres Gerber (53), der dem Klub seit 23 Jahren als Spieler, Trainer, Sportchef und nun Präsident begleitet und nach dem Spiel kurz aus der Öffentlichkeit verschwinden muss, um die Emotionen zu verarbeiten. So mancher Spieler ist zu Tränen gerührt.
Die Erwartungen wurden immer grösser – dann entlädt sich alles
Wie Jan Bamert (28) ein paar Minuten nach dem Coup. Er hat feuchte Augen und sagt: «Nach aussen halte ich mich noch gut, im Inneren siehts anders aus. Familie, Freunde, sind hier. Und viele Spieler, mit denen ich in den letzten Jahren viel erlebt habe.»
Nach der spontanen Spielerpräsentation auf der Tribüne machen sie die Fans in einem Marsch auf Richtung Innenstadt. Währenddessen gibt Meister-Trainer Mauro Lustrinelli (50) gegenüber Blick noch ein Interview. Weniger als 24 Stunden nach den hitzigen Wortgefechten beim 1:3 in Basel ist er im siebten Himmel. «Wir haben in der Region eine solch unglaubliche Begeisterung entfacht, viele Leute wollten seit Wochen schon feiern. Wir haben die Erwartungen mitbekommen und wollten die Leute belohnen. Aber die Gegner sind stark und haben dagegengehalten. Deshalb ist es nun umso schöner.»
Bis am Freitag frei? «Geht in diese Richtung»
Als es ruhig geworden ist in der Stockhorn-Arena, begeben sich einige Meister-Fussballer wieder auf den Rasen. Matoshi, Heule & Co. spielen wie die kleinen Kinder zuvor beim Public Viewing, schieben einander Tunnels.
Oben auf der Tribüne muss Mauro Lustrinelli noch eine Frage beantworten. Kurz nach Schlusspfiff johlte er in der Loge mit den Spielern: «Montag? Frei! Dienstag? Frei! Mittwoch? Frei! Donnerstag? Frei! Freitag? Frei!» Stimmt das? «Es geht in dieser Richtung», sagt Lustrinelli mit einem Augenzwinkern. Die drei letzten Ligaspiele als Meister kann er mit der Mannschaft nur noch geniessen. Erste Gala? Am nächsten Sonntag in Sion.
Schreie unterbrechen das Interview. Klub-Legende Nelson Ferreira (43) ruft von weitem. Lustrinelli muss los. Draussen steht schon der frisch bemalte Meisterbus bereit, der das Team auf den Rathausplatz fahren soll. «Aacho, abgliferet, abgruumt!» steht darauf.
Um 18.40 Uhr wird Team frenetisch empfangen
Es ist 18.40 Uhr, als der Bus mit den Meisterhelden um die Ecken der Altstadt von Thun kurvt und beim Rathausplatz in der Innenstadt ankommt. Unter tosendem Applaus und Fanlieder wird das Team empfangen. Der Platz ist proppenvoll. Fanlieder werden angestimmt.
Captain Marco Bürki (32) ist der Tätschmeister, Matoshi, Labeau, Franke und Meichtry beschlagnahmen die zweite Etage des Brunnens. Ein Meisterkübel aus Pappe wird herumgereicht. Den offiziellen erhalten die Thuner dann nach dem Spiel am Donnerstag in einer Woche gegen Kantonsrivale YB. Ein Märchen.
Neben Bürki ergreifen auch Lustrinelli und andere das Mikrofon, putschen die Fans auf. Imeri und Labeau tanzen. Die Fussballer und Fans feiern. Es ist der vorläufige Höhepunkt der ersten Thuner Meisterparty der Geschichte. Und bestimmt nicht der letzte bei der ausgerufenen Freinacht in Thun.
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Thun | 35 | 35 | 74 | |
2 | FC St. Gallen | 35 | 22 | 63 | |
3 | FC Lugano | 35 | 14 | 63 | |
4 | FC Sion | 35 | 21 | 58 | |
5 | FC Basel | 35 | 6 | 56 | |
6 | BSC Young Boys | 35 | 3 | 48 |
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Luzern | 35 | 6 | 46 | |
2 | Servette FC | 35 | 4 | 46 | |
3 | FC Lausanne-Sport | 35 | -9 | 42 | |
4 | FC Zürich | 35 | -21 | 35 | |
5 | Grasshopper Club Zürich | 35 | -28 | 27 | |
6 | FC Winterthur | 35 | -53 | 20 |

